"... alle ausgelöscht"
Karl May & Cancel Culture

- Auslöschen - 
Otto Ubbelohde * 5. Januar 1867 in Marburg an der Lahn; † 8. Mai 1922 in Goßfelden  (Gemeinfreies Bild aus der WIKIPEDIA)
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    Otto Ubbelohde * 5. Januar 1867 in Marburg an der Lahn; † 8. Mai 1922 in Goßfelden (Gemeinfreies Bild aus der WIKIPEDIA)
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Wer als Knabe Karl Mays Winnetoubücher verschlungen hat, wird dabei gemerkt haben, dass da nicht selten reihenweise irgendwelche Leute „ausgelöscht” worden sind.

Sam Hawkens: „Wo sind plötzlich all die Indsmen hin?”
Humple Bill: „Ausgelöscht.”
Sam Hawkens: „Und die Trapper um Rattler?”
Gunstick Uncle: „Ausgelöscht.”
Sam Hawkens: „Wirklich alle ausgelöscht?”
Humple Bill: „Alle ausgelöscht.”
Sam Hawkins: „All Heavens!”

Man muss jetzt nicht über die literarische Qualität solcher und ähnlicher Dialoge des bekannten Radebeuler Abenteuerautoren streiten. Es soll aber tatsächlich einmal um das sogenannte „Löschen” gehen, um das Auslöschen und das Ausgelöscht-Werden, von dem Karl May so oft schrieb. Was ist Auslöschung?

Der Film DIE AUSLÖSCHUNG (2013) mit Klaus Maria Brandauer und der unvergleichlichen Martina Gedeck schildert das Schicksal eines an Demenz rasant erkrankenden Kunsthistorikers, der durch die Zufallsbegegnung mit einer Restauratorin noch einmal sein Leben aufwerten lassen kann - und der dann an die Schulter seiner Frau gelehnt auf einem weinroten Plüschsofa in die andere Welt hinüberdämmern darf. Das Fläschchen, welches im Bücherregal hinter der Senecaausgabe seit Monaten versteckt gewesen war, tat dabei seine gute Wirkung. „Bei Seneca ist Trost!” Auslöschung, Löschung - ausgelöscht. Der Film ist traurig, denn er zeigt, wie der Geist langsam aus dem Kunsthistoriker weicht - und Brandauer spielt das Verschwinden des Geistes und seine letztendliche Auslöschung großartig, die perfekte Löschung. 

Dann gibt es noch das Verlöschen der Kerzen in der Kirche nach dem Gottesdienst. Ein guter im Dienste des HERRN ergrauter Kirchendiener wandelt langsam durch sein Gotteshaus und lässt vermittels eines Löschhütchens die vielen Bienenwachslichter eins nach dem anderen (bis zur nächsten Messe) einschlafen. Das ist die gute Löschung. Aber es gibt auch ganz andere Löschungen. Wenn Beiträge und Kommentare zu diesen Beiträgen getilgt werden. 

Auch bei „Glaube und Heimat” gibt es irgendjemanden (oder ist es eine Irgendjemandin?), die das ernste Scharfrichter-Amt der ausüben müssen. Auf den roten Knopf drücken, der die digitalysierende Guillotine herabsausen lässt. Kommentar gelöscht. Klar, - manche Beiträge sind kritisch. Die passen nicht in das Bild des Durchschnitts unserer harmlos bleiben müssenden Gazetten, egal ob sie den umstrittenen Begriff einer "Heimat" noch im Schilde führen oder sich modern "Publik-Forum" nennen. Jedes Blatt bedient ein bestimmtes Milieu, eine bestimmte Klientel - an den Rändern wird es zwar meistens interessant, aber eben auch kritisch und unorthodox bis frech und unverschämt. Löschen ist eine Möglichkeit. Ob sie die beste ist?

Das Portal meine-kirchenzeitung.de kommt richtig gut daher. Die Kirchenzeitung der Sächsischen Schwester-Kirche dagegen hat gar keine Kommentarfunktion mehr. Warum nicht? Hängt es mit der lustigen Wahrheit jenes Singsangs zusammen, der da lautet: „Mir Sachsen, min sin helle / das weeß de ganze Weld“. Beides aber ist besorgniserregend. Einerseits, dass die Albertiner ihr Kommentartor beim „Sonntag“ geschlossen halten - und andererseits das Tor der ernestinisch Thüringisch/Provinzsächsischen „Glaube&Heimat-Zeitung“ prinzipiell zwar für alle offen steht, aber eigentlich Kommentare nicht so recht vorankommen wollen oder können. Wenn dann doch einmal nicht systemkonform kommentiert worden ist, wird manchmal gelöscht. Es ist wenig ermutigend, wenn man ausgelöscht wird ... siehe Karl May.

War er es übrigens, der mit seinem aus Klotzsche bei Dresden stammenden Kleeblatt (Hawkens, Uncle, Bill) als geistiger Vater der sich heute immer mehr ins Öffentliche fressenden Cancel-Culture angesehen werden muss? Sicher nicht - eine solche Behauptung gehörte ins Reich der Verschwörungstheorien, denen hier nicht das Wort geredet werden soll. Allen Leute in den Redaktionsstuben, hinter den Schreibtischen oder mutterseelenallein im düster-freundlichen Homeoffice:

„Löschet nicht, Ihr lieben Brüder!
Schwestern, schreibet selber lieber
das, was wirklich uns passiert
und als Leserschaft pressiert! „

Schickt nicht Bonhoeffer in unsere Richtung immer noch die maßgeblichen Worte: „Die Kirche muß aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt und uns getrauen, anfechtbare Dinge zu sagen.”  In dem bekannten Sammelband aus der Haft „Widerstand und Ergebung” können wir das lesen. Es ist noch nie gelöscht worden. Denn es stimmt. Es ist nicht zu löschen. Es gilt immer noch.

Versöhnung! Freilich, eine grundsätzliche Möglichkeit zur Löschung muss erhalten bleiben. Quatsch und Unsinn und Beleidigung, menschengruppenverachtende Hasshetzereien (ob nun über Ungeimpfte oder Geimpfte ausgegossen oder in andere Richtung formuliert) sollen keinen Platz in einer Kirchenzeitung haben. Aber Kommentare zu Artikeln, die zu Problemen der Gegenwart Stellung nehmen, sollten stehen bleiben dürfen. „Es wird kommen eine Zeit, da werdet ihr begehren zu lesen einen Kommentar, und man wird ihn euch nicht lesen lassen” (Lukas 17,22). Von Zeit zu Zeit erfasste in der Geschichte menschlicher Gesellschaften eine Art allgemeiner Demenz die Qualität von Kultur, Journalismus, Bürgerstolz und Zivilcourage. Wir in der Kirche sollten die Letzten sein, die beim großen Einschlafen mitmachen - damit wir beim Erwachen die Ersten bleiben können …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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