Ankunft des Christentums
Versuch eines romantischen Essays

Fliegen und Gehen

Aus dem Kompost tausender vorheidnischer Mythen und schließlich ganz losgelöst von finsterstem aus Not und Zwang gezeugtem Brauchtum erhebt sich eines späten Morgens das Christentum zu freiem Flug über die Schutthalden des Geistes. Nun aber war es doch möglich geworden: Jüdische Eingottverehrung und griechische Religion gaben das Ihrige dazu, gaben Hilfestellung und traten dann selber bescheiden in den Hintergrund. Denn ein neuer Phönix schwebte zwar noch unsicher, dann aber schraubte er sich langsam in die Höhe und blieb bis heute über der Asche des grimmigen Vatergottes und einer großen Mutter schweben, welche beide sich selbst treu bleibend bei den Altäre ihrer jeweiligen Priesterschaften ausharren.
Der neue Vogel aber will nicht mehr nur auf der Erde nisten. Zwar muss er sich hin und wieder noch allerlei Abgründe zur vorläufigen Ruhestadt erwählen, kann jedoch von solchen Schluchten aus sich glücklich zu freiem Flug erheben. Das ist das Neue! Nie wieder muss er in jene Höllen zurück, in denen seine Vorgänger Kräfte tankten, welche den Blutdurst alter Geister jahrtausendelang genährt hatten. Ja - das junge Christentum war irgendwann in den Zustand des Schweben-Könnens gelangt. Und ist bis auf den heutigen Tag Mauerseglern vergleichbar, deren Kunst darin besteht, auch im Schlafe fliegen, bzw. fliegend schlafen zu können. Dafür haben sie unsere Bewunderung - und auch die zurückbleibenden Verwandten, von denen der Neue Weg abgezweigt war.

1. Die jüdische Gemeinde für ihren Teil machte damals weiter wie bisher - und sie trägt dafür unendliches Leid durch die Zeiten - auch bis auf den heutigen Tag. Wo sie sich erneuerte, sehen wir Wissenschaft und Philosophie entstehen, hören neue Musik erklingen und bestaunen beachtliche und unnachahmbare Kunstwerke. Wo sie blieb, wie sie war, hat sie unser Erstaunen und Anerkennung für jahrtausendelange Treue.
2. Der antike Götterglaube dagegen verliert seine direkte Lebendigkeit - schenkt sie aber als Traum den Übersetzern seiner griechisch überlieferter Gesänge besonders in den Ländern nördlich der Alpengipfel. In den Gedanken der Romantiker und in ihren Werken - kurz gesagt, in lebensphilosophischen Blüten (z.T. sonderbarster) Art kann Hellas überdauern. Ludwig Klages, Bachofen, Nietzsche und F.W. Otto wären hierfür als wichtige Zeugen anzurufen. Letzteren hatte sich D. Bonhoeffer für die ihm zeitlich noch verbleibende Wegstrecke zum geistlichen Begleiter erwählt - wurde aber, bevor er selber inhaltlich etwas in die Richtung einer entsprechenden Renaissance hätte ausführen können, in den letzten Stunden des verendenden braunen Titanismus brutal von denen getötet, die dachten, sie hätten das Erbe des Abendlandes angetreten.
3. Sollen wir den Islam als wichtigen Stiefbruder von Juden und Christen an dieser Stelle vergessen? Wo er sich nicht in eine Art Kulturislam verwandelte konnte, oder sich in die Islamwissenschaft als Beschreibung des Niedergangs einer Widerstandbewegung gegen das arrogante Byzanz und das ihn im 20. Jahrthundert überflügelnde Europa rettete, sank er irgendwie zurück - und ist für die Glaubenskultur der sogenannten modernen Welt nicht wirklich relevant geblieben. Weil ihm trotzdem Millionen Menschen anzuhängen scheinen, wird dem Islam nun zwar erhöhte Aufmerksamkeit gezollt. Da er sich in der Öffentlichkeit bisher allerdings vorwiegend durch übermäßige Betonung tribaler Traditionen und mit Hilfe phobokratischerAktionen und Ressentiments in Erinnerung gebracht hat, ist er ein Fall für die Geheimdienste verantwortlich regierter Länder geworden.

Das Christentum jedoch selbst - was ist das eigentlich? Man kann es ganz undogmatisch erst einmal der Idee nach als eine schimmernde Folie betrachten, auf der die Abbildungen unseres menschlichen Lebens magnetischen Halt finden - das heißt verstanden werden können, ohne allzuschnell verloren zu gehen und ins Nichts der Beliebigkeit abzugleiten.

