Geistliche Wegzehrung

Christoph Markschies

Bilanz: Professor Christoph Markschies, Vorsitzender der Kammer für Theologie in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), schaut zurück und blickt nach vorn.

Das Reformationsjubiläum ist noch nicht vorbei und Sie ziehen bereits Bilanz. Hatten Sie Ihr Fazit schon länger in der Schublade?
Markschies:
Das Buch habe ich im Sommerurlaub 2017 konzipiert, in Berlin gleich im Anschluss daran geschrieben und darauf ging es in den Druck. Es ist natürlich keine wissenschaftliche Auswertung, sondern ein persönlicher Eindruck vom Jubiläum und Vorschläge für Konsequenzen. Ich habe mich aber darum bemüht, Meinungen vieler innerhalb und außerhalb der Kirchen zu berücksichtigen.

»Aufbruch« groß geschrieben, die »Katerstimmung« kleiner darunter. Das sieht nach Durchhalteparole aus?
Markschies:
Durchhalteparolen werden ausgegeben, wenn die Lage hoffnungslos ist. Davon kann gegen Ende des Jubiläums nun wirklich keine Rede sein: Viele Gemeinden haben sich neu auf reformatorische Theologie eingelassen, viele Menschen, die der Kirche fernstehen, haben mindestens ansatzweise begriffen, was Reformation beispielsweise mit Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft zu tun hat.
Ich habe viele begeisterte und engagierte Menschen getroffen. Nun gilt es, möglichst viel von Begeisterung wie Engagement in die nächsten Jahre zu tragen. Warum nicht bald wieder Kaffee und Kuchen für alle an einem Samstag in der Leipziger Petersstraße wie beim Kirchentag auf dem Weg?

Warum war dieses Jahr – entgegen der Journalistenkritik – kein Flop?
Markschies:
Weil unendlich viel passiert ist: In einzelnen Gemeinden, in Mitteldeutschland und an vielen weiteren Orten hierzulande und in Europa: gemeindliche Veranstaltungen, Lesekreise und Konzerte, ein Luther-Oratorium mit viertausend Sängern, ein europäischer Stationenweg, Texte Luthers in leichter Sprache, Hunderte großer und kleiner Ausstellungen, kluge Texte nicht nur von Theologen, Tische voller gelehrter, aber auch ganz schwungvoll geschriebener Bücher für allgemein Interessierte – und viel, viel mehr wäre noch aufzuzählen. Was wiegt da schon die Tatsache, dass man für eine Ausstellung in Wittenberg mit mehr Besuch gerechnet hatte? Zur Internationalen Gartenausstellung Berlin sind wegen Regens auch weniger Menschen gekommen als erwartet.

Es wurde viel von und über Ökumene geredet. Gibt es greifbare Fortschritte?
Markschies:
In Hildesheim beim Versöhnungsgottesdienst im März haben die Kirchen nicht nur gegenseitig Schuld bekannt und Gott für die jeweils andere Konfession gedankt. Sie haben sich konkret verpflichtet, füreinander im Gottesdienst zu beten und nicht nur für die eigene Kirche.
Viele katholische Theologen und Bischöfe setzen sich dafür ein, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam Eucharistie feiern dürfen. Der Papst hat immer wieder einmal dokumentiert, wie nahe seine eigene Theologie der von Martin Luther ist.
Weltumstürzende Entwicklungen waren von einer Jubiläumsfeier nicht zu erwarten. Für die ganz großen Durchbrüche braucht es einen langen Atem und das Jubiläum ist eine gute geistliche Wegzehrung für einen langen Weg, der noch vor uns liegt.

Was bleibt nach und von dem Reformationsjahr?
Markschies:
Ein atheistischer Oberbürgermeister einer ostdeutschen Stadt sagte: »Endlich habe ich verstanden, was diese Reformation mit unserem heutigen Verständnis von Freiheit zu tun hat und was das reformatorische Verständnis vom landläufigen heutigen Verständnis unterscheidet.« Und auch hier darf man nicht zu viel erwarten: Nach dem Einstein-Jahr wussten vermutlich ein paar mehr Menschen neue Anekdoten über Albert Einstein zu erzählen. Die Menge derer, die präzise die Relativitätstheorie wiedergeben konnten, war vermutlich sehr begrenzt.
Es bleiben nicht nur viele sanierte Kirchengebäude in Eisleben und Wittenberg. Es bleiben Menschen neugierig, die vorher wenig mit dem Thema zu tun hatten, es bleiben Menschen, die sich dankbar erinnern und es bleibt hoffentlich bei einigen der Wunsch, fortzusetzen und zu vertiefen.

Ihr persönliches Highlight und der Tiefpunkt in diesem Jahr?
Markschies:
Mein persönlicher Höhepunkt war ein Gespräch mit einem Kapuzinerpater hinter der vatikanischen Peterskirche in Rom, der mir sagte, er lese im Beichtstuhl, wenn niemand komme, gerade Martin Luther und sei nicht der Einzige. Aber gleich danach kommt eine Andacht auf dem Marktplatz von Wittenberg, gemeinsam mit Fritz Baltruweit und Heinrich Bedford-Strohm: Ein Platz dicht gefüllt mit Menschen, die die Erinnerung an die Reformation bewegt und die Frage, wie man ihre Impulse in unsere heutige Welt tragen kann.
Als Tiefpunkt empfand ich, dass angesichts so vieler engagierter und begeisterter Menschen so viel Kritik am Jubiläum geübt wurde. Ich bin immer ganz bekümmert, wenn eine kleine Gemeinde hoch engagierter Christen zum Gottesdienst kommt und dann jemand die, die da sind, für die beschimpft, die nicht da sind. Und das gilt angesichts der Menschenmengen, die das Reformationsjubiläum angesprochen und begeistert hat, die sich engagiert dafür eingesetzt haben, doch erst recht!
Die Fragen stellte Willi Wild.

Markschies, Christoph: Aufbruch oder Katerstimmung? Zur Lage nach dem Reformationsjubiläum, Kreuz Verlag, 160 S., ISBN 978-3-946905-09-7, 16,00 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

Adrienne Uebbing aus Weimar

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