DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 5)

auf dem Weg nach Neotania ... im Kerker

Da saß Leberecht Gottlieb nun in der Burg Antonia - bzw. lag auf Resten verschimmelnden Strohs eingekerkert in einer ihrer  finstersten Kasematten . Der Pfarrer i.R. musste ununterbrochen niesen, dermaßen stach ihn der Geruch der Räumlichkeit in die empfindliche Nase. Leberecht war jedoch nicht allein, sondern mit einem unangenehmen Zellengenossen zusammengeschlossen worden. Dieser Mann sprach irgendeinen aramäischen Kauderwelsch, welchen Leberecht Gottlieb jedoch einigermaßen gut verstand - wieder einmal kamen ihm seine Jahre als Hilfsassistent bei Profossor Silberstein am orientalischen Seminar Halle/S. zu Gute. Der Mitgefangene hieß Barabbas und schien viel auf dem Kerbholz zu haben und sollte am nächsten Tag hingerichtet werden, soviel war klar. Der Mann war kräftig und schien eben offenbar einen Plan zu seiner Rettung gefasst zu haben, denn er riss Leberecht die Kleider vom Leibe, bis dieser ganz nackt auf dem feuchten Zellenboden kniete und um Erbarmen flehte. Barabbas lachte laut auf und zog nun auch seine eigenen Kleidungsstücke aus. Leberecht befürchtete bereits Schlimmstes - jedoch war seine Furcht vor obszönen Körperlichkeitsaktionen ganz umsonst gewesen. Jener Barabbas legte nämlich nur die silberne Raumzeitfahrerkluft Leberechts an und zwang den entblößten Zeitreisenden, die stinkenden Gefangenensachen, welche in Schimmel und Strohs gesunken waren, überzuziehen.
Nach diesem Kleiderwechsel saß Leberecht völlig deprimiert am Boden und suchte nach hilfreichen Methoden, mit der grotesken Situation fertig zu werden. Der Ausspruch des Heiligen Tertullian in der Schrift AN DIE MÄRTYRER fiel ihm ein. Den hatte er in seinem Mumplitzer Amtszimmer Jahrzehnte lang über dem Stehpult hängen gehabt: „Denn auch die Athleten sondern sich wohl zu einer strengern Zucht ab, um in Ruhe der Vermehrung ihrer Kräfte obzuliegen. Sie enthalten sich der Wollust, der anregenderen Speisen, von jedem fröhlicheren Trunk, sie tuen sich Zwang, Qual und Mühe an. Je mehr sie sich in den Vorübungen abgemüht haben, desto sicherer hoffen sie auf den Sieg.”  Leberecht murmelte diesen Spruch halblaut in Latein immer wieder vor sich hin. Auf diese Weise brachte er mehrere Stunden zu - draußen war inzwischen sicher bereits der Karfreitag angebrochen.

In der Tat, es rasselten plötzlich Schlüssel im Schloss, die Schergen des Pilatus traten herein und riefen den Namen des Barabbas. Der reagierte gar nicht, sondern hatte den Kopf zur Wand gedreht, um von den Wächtern nicht erkannt zu werden. Die Wächter vermuteten den Gesuchten nicht in dem silbernen, sondern dem hässlichen Gewand, schnappten sich den Mann in den Lumpen und rissen Leberechten empor - und schon waren sie zu dritt  wieder aus der Zelle heraus, aus der Burg und gleich auf dem Steinpflaster Lithostratos angekommen. Dort saß Pilatus auf dem Richtstuhl und - Leberecht Gottlieb erschauerte - daneben stand der Meister in Fesseln an der Wand des Richthauses mit Dornenkrone, Purpurmantel und klugem Gesicht. Er schaute Leberecht Gottlieb direkt in die Augen. Und machte jene Handbewegung, welche man bei ihm von den Ikonen her so oft beobachten kann. Leberecht ahnte, was jetzt  gleich kommen würde. Und es kam. Man hörte die in sehr einfachem Griechisch gestellte Frage des Pontius Pilatus: Τίνα θέλετε ἀπὸ τῶν δύο ἀπολύσω ὑμῖν? "Welchen soll ich euch losgeben. Euern König Jesus - oder den Jesus Barabbas?" Da schrie das Volk und schrie und schrie und schrie. Es schrie jenen Akkord, den Johann Sebastian Bach in der Matthäuspassion für alle Zeit unübertroffen und nie zu übertreffen wiedergegeben hat

                       B a  r a b b a m ! ! !

