Dieters Geschichte
Leberecht Gottlieb (Teil 146)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
146. Kapitel, welches beschreibt, dass Dieter Müller es tatsächlich geschafft hat, seine Walzwerkwelt mit der des Literatursalons zu vertauschen - und wie er eine Geschichte erzählt, die es in sich hat.
Niemand wusste, wie dieser Mann es geschafft hatte. Dieser Walzwerkarbeiter Dieter aus Stendal mit dem ölverschmierten Gesicht, den schweren Schuhen mit Stahlkappen und den Händen, die wie Reibeisen waren. Aber eines Tages, an einem Donnerstag, klopfte er tatsächlich an die Salontür Else Lasker-Schülers, klopfte so hart, dass die Tür von selbst aufsprang, denn diese Pforte hat kein Schloss, sondern sie klemmt ein bisschen - und das ist der ganze Verschluss.
Dieter trat also herein und hatte wirklich den alten Präsent-20-Anzug aus dem Speicher wieder in Gang gesetzt und der passte auch noch, so einigermassen. Der Duft nach Mottenkugeln machte sich breit, als er sich auf die Tischplatte setzte, auf der gestern noch der zierliche Leib der Frau Meisenburg-Arend zu betrachten gewesen war. Dieter holte einen Zettel hervor, auf dem er wohl offenbar seine Geschichte aufgezeichnet hatte? Und man sah ganz deutlich, wie seine Hände zitterten, aber alle raunten und bewunderten den Mut des Proleten, der es tatsächlich gewagt hatte, in die erlauchte Reihe der literatursüchtigen Damen - und der wenigen Herren - samt Leberecht Gottlieb, dem emeritierten Pfarrer, einzutreten. Wahrhaftig sich dort hineingetraut hatte, sozusagen in die Höhle des Löwen, wie man sagt. Und nun öffnete Dieter den Mund und mit einem leicht Magdeburg-Halberstädter Dialekt trug er seine Geschichte vor. Wenn dieselbe geendet haben wird, das wissen wir schon, das ahnen wir schon, wird sich eisiges Schweigen breit machen.
Bei uns kommt oben ein dicker Klotz Stahl rein. Glüht. Rot. Fast weiß. So heiß, dass du nicht lange hingucken kannst.
Dann geht das Ding durch die Walzen. Immer wieder. Druck drauf. Nochmal durch. Wieder Druck. Immer dünner. Immer länger. Am Ende kommt ein Blech raus. Flach. Kühl. Kaum zu glauben, dass das mal so ein heißer Brocken war.
Ich hab da oft gestanden und gedacht: So ist das wohl überall: Was dick ist, wird dünn gemacht.
Was hart ist, wird weich gemacht.
Was bleibt, ist das, was durchgeht.
Der Alte bei uns hat mal gesagt:
„Alles, was besteht, ist nur, dass es durch Walzen geht.“
Ich hab gelacht. Aber ein bisschen stimmt’s. Und dann hab ich an den Fluss gedacht. Du steigst in den Fluss rein – Wasser läuft. Steigst nochmal rein – anderes Wasser, nicht mehr derselbe Fluss. So ist das.
Ist wie bei uns im Werk: Du schiebst denselben Stahl rein – und kriegst nie denselben raus.
Und ich?
Ich stand da jeden Tag an derselben Stelle. Gleiche Halle. Gleicher Lärm. Und dachte mir: Vielleicht bin ich der Einzige, der nie durch die Walzen gehen muss …
Aber dann sagt der Meister: „Müller! Beweg dich! Du bist hier nicht das Denkmal – du bist der nächste Durchgang!“
Soweit diese lehrreiche Geschichte. Danke.
Nachdem nun Dieter Müller seine Lesung beendet hatte und das Schweigen nicht weichen wollte und immer noch nicht weichen wollte und immer stärker wurde, sodass es auch zum Schluss dann sogar peinlich geworden war, fühlte sich der Autor der kleinen Story aus dem Walzwerk genötigt und förmlich dazu gedrängt, selber einen kleinen Kommentar abzugeben. Und so tat er den Zettel mit dem Geschriebenen in die Brusttasche seines Präsent20-Anzugs, erhob seine Stimme und sagte etwa die folgenden Worte: „Nicht wahr, das wundert euch, dass ein armer Prolet hierherkommt in euren Zirkel und auch mal etwas sagt, was man sofort verstehen kann und was keiner Interpretation bedarf und auch keiner philosophischen Überheblichkeit. Denn wenn man an einer Werkbank steht und sieht, wie das Material, das man im Schraubstock eingespannt hat, sich unter der Feile verändert und weniger wird oder in der Presse von zehn Zentimeter schließlich auf einen einzigen Millimeter Dicke heruntergearbeitet wird, dann ist das eine heilige Sache. Das ist die Veränderung, von der ihr immer so vornehm schwätzt als Transmutation oder Morphidikation oder wie das Zeug heißt. Es ist einfach Veränderung, es ist feurig glühende … Dieter rang nach Worten, fand sie nicht und schaute an die Decke, wo ein langsam sich um seine eigene Achse drehender riesiger Propeller in gleichmütiger Weise seine Runden drehte. „Ein Ventilator“, sagte er. Und nachdem er geguckt hatte und der Ventilator ungefähr noch drei bis vier Umdrehungen gemacht hatte, stieg Dieter von dem Tisch herunter und wollte schon wieder auf die Straße hinaustreten, als ihm Doña Pia Marie Kuckuck den Weg versperrte, mit dem Fächer ein wenig vor seinem Gesicht herumwirbelte, sodass ihr verführerisches Parfum den armen Gelegenheitsliteraten vollkommen einhüllte. Und mit ihrer tiefen Altstimme, die sie zu diesem Behufe noch ein wenig tiefer gemacht hatte, bis hinab in die tonalen Bereiche der Walzen und Stahlpressen, von denen Dieter gesprochen hatte, ließ sie einfach nur die knappen Worte „Hier geblieben, Freundchen!“ hören. Und so musste sich Dieter auf einen der freien Stühle setzen und wartete nun mit Bangen darauf, was geschehen wollte.
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Autor:Matthias Schollmeyer |

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