DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 8)

auf dem Weg nach Neotania ... Marmor aus Carrara

Da lag er nun unter einer zentnerschweren Marmorplatte feinsten Carraramarmors. Leberecht hatte das Handy angeknipst, denn die Taschenlampenfunktion war auch ohne Eingabe des Gerätecodes bedienbar. Apple sei Dank. Gott sei Dank. Leberecht hatte im Verlauf einer gefühlten Ewigkeit die Bastmatten beiseite geruckelt und konnte nun im Schein der LED-Lampe sehen, was da über ihm lag. Tatsächlich - reinster Carraramarmor. Mit Steinen kannte er sich aus. Michelangelo, der zu den Lieblingsbildhauern Gottliebs gehörte, hatte dieses besondere Mineral berühmt gemacht. Und Leberecht Gottlieb verbrachte seit der Pensionierung alljährlich wenigstens einen Monat in der Toscana und bewanderte gern die Steinbrüche. Ja, - es war das teure Statuario, aus dem auch der David gemacht worden war. Auf der Innenseite, also jene Seite, welche dem Eingeschlossenen in seinem Grabtrog jetzt die ihm zugewandte geworden war, hatte man den Stein sehr glatt geschliffen. „Feldspat, Quarz und Glimmer - euch drei vergess ich nimmer” erinnerte der beklagenswerte Zeitpilot, der zudem nicht einmal wusste, ob er lebte oder tot sei - was auch immer dies heißen würde, bzw. der Unterschied zwischen beidem wäre. 

Wir wollen es kurz machen und die Leser nicht auf die Folter spannen, obwohl die Gelegenheit dazu günstig wäre. Leberecht Gottlieb, sächsischer Pfarr-Emeritus, der als Zeitreisender von seiner Landeskirche hinaus an die Ecken des Seins und an die Schwellen zum Nichts ausgesandt worden war, wie Mose seinerzeit seine Kundschafter ins gelobte Land geschickt hatte, lag unter einer Tonne teuren Kalksteins im Grabmal Josephs von Arimatäa, das dieser als Besitzer an den Gottessohn Christus abgetreten hatte. Die Zeitmaschine, mit der Leberecht hergefahren war, steht in dieser Halle - hoffentlich steht sie noch - und draußen schlich inzwischen der Karsamstag langsam durch Stunden und Minuten. Tag der Höllenfahrt Christi. Wir könnten den Pensionär Leberecht den gesamten Roman über in seiner Steinkuhle liegen und ihn dies und das erinnern lassen. Die „Bunten Steine” Adalbert Stifters - die 1.000 Seiten Erinnerung an das verstrichene Leben mit all seinen Zwicken und Tücken, die ganze vierzigjährige Dienstzeit wären in einer Art Decamerone Boccaccios  oder wie der Erzählung der Serapionsbrüder des E.T.A. Hoffmann zu konzipieren. Machen wir aber nicht. Wir sind ja gnädig mit dem Leser ... Und lassen es damit bewenden, nur kurz anzudeuten, wie der Pfarrer (nun wirklich i.R.) sich an Steine erinnert. An den einen besonderen Kiesel, welchen David aus fünfen erwählte, und wie Goliat danieder sank. An den Steinaltar des Urvaters Abraham, von dem aus er einen Zufallswidder aufsteigen ließ. An den Grabstein des Lazarus aus Johannes 11. Leberecht ging auch alle Grablegeplatten im Geiste durch, unter denen Bischöfe und Superintendenten auf den Tag des Jüngsten Gerichts warteten, von denen die gotischen barocken Kirchen seiner alten Heimat voll waren, weil die Institute, die in den Schutz der Denkmale verwalteten, diese Trümmer schätzten und dieselben deshalb nicht entfernt werden durften. Zu guter Letzt lassen wir den Verzweifelten mit Hilfedes Zündschlüssel aus dem Raumschiffs "Purgartorio" beim letzten Schein der LED seines Apple-iPhones ein paar Verse in den Stein kratzen, damit der Sargdeckel über dem Zeitreisenden würde etwas Rätselhaftes aufzuweisen haben, wenn man ihn dermaleinst lüftete. Dabei lassen wir den ehemaligen Pfarrer aufsteigende Quarten und Quinten singen. Leberecht erinnert sich auch an die hübsche Gemeindereferentin Undine von Bergengruen, die so gut singen konnte. Und die ihn bekannt gemacht hatte mit ihrem Urgroßvater, jenem protestantisch-baltischen Lyriker, der sich spät aber nicht zu spät! zum Katholizismus bekehrte und gar manches von Engeln was wusste. Dieses damals - lang ist es her - von der jungen Frau gelernte Bergengruengedicht ritzte der alte Leberecht jetzt in den polierten Carrarablock, der sich von außen so schicksalshaft über seine Person gesenkt hatte:

Wenn mich alle Liebe lässt,
Engel, halte du mich fest.

Vorersehn und beigesendet,
eh die Mutter mich empfing,
nun der Letzte von mir ging,
Engel, eh dein Amt sich endet,

Worte gib, dich zu beschwören,
Worte, dass dir nichts verbleibt
als den Rufer zu erhören,
den der Strom ins Dunkle treibt.

Bruder Engel, jede Nacht,
eh mich noch Dämonen fingen
haben, Hüter, deinen Schwingen
Morgenröten angefacht...

Engel, sei du mein Geleit,
alle Straßen dämmern wüst.
Engel, reiß mich aus der Zeit.
Engel, führ mich, wie es sei,
einmal noch, dann bist du frei.

Nimm von meiner Brust den Stein.
Lass mich, Engel, nicht allein.

Als Leberecht sein memoriertes Verskunstwerk mit großen, wenn auch der beengten Situation geschuldet einigermaßen ungelenken, Buchstaben in den Marmor gekratzt hatte, spürte er, wie die Platte sich plötzlich bewegte und Stimmen laut wurden. Ach, es waren ...

In weiteren Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer

Webseite von Matthias Schollmeyer
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