Confessio Augustana
25. Juni 1530/2026
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Auch die Kirchengeschichte kennt jene seltenen Stunden, die man den „Augenblick der Wahrheit“ nennt. Dieser Begriff stammt aus der Welt des spanischen Stierkampfs. Dort bezeichnet el momento de la verdad den Augenblick, in dem der Matador zum entscheidenden Stoß ansetzt. Alles Vorhergehende verliert seine Bedeutung; nun zeigt sich, ob das Ganze Bestand hat. Ernest Hemingway machte daraus ein Bild für jene Situationen, in denen Menschen und Institutionen über ihren innersten Grund Rechenschaft ablegen müssen. Die Geschichte wird in solchen Augenblicken gleichsam philosophisch.
Eine solche Stunde war das Jahr 1530. Das Heilige Römische Reich befand sich in einer doppelten Krise. Im Osten bedrohten die Osmanen Europa; die Belagerung Wiens von 1529 lag erst wenige Monate zurück. Im Inneren hatte die Reformation die religiöse Einheit des Reiches erschüttert. Kaiser Karl V., der noch an die Idee eines geeinten christlichen Abendlandes glaubte, suchte einen Weg zur Verständigung und berief den Reichstag nach Augsburg ein. Dort wurde am 25. Juni 1530 die Confessio Augustana vorgelegt, das Augsburger Bekenntnis. Verfasst wurde es vor allem von Philipp Melanchthon. Luther selbst musste wegen der Reichsacht auf der Veste Coburg bleiben. Er war abwesend und doch geistig gegenwärtig.
Die spätere Geschichte hat die Confessio Augustana oft als Gründungsurkunde des Protestantismus verstanden. Ihr ursprüngliches Anliegen war jedoch ein anderes. Die Reformatoren wollten keine neue Kirche errichten, sondern die bestehende Kirche an ihre Quellen zurückführen. Deshalb begegnet man in diesem Text keinem revolutionären Ton. Melanchthon argumentiert wie ein Anwalt, der nachweist, dass die evangelische Bewegung auf dem Boden der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der alten Konzilien steht.
Die ersten einundzwanzig Artikel behandeln die gemeinsamen Grundlagen des Glaubens: die Trinität, die Person Christi, die Kirche und die Sakramente. Erst bei der Rechtfertigungslehre treten die eigentlichen Gegensätze hervor. Die letzten sieben Artikel wenden sich konkreten kirchlichen Fragen zu: dem Laienkelch, der Priesterehe, dem Messverständnis, den Klostergelübden und der Autorität der Bischöfe. Hier zeigte sich, dass die Krise des 16. Jahrhunderts nicht nur Lehrfragen, sondern die gesamte Gestalt kirchlichen Lebens betraf.
Die katholische Antwort, die Confutatio, wies wesentliche Teile des Bekenntnisses zurück. Der Reichstag bestätigte die Fortgeltung des Wormser Edikts; die evangelischen Stände erhielten keine Anerkennung. Politisch war Augsburg für die Reformation eine Niederlage. Und doch liegt gerade darin die historische Ironie. Was damals scheiterte, erwies sich langfristig als wirksam. Die Confessio Augustana wurde nicht angenommen, aber sie wurde gelesen. Sie gab der reformatorischen Bewegung eine verbindliche Sprache, eine geistige Gestalt und eine bleibende Identität. Aus dem Versuch, die Einheit der Kirche zu bewahren, entstand das grundlegende Bekenntnis des Luthertums.
So gehört die Confessio Augustana zu jenen Texten, deren eigentliche Bedeutung erst sichtbar wird, nachdem ihre Stunde vorübergegangen ist. Sie entstand in einer Zeit äußerer Bedrohung und innerer Zerrissenheit. Sie sollte die Einheit retten und wurde zugleich zum Ausgangspunkt einer neuen konfessionellen Wirklichkeit. Darin liegen ihre Größe, ihre Tragik und ihre bleibende Bedeutung für die Geschichte der Kirche ...
Autor:Matthias Schollmeyer |
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