Georg Friedrich Händel - 341. Geburtstag
The Messiah
- William Blake - the Messiah
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Als Georg Friedrich Händel, auf dessen Geburtstag wir uns heute am 23.Februar (dem alten julianischen Kalender nach) besinnen, im Jahr 1741 den Messiah komponiert hatte, war damit etwas Merkwürdiges ins Werk gesetzt. Händel verzichtete auf Bühne, Kostüm und dramatische Handlung – und schuf dennoch ein Werk von dramatischer Wucht. Keine einzelnen Rollen treten unter irgendwelchen Masken auf. Und doch entfaltet sich die Heilsgeschichte der Kirche in einer Klarheit, die nicht theatralisch wirkt, sondern liturgisch - aber dessen ungeachtet das theatrum mundi abbildet.
Der Messiah ist keine Oper über Christus, sondern ein musikalisches Bekenntnis. Der Text – zusammengestellt von Charles Jennens – besteht ausschließlich aus dem biblischen Schriftwort. Es spricht also nicht der Komponist, nicht der Librettist, nicht ein Erzähler: Es spricht die Bibel selbst. Diese Zurücknahme des Autors zugunsten des Wortes Gottes verleiht dem Werk jene eigentümliche Transparenz, die man als „sakral“ empfindet.
I. Erwartung - Der erste Teil beginnt mit dem Trostwort des Propheten: „Comfort ye, my people.“ Nicht Triumph also, sondern Zusage steht am Anfang. Das Christentum beginnt nicht mit Macht, sondern mit Verheißung. In der Musik wird diese Verheißung nicht sentimental, sondern licht. Alles hebt an wie der sich öffnende Horizont. Die Geburt Christi erscheint dabei nicht als idyllische Szene, sondern als Erfüllung eines lange getragenen Wortes. Händel vertont keine Krippenromantik, sondern eine Hoffnung, die älter ist als jedes gemalte Bild.
II. Passion und Auferstehung - Der zweite Teil führt in die Erniedrigung. „He was despised.“ Hier zeigt sich Händels Fähigkeit zur asketischen Konzentration. Keine effekthascherische Dramatik, sondern eine beinahe nüchterne Innigkeit. Die Passion wird nicht ausgestellt, sondern durchlitten. Und dann – das „Halleluja“ … Das ist kein Jubel eines Siegers, sondern der Aufbruch eines Volkes, das begriffen hat, dass Herrschaft anders gedacht werden müsste. „The kingdom of this world is become the kingdom of our Lord.“ Damit wird keine politische Utopie besungen. Die Welt wird nicht durch Gewalt verwandelt, sondern durch das Lamm.
III. Vollendung - Der dritte Teil hebt den Blick über den Tod hinaus. „I know that my redeemer liveth.“ Diese Arie gehört zu den reinsten Bekenntnissen des christlichen Glaubens. Keine Argumentation, keine Apologetik – nur Gewissheit im Klang. Der Glaube erscheint uns hier als Erkenntnisform, die nicht gegen die Vernunft steht, sondern sie übersteigt, indem sie deren Ziel offenlegt. Im Schlusschor „Worthy is the Lamb“ verschränkt sich Lobpreis mit Anbetung. Es ist Theologie in doxologischer Form: Nicht Analyse, sondern Hingabe.
Theologische Würdigung? Nun - der Messias Händels ist keine dogmatische Abhandlung. Und doch enthält er eine implizite Dogmatik. Christologie: Christus ist Erfüllung der Verheißung. Soteriologie: Erlösung geschieht durch das leidende Lamm. Eschatologie: Das letzte Wort gehört nicht dem Tod, sondern der Herrschaft Gottes.
Bemerkenswert ist die gleichmäßige Ausgewogenheit der insgesamt etwa 150 Minuten hoher Musik. Es gibt an keiner Stelle die Überhitzung des Gefühls, auch keinen mystischen Überschwang - wenn auch (wie manche behaupten) in Teil II und III das, was man "Längen" nennt. Die Musik wahrt eben seriös ein erstaunliches Maß - ohne je wirklich langweilig zu werden bei allen doch erkennbaren Wiederholungen.. Liegt auch nicht darin Größe? Verlässlichkeit zumindest. Der Messiah Händels ist sich zur Ewigkeit fortlaufend entfaltende Zeit. Dabei lassen Chor und Vokalisten das Geheimnis Geheimnis bleiben und so artikuliert sich das Ganze gerade dadurch zu gesungener theologischer Hoch-Sprache.
Man könnte sagen: Händel gelingt hier, was große Theologie immer angestrebt hat, ihr aber nicht immer gelungen ist – die Verbindung von Klarheit und Anbetung im Klang. Dieses Oratorium denkt nicht über Gott nach, er singt ihn. Und gerade im Singen wird deutlich, dass Wahrheit erst dann recht erkannt ist, wenn sie gefeiert werden will - und gefeiert wird. Über allem steht nicht sich aufdrängendes barockes Pathos, sondern eine gemessene Ordnung des Lobes. Und in dieser Ordnung klingt etwas auf, das größer ist als jede Epoche: das stille Wissen, dass Geschichte auf ein Ziel hinlaufen will.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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