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NACH BEWEISEN
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es liegt in der eigentümlichen Spannung des menschlichen Erkennens begründet, dass alles Erkennen zwischen zwei Polen oszilliert, die einander weder aufheben noch sich vollständig versöhnen lassen: dem Verlangen nach Gewissheit und der Erfahrung von Sinn. In der modernen Gestalt dieses Spannungsverhältnisses tritt das Verlangen nach Gewissheit häufig als Forderung nach Beweis auf. Der Beweis erscheint dann als höchste Instanz der Wahrheit, als dasjenige, was ein Phänomen aus der Schwebe des Möglichen in die Festigkeit des Gewussten überführt.
Doch gerade hier beginnt eine Verschiebung, die nicht ohne Folgen bleibt. Denn der Beweis ist seinem Wesen nach an Bedingungen gebunden: an Wiederholbarkeit, an Vergleichbarkeit, an Einordnung in bekannte Strukturen. Er verlangt, dass das Einzelne sich dem Allgemeinen fügt, dass das Einzigartige sich in die Ordnung des Wiederkehrenden einreiht. Was sich diesem Zugriff entzieht, gerät notwendig in den Verdacht des Unwirklichen oder zumindest des Unzuverlässigen.
Hier ist vielleicht ein Gedanke hilfreich, der zunächst paradox anmutet und doch eine tiefe Wahrheit berührt: Die Sucht nach einem Beweis ist der Versuch des Körpers, den Geist unter seine Kontrolle zu bringen.
Man könnte nun versucht sein, diese Bewegung als einen Triumph des Körperlichen zu deuten, als seine souveräne Fähigkeit, die Welt mit Hilfe des Geistes in begriffliche Klarheit zu überführen. Und doch ist nicht zu übersehen, dass in dieser Herrschaft des Beweises eine eigentümliche Verengung liegt. Der Geist, der sich ausschließlich an das Beweisbare bindet, begibt sich unter ein Gesetz, das aus der Bedürftigkeit des leiblichen Daseins stammt. Denn der Leib verlangt nach Sicherung, nach Wiedererkennbarkeit, nach der Garantie, dass das, was einmal erfahren wurde, sich erneut bestätigen lässt.
Damit ist keineswegs gesagt, dass der Beweis zu verwerfen wäre. Er hat seinen legitimen Ort, ja seine unersetzliche Funktion innerhalb der Ordnung der Welt. Ohne ihn gäbe es keine Wissenschaft, keine Technik, keine verlässliche Orientierung im Bereich des Messbaren. Aber er ist nicht das Ganze der Wahrheit. Um dies verständlich zu machen, mag ein einfaches Bild - manchen vielleicht als zu hausbacken erscheinend - helfen.
Ein Kind kommt am Abend zu seinem Vater und sagt: „Hast du mich lieb?“
Der Vater antwortet: „Ja.“
Doch das Kind gibt sich nicht zufrieden und verlangt: „Beweise es mir.“
Was könnte der Vater tun? Er könnte Geschenke aufzählen, gemeinsame Stunden, vielleicht sogar Opfer, die er gebracht hat. Aber all das bleibt ungenügend. Denn jeder Beweis wäre nur ein Beispiel unter anderen, und das Kind könnte immer sagen: „Vielleicht war das Zufall. Vielleicht hättest du es auch nicht tun können.“
Je mehr der Vater versucht zu beweisen, desto mehr entgleitet ihm gerade das, worum es eigentlich geht. Die Liebe lässt sich nicht beweisen, weil sie nicht wiederholbar im strengen Sinne ist. Sie ist nicht ein einzelnes Ereignis unter vielen, sondern eine Wirklichkeit, die sich im Ganzen einer Beziehung zeigt und gerade darin ihre Wahrheit hat.
Wenn das Kind aber eines Tages aufhört zu fordern und beginnt zu vertrauen, dann geschieht etwas anderes: Es versteht die Liebe nicht durch Beweis, sondern durch Teilnahme. Es erkennt sie nicht, indem es sie in eine Reihe von überprüfbaren Phänomenen einordnet, sondern indem es sich ihr anvertraut.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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