Als dieser Name erscholl, schien der Meister zu lächeln. Hatte er dabei nicht dem erst in 2000 Jahren der Kirche dienenden zukünftigem Knecht sogar ein wenig zugeblinzelt? Leberecht blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Denn schon löste man ihm die Fesseln an Händen und Füßen und stieß ihn die Tribüne hinab, wo er in der tobenden Meute aufgehetzter Gottesverächter landete und von Glück sagen konnte, dass seine morschen Knochen beim Sturz nicht zerschmettert wurden. Er machte sich davon und nach einigen Stunden war er beim Versteck des Raumgleiters angelangt, bestieg denselben und ließ sich etwa eine Hundertstelsekunde hinaus in die Zukunft versetzen. Gerade so viel, dass er selber noch beobachten konnte, was eben geschehen war - man ihn selbst aber nicht sehen konnte, weil er noch nicht ganz sichtbar geworden, da diese eine einzige Hundertstelsekunde in der fast angebrochenen Zukunft stetig mit ihm vorauseilte. Nur die Hunde sahen Leberechten und bellten. Und ein paar Pferde scheuten, als der Gleiter in ihre Nähe kam.

Dann ließ es sich Leberecht Gottlieb nicht nehmen, neben dem das schwere Kreuz tragenden HERRN über der Via Dolerosa zu schweben. Nein, er griff nicht ein. Wie denn auch? Durfte er das Heilswerk Adonajs stören? So sah er eben alles und betete jeden Handgriff mit. Er sah, wie die schöne Heilige Veronika Christus ihr nach Veilchen duftendes Seidentuch zuwarf und der Gottessohn den Charakter seines Antlitzes für alle Ewigkeit darinnen verewigte … Der sächsische Pfarrer wurde Zeuge jener Dinge, welche die Evangelisten später aufschreiben würden und die Bibel uns bis auf den Tag verkündet, egal ob es die Leute glauben mögen oder ob sie dieses nicht wollen bzw. nicht können.

Und gerade in dem Augenblick, als ein Centurio mit seinem schweren Eisenhammer drei geschmiedete große Nägel ins Fleisch des Gottes trieb, kam jener Anruf aus dem Kirchenamt: „Ob mit ihm alles o.k. sei“,  wollte man wissen. Leberecht drückte den Anruf weg. Doch läutete man erneut immer wieder - inmitten der sieben heiligen Worte vom Kreuz störten die Leute aus Dresden die Wirklichkeit des Heils zu Jerusalem. Leberecht Gottlieb schaltete das Handy ganz und komplett aus, so dass es nicht mehr klingeln konnte.

Bald war alles vorbei und genauso geschehen, wie die vier Evangelisten es berichtet haben. Der Zettel mit den vier Buchstaben INRI, die Würfel der Soldaten und die Sonnenfinsternis, die allerdings eine Mondfinsternis war, welche sich einstellte, als es dunkel geworden. Nach vier Stunden kam der Arimathäische Joseph zusammen mit Simon von Kyrene, Nikodemus und den Frauen. Sie nahmen den Leib des entschlafenen Gottes vom Kreuz herab und fuhren den entseelten Körper auf einem Karren, der jenen schwarzen Barken glich, welche auf dem Nil zu fahren pflegen, nach dem Garten Ganacharim. Dort legten sie Jesus, den Christus, in ein ganz neues Grab und gingen davon. Leberecht Gottlieb hatte alles mit angesehen und glitt in seiner Zeitmaschine Richtung Negevwüste davon. Er überlegte, was es zu tun galt. Als Erstes war im Kirchenamt anzurufen, um zu erklären, warum er auf den Anruf nicht reagiert habe. Beherzt knipste Leberecht das ihm mitgegebene kircheneigene Handy an - und sollte nun einen achtstelligen Code eingeben. Welcher Code war das? Man hatte ihm keinen Code mitgeteilt. Wieder ein grober Fehler in der Planung. Die Verbindung zu den Auftraggebern seiner Reise war also unterbrochen …

In den nächsten Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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