Die Folie selbst besteht aus der durchaus glaubhaft geschilderten Abfolge von Geschehnissen, die in einigen wenigen Schritten den Verlauf des menschlichen Lebens überhaupt erzählen, wie jede Person es erlebt: Geburt, Lebensspanne, Tod. Wer die Botschaft des Christentums vom freundlichen und allen Menschenkindern günstig gestimmten Gott hört, davon liest, es bedenkt und beherzigt, schließlich das eigene Leben daran ausrichtet - und dem Ganzen gegenüber bei aller verbleibenden Kritik gewissermaßen doch noch glaubt bzw. glauben will, ergreift damit eine spezielle Art der Interpretation dieses Dreischritts im Leben. Der Dreischritt besteht aus Ankunft, Hiersein und Fortgehen.

Dabei wird die Angst weniger, die Kraft zu handeln stärker, die Ruhe größer, der Hass kleiner, der innere Frieden beginnt zu wirken und die Tugenden verwandeln bisher unerreichbar erscheinende Fiktionen in mögliche Charaktereigenschaften. Sogar der Tod erscheint schließlich in einem ganz anderen Lichte, - und damit gewinnt das Leben besonderen Glanz. Gott wird aus einem theoretischen Gedankending zu einer wertvollen Variable, die alle Gleichungen im Sinne des Lebens ändert. Zugleich wird aus dem alten  wutschäumenden Großvatergott, für dessen Tyrannen-Allüren man sich in der Familie schämen muss, ein gütiger Vater - meinetwegen auch eine wohlmeinende Mutter. Der ständige Hang zur kritischen Selbstbespiegelung erbarmungsloser Gottsucher weicht der entspannteren Art - man will sich nun gern als Schöpfung Gottes akzeptieren und muss nicht ständig mehr im Sinne notwendiger Optimierung an sich und anderen herummäkeln. Die Welt rückt einem so nahe, dass man sie auch im Sinne der Teilgabe ihrer Güter an möglichst viele verbessern will. Denn es wird klar: Gott ließ noch eine Menge Freiraum übrig. Und er hat uns aus seinem Spielzeugwerkzeugkasten einiges liegen ließ - Primzahlen, Elementarteilchen, schwarze Materie - um nur um ein paar einfachere Sachen zu nennen.

Auch der Umgang mit der Schuld wird anders. Keiner muss sich mehr selbst hassen und zerstören, um Schuld abzutragen. Der Sohn Gottes selbst nämlich hat für alle Zeiten alle Schuldzahlungen durch ein waghalsiges Lebensopfer am Verbrechergalgen beglichen. Und das ist wohl das Genialste, was die Kirche von den Blutaltären der Heiden gerettet und mitgenommen und neu „umgedacht” hat. Es ist auch das, was am wenigsten geglaubt wird, weil die Menschen es offenbar nötig haben, selber schuldig bleiben zu können - um dadurch auch anderen ewige Schuld zurechnen zu müssen. Genau deshalb ließ, als die Zeit erfüllt war, der Schuldlose sich von den Schuldigwerdenwollenden aller Zeiten das Leben nehmen, indem er es hingab. Weil es nun aber ein Gott war, der solches tat, ist diese Tat jenseits der Zeit anzusiedeln.  An dieser Stelle schlägt das Herz der römisch katholischen Vorstellung vom Altarsakrament: Das in der Zeit immer wieder neu vollzogene Opfer durch die Priester am Altar ist nichts anderes als das einmal für alle Zeiten vollzogene Opfer Jesu auf Golgatha - immer wieder jenseits der Zeit. Eine zeitliche Vorstellung mit allem was zeitliche Kategorien bewirken, ist hier unangebracht.

Die Lehre von der leiblichen Auferstehung schließlich, oft verlacht, ist das Letzte und die Ultima Ratio aller denk- und bisher undenkbaren Dinge. Diese Lehre ist das, über das hinaus nichts Größeres zu hoffen ist. Nichts geht verloren, was auf dieser Erde geschehen musste. Aber in der Esse des Fegefeuers wird es vorher neu ausgerichtet und zurecht gebracht, ehe es zu den geglückten Kunstwerken der Schöpfung aufsteigen darf. Das ist der Ernst und der Charme der Lehre von der Auferstehung des Fleisches. Alle steigen in das Empyreum auf an jenem Tage, dessen Datum sogar im Terminkalender Gottes wohl noch nicht angestrichen ist. Nur die ganz Missmutigen werden drunten in der Hölle bleiben dürfen. Man wird über dieselben Freudentränen lachen, wenn sie als Letzte dann doch noch an den unendlich viel freien Plätzen der Tafel Christi Platz nehmen wollen ...

Autor:

Matthias Schollmeyer

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