PASSIONSGESCHICHTEN (16)
VON DEM OBERGEMACH

Jesus trägt seinen Jüngern auf, einen Raum vorzubereiten. Einen ganz bestimmten Raum. In diesem besonderen Raum wird er ihnen (und damit uns auch) während einer ausgedehnten Mahlzeit jenen Algorithmus stiften, der Himmel und Erde auf sonderbare Weise neu verbindet. Dazu wird der Meister - vielleicht sogar mehr zu sich selber als zu uns - einige Worte sprechen, die das Brot dem Leib bzw. den Wein dem Blut gegenüberstellen. Das sind die Einsetzungsworte der Eucharistiefeier. Jesu Gegenüberstellung der Elemente Brot und Wein mit Leib und Blut geschah damals in aramäischer Sprache und deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit ohne den Gebrauch einer Kopula im Sinne der 3.Person Singular vom Verbum SEIN - also ohne „ist“. Als reine Zeichenhandlung vollzog sich Jesu umstiftender Sprach-Akt. Die alte rituelle Pessach-Mahlfeier erschien damals am Gründonnerstag zum ersten Mal in der modernen Eucharistie-Variante, mit der Jesus seinem Lebensweg am vorläufigen Ende dieses Weges einen Sinn gibt, der über die Todesschwelle ins Offene weist. Jesus zeigte das Brot und sagte dabei „mein Leib“. Er zeigte den Kelch und sagte „mein Blut“. Luther wird später im Streit mit den Calvinisten auf das Wort EST insistieren und mit Kreide auf den Tisch schreiben. Und wir verstehen es eigentlich auch nur mit diesem IST so richtig und wirklich: Das IST mein Leib. Das IST mein Blut. Irgendeine Art Identität der eucharistischen Substanzen mit den irdischen Dingen ist wichtig geblieben. Die Worte Realpräsenz und Transsubstantiation sind zwei Fachbegriffe, mit Hilfe derer wir nach wie vor versuchen, die uns verbliebenen Restchen Thomistischer Philosophie zu nutzen, um das Geheimnis des Abendmahles unserem Nachdenken ein wenig bequemer zu machen.

Dieses geschieht alles im Obergemach. Im Oberstübchen sozusagen ... Markus und Lukas beschreiben den Raum als ein über der Erde gelegenes wertig ausgelegtes Gemach. Manche Übersetzer meinen, es seien dort Polster gewesen, manche denken lieber an Täfelung mit edlen Hölzern. Es ist auf jeden Fall ein Obergemach, das man durch den einfachen Zufall betreten kann. Es liegt aber auf jeden Fall „über“ allem Irdischen. Es ist wichtig bei all den Dingen zwischen Gründonnerstag und Ostern nicht zu vergessen, dass nur die das Mysterium verstehen werden, die einige Schritte nach Oben nicht scheuen. Keine Angst, man muss nicht Esoteriker werden. Aber man muss sich von den rein irdischen Dingen lösen können. Sonst kommt man nicht in das Obergemach, wo der Algorithmus seine Wirkung entfaltet hat. Dort, wo unser Blut zu Wein wird durch sein Blut - und unser Leib Weizenkorn, wie seiner. Das Christentum ist jene Religion, welche der Verwandlung von Brot und Wein zu etwas, das man früher Pharmakon Athanasias (Unsterblickkeitselixier) nannte, einen bei allem Ernste erhaben-heiter stimmenden Kulturraum erschaffen durfte. Im Obergemach vielfältiger Mahlfeiern, des Gedankens und Gedenkens.

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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