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Leben und Sterben
Die Begleiterin

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Wenn es nicht so mühsam wäre, dann könnte man versuchen, eine lange Geschichte darüber zu schreiben, wie sich eine Sterbebegleiterin umschaute, ob sie nicht auf dieser Welt eine Freundschaft schließen könnte mit einem Menschen oder gar mehreren Menschen, die länger leben als - ja als wer eigentlich?
Die Sterbebegleiterin, von der in einer solchen Novelle zu handeln wäre, müsste nicht nur schön sein. So würde man - jeder würde so sagen - sie müsste auch eine Lebe-Begleiterin sein. Hier der Entwurf ihrer Biographie:

Sie war also tatsächlich sehr schön, trug das schwarze Haar etwas nachlässig, ein blaues Kostüm mit flachen Ballerinaschuhen, war von brünettem Teint und man sah zwei goldene Reifen am Ringfinger ihrer rechten Hand. Letzteres hieß wohl, dass sie vermählt war mit jenem Freunde, der uns eines Tages alle einmal abholen wird. Möge dieser Tag fern sein. Und - mögen wir bis dahin die Aufgaben, welche wir auf dieser Welt vom Himmel her aufgetragen bekommen haben, auch tatsächlich erledigt haben.

Die Frau – wir wollen sie weiterhin Sterbebegleiterin nennen – sagte sich eines Tages, dass es eigentlich nicht angehe, immer nur mit Sterbenden zu tun zu haben. Es müsse doch auch möglich sein, mit Lebendigen zu verkehren? Und so beschloss sie, eine Umschulung zu beantragen bei einem Institut für Umschulungen der besonderen Art. Sie ging dorthin und traf hinter einem uralten Schreibtisch den freundlichen Beamten.

Der sagte:
„Gute Frau, was können wir für Sie tun?“

Und sie antwortete:
„Ich möchte gerne - Lebe-Begleiterin werden.“ Dabei lächelte sie, denn der Begriff Lebe-Begleiterin war ihr eben erst in diesem Moment, da sie ihn laut Aussprache, in den Sinn gekommen.

„Was sind Sie denn gegenwärtig?“, fragte der Beamte.
Und die Sterbebegleiterin antwortete wahrheitsgemäß:
„Ich bin Sterbebegleiterin.“

„Aha“, sagte der Beamte, „Da haben Sie sicher viel mit Sterbenden zu tun. Und nun möchten Sie Lebe-Begleiterin werden?“
„Ja, genau das möchte ich.“

Die Frau meinte, bereits mit ihrem Entschluss eine wichtigen Schritt auf das neue Berufsziel hin vollzogen zu haben. Der Beamte gab ihr etliche Seiten zum Ausfüllen. Es waren Fragebögen. Auch diese waren von ganz besonderer Art. Zum Beispiel musste man darauf ankreuzen, ob man schon einmal mit dem Tode Bekanntschaft gemacht habe. Und in einer anderen Spalte wurde gefragt, ob man schon einmal mit dem Leben Bekanntschaft gemacht habe. Beides kreuzte die noch Sterbebegleiterin und noch nicht Lebensbegleiterin mit einem roten Stift an, der ihr zu diesem Zwecke von dem freundlichen Beamten verabfolgt worden war. Dann war auch schon alles erledigt. Sie erhob sich, verabschiedete sich höflich und ging hinaus.

Der Beamte aber rief ihr noch nach: „Junge Frau, Sie bekommen von uns Post. Wir melden uns auf jeden Fall bei Ihnen.“

Und so ging sie hinaus in das Leben, das sie zu kennen glaubte. Indem sie hinausging, war bereits vieles getan. Sie vollführte ihren Beruf weiter. Jeden Tag begleitete sie Sterbende bis an jene sonderbare Schwelle, wo die Atmung aufhört, der Herzschlag ausschwingt und das Bewusstsein erlischt; an jene Grenze ging sie mit, hinter der die Seele – von der man nicht weiß, ob es sie gibt und ob es sie jemals überhaupt gegeben hat – das Gefängnis des Körperlichen verlässt und auf den hellen Leitern der Sonnenstrahlen in den lichten Äther entweicht.

Nach mehreren Monaten kam noch immer keine Post. Auch nach Jahren fand sich kein Brief im Briefkasten. Kein Schreiben. Kein Bescheid. Keine Mitteilung von jenem sonderbaren Institut für Umschulungen der besonderen Art.

Das soll uns jedoch nicht stören. Denn in der Vorfreude auf ihre gelungene Umschulung von der Sterbebegleitung zur Lebe-Begleitung hatte sich diese Umschulung gleichsam von selbst Tag für Tag und Nacht um Nacht vollzogen.
Sie war gewissermaßen bereits Lebensbegleiterin geworden, während sie als Sterbegeleiterin arbeitete und noch auf die amtliche Bestätigung des Beginns des Lehrgangs wartete.

Vielleicht verhält es sich mit den wichtigsten Verwandlungen des Lebens überhaupt so. Vielleicht geschehen sie längst, ehe irgendeine Behörde davon Kenntnis erhält. Und wenn wir heute auf der Straße eine wandeln sehen, in flachen hellen Ballerinaschuhen, blauem Kostüm, mit einer glitzernden Perlenschnur durchsetzten hoch aufgestecktem schwarzen Haarschopf und lächelnden Augen, dann wissen wir: Dort kommt nicht nur eine Sterbebegleiterin. Dort geht die Lebe-Geleiterin.

Wer ihr begegnen wird, darf sich glücklich schätzen, den Engel mit eigenen Augen wahrhaftig erblickt zu haben. Engel, das müsste man dann am Ende der Novelle kurz noch anmerken, unterscheiden sich von gewöhnlichen Menschen dadurch, dass sie sich sowohl auf Sterben und auf Leben verstehen - denn sie haben viel Geduld …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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