DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 6)

auf dem Weg nach Neotania ... das OZI-Trilemma

Die Verbindung zum Kirchenamt war nun also definitiv verloren gegangen. Weil Leberecht Gottlieb das ihm von den Dresdner Brüdern mitgegebene Handy während der sieben letzten Worte Christi vom Kreuze herab ausgknipst hatte, musste er beim Reaktivieren des Gerätes unvermeidlich sechsstelligen Gerätecode eingeben - den kannten aber nur die Kollegen an der Elbe. Wohl könnte der Emeritus nach dorthin zurückreisen und den Code erfragen. Ja, - eine solche Reise wäre möglich - mit Hilfe der ausgetüftelten Gottliebschen „Ort-Zeit-Salamitaktik” könnte er sich der Stadt an der Elbe Stück für Stück annähern, genauso, wie er auch hier in Jerusalem gelandet war. Aber schon übermorgen sollte die österliche Auferstehung Christi stattfinden - und da wollte er dabei sein.

Deshalb verschob Leberecht eine Kontaktaufnahme mit dem Kirchenamt auf unbestimmte Zeit und bastelte weiter an seinem großen Plan, dem Ostermorgen als leibhaftiger Zeuge beizuwohnen. Während der nun folgenden sehr differenzierten Unternehmensplanung tauchte aber noch eine zusätzliche Schwierigkeit auf - denn vor dem Ostermorgen lag noch die Höllenfahrt des Gekreuzigten, von der uns der 1. Petrusbrief Kunde gibt und das sonntäglich memorierte Apostolikum nicht minder.

Sollte Christus alleine zur Hölle fahren müssen? Sollte Leberecht seinen abgetanen Meister, bevor er dessen Glorie feiern durfte, nicht auch hinab in die infernalischen Tiefen des acharonischen Karsamstags begleiten? Wenn nun mit dem Fürsten der Hölle doch etwas schief liefe, käme es auf ihn, Leberecht Gottlieb, den Pfarrer i. R. aus Mumplitz in Sachsen und jetzigen Pensionär im schwäbischen Altersheim „Elysio” nahe der berühmten Universitätsstadt Tübingen an. Sicher ist sicher - mit einem sächsischen Emeritus konnten Himmel und Hölle rechnen! Nun galt es nur noch, die gemeinsame Fahrt hinab klug vorzubereiten und dann auch durchzuführen.

Wie aber konnte man überhaupt in jene Hölle gelangen, von der Origenes wollte und deshalb dieses auch aufschrieb, sie sei am Ende leer? Für welche Lehre er dann fast verdammt worden war. Jetzt nur nicht zaudern. Mit allergrößter Sicherheit war Christus nämlich (inmitten einer großen Schar anderer Verstorbener) zum flammenden Unort bereits längst unterwegs, um daselbst die lieben Ureltern Adam und Eva, die sich bekanntlich im Paradiesgarten schon vor langer Zeit leider vertan hatten, dem täglichen Kreislauf teuflischer Strafexerzitien zu entreißen und ihnen beiden - und auch anderen, die dessen würdig wären - zum Weg hinauf an das Licht ein Tor zu öffnen.

Aber ach, wenn da doch nicht diese Agatognóseosischen Axiome wären … Denn, gesetzt den Fall, Leberecht würde auf der Ortsuhr des Raumzeitgleiters die Lokation „Hölle” eingeben und die Zeituhr dabei auf den 4.4.33 um 12 Uhr stellen, dann würde er zwar zu diesem Zeitpunkt im Inferno sicherlich angelangen - aber als was oder als wer? Wäre er immer noch Leberecht Gottlieb oder wäre er durch das Reisen zu einer ganz anderen Person geworden? Denn, so besagte das OZI-Axiom, man durfte Zeit und Ort nie!!! zugleich genau fixieren. Die OZI-Gesetze hatte Professor Dimitri Agatognóseos in Nachfolge der Heisenbergschen Unbestimmbarkeitsüberlegungen in kostspieligen Experimentalreihen der Wirklichkeit abgetrotzt. Das Ergebnis lautete: Nur immer maximal zwei der insgesamt drei Konstanten des OZI-Feldes durfte man ungestraft als fixe Größen ansteuern! Es gab somit also drei Möglichkeiten:

1. Waren diese fixen Größen einerseits die inhaltliche Gestelltheit der Person und andererseits der Ort, so unterlag die Ankunftszeit einer unbestimmbaren Verschiebung.
2. War es dagegen die Zeit und die inhaltliche Gestelltheit der Person, die Bestand haben sollten, dilatierte der Ankunftsort des Reisenden.
3. Wurden dagegen sowohl Zeit als auch Ort der Ankunft beide zugleich fixiert, war die dorthin reisende Person einer unplanbaren Metamorphose unterworfen.

Im Genaueren hieß das für den Fall einer Höllenfahrt Leberecht Gottliebs: Wollte er er selbst bleiben, landete er zwar sicher am 4.4.33. Aber eben vielleicht nicht in der Hölle, sondern z.B. genau an jenem Platze, wo später einmal sein ehemaliges Kirchenamt stehen würde - in der Dresdner Lukasstraße Nummer 6. Dort würde er Christus nicht helfen können. Oder die andere Variante - wollte Leberecht Gottlieb Leberecht Gottlieb bleiben und stellte die Uhr auf den tatsächlichen Koordinatendatensatz der Hölle ein, landete er tatsächlich an diesem finsteren Ort - aber eben vielleicht erst zur Zeit Dantes. Und da würde er die Ankunft Christi verpasst haben. Ob man dann am Cerberus wieder vorbei und aus den Gluten weg käme - war zumindest unsicher … Ein richtiges klassisches Trilemma. Guter Rat war teuer.

Und dann noch etwas - gab es überhaupt einen Datensatz zur Hölle? Leberecht Gottlieb ließ die Software Alexa lange suchen - und tatsächlich, sie gab einen Treffer bekannt. Das Tal Gehenna aus dem Buch Henoch oder das islamische Dschahannam bezeichneten da eine unangenehme Lokalität, von der Karl May in einem Buch namens „Durch die Wüste” den Helden Hadschi Halef Omar Zeugnis ablegen lässt: „In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen … für die Christen, … die … müssen … vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen.”
Dieses Tal, von dem in der Literatur so oft und immer, immer wieder berichtet worden ist, wies die Borduhr des Gleiters mit den Koordinaten 31° 44′ 50″ nördlicher Breite und 35° 9′ 28.6″ östlicher Länge aus.

Leberecht war ratlos. Er sann lange nach. Dann aber setzte er sich hin, betete ein Vaterunser, dazu das Glaubensbekenntnis und so nicht schlecht zugerüstet setzte er alles auf eine Karte - und beschloss, das Trilemma des Professors Agatognóseos’ ähnlich zu durchbrechen, wie einst Ödipus den gordischen Knoten zerschlug.  Mit Gewalt. Er, Leberecht Gottlieb, würde Zeit und Ort allen Axiomen und Warnungen zum Trotz beide zugleich fixieren und die mögliche Metamorphose der eigenen Person riskieren. Der gute Hirte wagt sein Leben für die Schafe. Hieß es nicht so im Johannesevangelium? Und an anderer Stelle: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.

Gleich darauf stellte Leberecht Gottlieb die Uhr auf die Daten des Hinnomtales ein und drehte den Zeitzeiger auf den Karsamstag 4.4.33 gegen 12 Uhr Mittags. Die Mittagszeit schien ihm ein guter Augenblick dafür zu sein, den ultimativen Show Down der höllischen Macht einzuleiten

In weiteren Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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