Exodus Kapitel 12
Blut und Plan

Es ist immer wieder dasselbe mit diesem Text von der ZEHNTEN PLAGE. Jedes Jahr - immer wieder dieses unerträgliche Schauspiel, dass man uns einen allmächtigen Gott vorsetzt - und im selben Atemzug einen Gott, der offenbar nicht einmal imstande ist, die Häuser auseinanderzuhalten, ohne dass man ihm Blutspuren an die Tür schmiert, als handle es sich um einen schlecht instruierten Nachtwächter und nicht um den Herrn der Welt, der, wie es heißt, mit einem einzigen Willensakt Leben geben und nehmen kann.

Man liest diesen Text, und je länger man ihn liest, desto weniger kann man ihn ertragen, weil er sich selbst widerspricht, mit einer Hartnäckigkeit, die fast schon bewundernswert ist. Da ist einer, der durch Ägypten geht und die Erstgeburt schlägt, Mensch und Vieh, ein Gott, der offensichtlich genau weiß, wen er treffen will, der sogar die Götter der Ägypter zu richten beansprucht – und gleichzeitig braucht dieser Gott ein äußeres Zeichen, ein Blutzeichen, um nicht irrtümlich die Falschen zu erwischen.

Das ist nicht nur unerquicklich, das ist gedanklich völlig absurd, weil es die Allmacht Gottes auf ein Niveau herabzieht, das man sonst nur von provinziellen Verwaltungsakten kennt. Als hätte der Himmel seine Adresslisten verloren und müsse sich nun mit rohen Markierungen behelfen.

Aber gerade hier, und das ist das eigentlich Unheimliche, beginnt der Text interessant zu werden. Denn wenn man sich weigert, diese naive Vorstellung ernst zu nehmen, wenn man sich weigert, an einen Gott zu glauben, der Orientierungsschwierigkeiten hat, dann bleibt nur eine Möglichkeit: Das Zeichen ist nicht für Gott da, sondern für den Menschen.

Und plötzlich kippt alles in eine ganz andere Richtung …

Das Blut sagt nicht: Hier wohnt ein Israelit. Das wäre zu banal, zu dumm, zu banal. Das Blut sagt: Hier wohnt einer, der sich auf dieses Spiel eingelassen hat, auf diesen Vertrag, auf diesen – man kann es nicht anders nennen – ungeheuren Tausch.

Das Lamm stirbt. Und der Mensch isst dieses Lamm. Und indem er es isst, macht er sich mit ihm eins, er übernimmt gewissermaßen dessen Zustand, er identifiziert sich mit einem bereits vollzogenen Tod. Und draußen, an der Tür, ist das sichtbare Zeichen dieser Identifikation: Das Blut. Das will etwas bedeuten. Und zwar nicht: Ich bin verschont. Sondern: Ich bin schon getroffen.

Genau das ist der eigentliche Skandal dieses Textes, nicht die Gewalt, nicht das Getötet-Werden der Erstgeborenen, so unerquicklich das alles auch sein mag, sondern diese fast unerträgliche Logik, dass das Leben nur dadurch gesichert wird, dass man sich selbst als bereits gestorben ausweist.

Das ist kein kindlicher Aberglaube, das ist eine erschreckend konsequente Anthropologie. Der Mensch glaubt nicht daran, dass er verschont bleibt, weil er unschuldig ist, sondern weil er sich in eine Ordnung einfügt, in der ein anderes (das Lamm) für ihn gestorben ist und er diesen geschehenen Tod in sich hineinzieht - und mit ihm eins wird.

Man hat das später, wie immer, veredelt, vergeistigt, theologisch überhöht, aber hier, in diesem Text, steht es noch roh da, unerträglich roh: Du lebst, weil du dich mit einem Toten identifizierst.

Und dieses Essen in Eile, mit gegürteten Lenden, mit Schuhen an den Füßen, mit dem Stab in der Hand – es ist ja kein gemütliches Mahl, kein kultiviertes Abendessen, es ist ein hastiges, beinahe fluchtartiges Einverleiben dieses Todes. Man hat keine Zeit, darüber nachzudenken, ob das sinnvoll ist oder nicht. Man tut es, weil man leben will.

Und genau darin liegt die Nähe zu dem, was man so gerne als „magisches Denken“ abqualifiziert. Als wäre der Mensch je etwas anderes gewesen als ein Wesen, das sich durch Zeichen, durch Rituale, durch Einverleibungen seiner selbst versichert.

Man kann diesen Text nicht retten, indem man ihn beschönigt. Man kann ihn nur ernst nehmen, indem man seine innere Härte zulässt. Denn vielleicht ist das die eigentliche Pointe: dass der Mensch nicht dadurch dem Tod entgeht, dass er ihn ignoriert, sondern indem er ihn kultisch vorwegnimmt, ihn annimmt, ihn – im wahrsten Sinne des Wortes – in sich hineinfrisst.

Und dann steht er da, mitten in der Nacht, mit Blut an der Tür, mit dem Geschmack von Fleisch im Mund, und wartet darauf, dass der Tod vorübergeht. Nicht, weil er ihn nicht kennt. Sondern weil er ihm zuvor gekommen ist.

Das soll funktioniert haben? Aber wer hätte einen besseren Plan …

Autor:

Matthias Schollmeyer

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

33 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.