12. Juli 2021
zu Stefan Georges 153. Geburtstag

Stefan George 12.7.1868 - 4.12.1933

Am 12. Juli hatte er Geburtstag. Wir verdanken ihm insofern Einiges, als er die deutsche Dichtung neu klingen gemacht hat. Zwar nicht  wie Luther für alle, dafür aber für wenige wichtige Leute. Jedenfalls ist er von der Geschichte deutscher Zunge nicht wegzudenken. Stefan George - Dichterguru, Mitglied des Straubinger Kosmikerkreises und Meister eines eigenen Zirkels handverlesener junger Männer, die jeder auf eigene Weise von sich Reden gemacht haben. Zu ihnen gehörte auch der Graphologe Ludwig Klages, dessen Buch "Handschrift und Charakter" sich Dietrich Bonhoeffer 1944 ins Gefängnis hat kommen lassen, um sich und den Mitgefangenen neben den Psalmen noch anderes über die Schrift und ihre Menschen mitzuteilen.

Es stimmt. George war einer der problematischen Typen. Aber ohne diese solche hätte die Welt nicht den Weg jener Geistesgeschichte genommen, den wir sie haben gehen sehen. Für alle die unter uns, welche jetzt ihre Stirnen in Sorgen falten, weil auch der Autor von Stahlgewittern und Marmorklippen sein Verehrer gewesen ist - George hat (wie Ernst Jünger) das 1933 an den Start gegangene sogenannte „Dritte Reich” aus ganzem Herzen und mit vollem Ekel abgelehnt und im Gegensatz zu dessen grotesker Brutalität ein eigenes „Geheimes Deutschland” in Versen zum Leben rufen wollen. Exemplarisch dafür das Gedicht vom Widerchristen: „Der Fürst des Geziefers verbreitet sein Reich.“ Weniger bekannt „Der Mensch und der Drud“.  Im Folgenden deshalb diese phantasierte Waldbegegnung zwischen Mensch und Drud uns zur Erinnerung. Übrigens auch zur Ehrenrettung einer grünen Metapolitik, die ihre historischen Wurzeln im Konservativismus fände, suchte sie ehrlich danach. (Es ist übrigens der 153. Geburtstag. Orthographie und Zeichensetzung natürlich in der Manier des Meisters). 

DER MENSCH
Das enge bachbett sperrt ein wasserfall -
Doch wer hängt das behaarte bein herab
Von dieses felsens träufelnd fettem moos?
Aus buschig krausem kopfe lugt ein horn ..
So weit ich schon in waldgebirgen jagte
Traf ich doch seinesgleichen nie... Bleib still
Der weg ist dir verlegt · verbirg auch nichts!
Aus klarer welle schaut ein ziegenfuss.

DER DRUD
Nicht dich noch mich wird freun dass du mich fandst.

DER MENSCH
Ich wusste wol von dir verwandtem volk
Aus vorzeitlicher märe - nicht dass heut
So nutzlos hässlich ungetüm noch lebt.

DER DRUD
Wenn du den lezten meiner art vertriebst
Spähst du vergeblich aus nach edlem wild
Dir bleibt als beute nager und gewürm
Und wenn ins lezte dickicht du gebrochen
Vertrocknet bald dein nötigstes: der quell.

DER MENSCH
Du ein weit niedrer lehrst mich? Unser geist
Hat hyder riese drache greif erlegt
Den unfruchtbaren hochwald ausgerodet
Wo sümpfe standen wogt das ährenfeld
Im saftigen grün äst unser zahmes rind
Gehöfte städte blühn und helle gärten
Und forst ist noch genug für hirsch und reh -
Die schätze hoben wir von see und grund
Zum himmel rufen steine unsre siege..
Was willst du überbleibsel grauser wildnis?
Das licht die ordnung folgen unsrer spur.

DER DRUD
Du bist nur mensch .. wo deine weisheit endet
Beginnt die unsre, du merkst erst den rand
Wo du gebüsst hast für den übertritt.
Wenn dein getreide reift dein vieh gedeiht
Die heiligen bäume öl und trauben geben
Wähnst du dies käme nur durch deine list.
Die erden die in dumpfer urnacht atmen
Verwesen nimmer · sind sie je gefügt
Zergehn sie wenn ein glied dem ring entfällt.
Zur rechten weile ist dein walten gut ·
Nun eil zurück! du hast den Drud gesehn.
Dein schlimmstes weisst du selbst nicht: wenn dein sinn
Der vieles kann in wolken sich verfängt
Das band zerrissen hat mit tier und scholle -
Ekel und lust getrieb und einerlei
Und staub und strahl und sterben und entstehn
Nicht mehr im gang der dinge fassen kann.

DER MENSCH
Wer sagt dir so? dies sei der götter sorge.

DER DRUD
Wir reden nie von ihnen, doch ihr toren
Meint dass sie selbst euch helfen. Unvermittelt
Sind sie euch nie genaht. Du wirst du stirbst -
Wess wahr geschöpf du bist erfährst du nie.

DER MENSCH
Bald ist kein raum mehr für dein zuchtlos spiel.

DER DRUD
Bald rufst du drinnen den du draussen schmähst.

DER MENSCH
Du giftiger unhold mit dem schiefen mund
Trotz deiner missgestalt bist du der unsren
Zu nah, sonst träfe jezt dich mein geschoss..

DER DRUD
Das tier kennt nicht die scham der mensch nicht dank.
Mit allen künsten lernt ihr nie was euch
Am meisten frommt.. wir aber dienen still.
So hör nur dies: uns tilgend tilgt ihr euch.
Wo unsre zotte streift nur da kommt milch
Wo unser huf nicht hintritt wächst kein halm.
Wär nur dein geist am werk gewesen: längst
Wär euer schlag zerstört und all sein tun
Wär euer holz verdorrt und saatfeld brach ..
Nur durch den zauber bleibt das leben wach.

Autor:

Matthias Schollmeyer

Webseite von Matthias Schollmeyer
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