как закалялась сталь
Leberecht Gottlieb (Teil 147)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
147. Kapitel, das den Walzwerkarbeiter aus Stendal im Salon der Damen um Frau Else Lasker-Schüler examiniert. Und wie Dieter Müller ihnen eine Lektion erteilt, indem er fast nichts sagt, aber alles erklärt ...
„Hier geblieben, Freundchen!“ hatte Doña Pia Marie ihm geboten. Als er sich also wieder gesetzt hatte, breitete sich Stille bis in den letzten Winkel des Salons aus. Es war, als ob die Sprache vor etwas stehen geblieben wäre, das sich nicht sagen lassen wollte. Zunächst geschah deshalb gar nichts. Man hörte das Knacken des Holzes im Kamin, ein leises Räuspern irgendwo, das Rascheln eines Stoffes, als jemand die Haltung wechselte – doch das Schweigen blieb, es blieb hartnäckig, beinahe eigensinnig, als habe es beschlossen, selbst Redner zu werden.
So kam es schließlich - wie konnte es auch anders sein - dass Wibald Ruthaus, der dieses Schweigen nicht mehr ertrug, aus innerer Verpflichtung heraus zu fragen begann. Er legte die Fingerspitzen aneinander, sah Dieter Müller mit schlecht verhohlener Herablassung an, als wolle er ihn prüfen, und sagte:
„Sie sprachen vom Stahl, vom Werden, vom Druck, von der Hitze. Aber sagen Sie uns: Wo ist bei alledem Ihr persönlicher Glaube? War das alles, was Sie zu sagen hatten? Und kommt der Glaube bei Ihnen nur als Nebenprodukt vor?“
Dieter zuckte mit den Schultern. Er sah nicht gekränkt aus. Eher so, als habe er die Frage erwartet. „Na ja“, meinte er, „der liebe Gott wird schon selber wissen, was er macht.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum. Ruthaus verzog kaum merklich das Gesicht. „Das ist alles?“
„Mehr hab ich nicht gelernt“, sagte Dieter. „Ich hab in meinem Leben zwei Bücher gelesen. ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘. Und ‚Die Abenteuer des Werner Hold‘.“ Er wollte weiter reden, aber jemand korrigierte halblaut. „Werner Holt heißt es“.
„Sag ich doch“, erwiderte Dieter ruhig. „Und da steht eigentlich alles drin. Dass man durchhalten muss. Dass es weh tut. Dass man nicht gleich umfällt beim ersten Windstoß. Und dass man am Ende sehen muss, wie man klarkommt.“ Er machte eine kleine Pause, als suche er nach etwas, das er noch hinzufügen könnte, fand aber offenbar nichts.
„Und die Bibel?“ fragte Ruthaus.
„Die hatten wir auch“, sagte Dieter. „Im Konfirmandenunterricht. Musste man drin lesen. War nicht alles schlecht. Der Jesus, der konnte schon was. Hat die Leute nicht hängen lassen. Das ist wichtig.“ Diese kurzen Sätze fielen in den Raum wie kleine, schwere Stücke – unpoliert, unscheinbar, aber mit einer eigentümlichen Dichte. Und man spürte, ohne dass es jemand sofort hätte formulieren können, dass in ihnen etwas lag, das sich nicht leicht auseinandernehmen ließ.
Luise von Meysenburg-Arend beugte sich ein wenig vor. Ihre Stimme war leise, beinahe wie ein Hauch, und doch von einer merkwürdigen Präzision. „Sagen Sie, lieber Herr Müller“, begann sie, „wenn Sie dort standen, zwischen den glühenden Blöcken, den Walzen, dem Lärm – haben Sie da jemals den Eindruck gehabt, dass … dass es dort auch Engel gab?“
Dieter sah sie an. Einen Moment lang wirkte er, als habe er die Frage nicht verstanden. Dann nickte er langsam.
„Na klar.“
Es wurde still. „Die sieht man nur nicht“, fügte er hinzu. „Die stehen immer da, wo’s am heißesten ist.“
Einige im Raum hielten unwillkürlich den Atem an. Und Else Lasker-Schüler, die bisher schweigend dagesessen hatte, erhob sich halb aus ihrem Sitz, als ritze sie mit ihrer eigenen Person eine unsichtbare Linie in die Luft „Kommen Sie doch ein wenig näher ins Licht“, sagte sie. „Wir möchten Sie sehen. Ganz.“ Dieter trat einen Schritt vor.
„Dieser Anzug“, sagte sie und musterte den jetzt voll im Licht der Stehlampe wartenden Dieter mit einem Blick, der prüfend und zugleich träumerisch war, „dieses Braun, das ins Violette spielt – woher haben Sie den?“
Dieter lächelte zum ersten Mal ein wenig. „Das ist mein Hochzeitsanzug“, sagte er. „Von neunzehnfünfundsiebzig. Hab ich mir damals gekauft.“ Und er setzte sich wieder.
„Und er passt noch?“
„Ja“, sagte Dieter. „Der geht nicht kaputt. Ist aus Plaste.“
Für einen Moment war es, als müsse der Raum entscheiden, ob man diese Antwort ernst nehmen solle oder nicht. Dann brach ein Lachen aus – erst vereinzelt, dann lauter, dann unaufhaltsam.
„Aus Plastik!“
„Unzerstörbar!“
„Wie der neue Mensch!“
„Wie der Stahl!“
„Was passiert“, rief jemand aus der hinteren Reihe, „wenn man den Anzug auf einen glühenden Stahlblock legt und durch die Walze schickt?“
Dieter schluckte.
Das sah man deutlich ...
„Das macht man doch nicht“, sagte er. „Der schöne Anzug.“
„Der schöne Stahl!“ rief ein anderer.
Und wieder brach Gelächter aus, diesmal schärfer, fast schon ein wenig grausam, wie es manchmal geschieht, wenn die Dinge zu einfach geworden sind.
In diesem Augenblick erhob sich Leberecht Gottlieb. Er tat es nicht hastig. Eher so, als sei er zu lange gesessen und habe nun erkannt, dass es Zeit sei aufzustehen. Er blickte in die Runde, und sein Blick war weder streng noch milde – sondern von einer Klarheit, die keine Ausflucht zuließ. „Was ihr getan habt“, begann er langsam, „einem von diesen meinen geringsten Brüdern …“ Er ließ den Satz stehen. Nicht als Fragment, sondern als offene Form, in der jeder sich selbst wiederfinden konnte – oder auch nicht. „Ihr habt gelacht“, fuhr er fort, „über den Anzug. Über den Stahl. Über das, was euch zu einfach erschien. Aber vielleicht“, und hier hob sich seine Stimme kaum merklich, „liegt das Schwierige gerade darin, dass es einfach ist.“
Er wandte sich Dieter zu. „Ich danke Ihnen“, sagte er, „für Ihren Beitrag. Für Ihr как закалялась сталь.“ Ein kurzes, beinahe unmerkliches Lächeln ging über sein Gesicht. „So heißt der Titel des Buches auf russisch. Wie der Stahl gehärtet wurde. Aber was Sie gezeigt haben, ist etwas anderes. Nicht das Härten des Stahls – sondern das Aushalten der Menschen.“
Leberecht setzte sich. Und das Schweigen kehrte zurück. Das Schweigen. Es war ein anderes Schweigen.
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Autor:Matthias Schollmeyer |

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