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Wort und Ohr
Leberecht Gottlieb (Teil 145)

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145. Kapitel, das uns ein sonderbares Erlebnis der Frau Luise Meysenburg-Arendt berichtet, und wir ein Gedicht hören und lesen können, welches Stefan George zuzuschreiben wäre, wenn wir nicht wüssten, dass es ein anderer geschrieben oder Frau von Meysenburg selber es der Muse abgerungen haben könnte ...

Alsbald verließ Leberecht Gottlieb den Salon. Else Lasker-Schüler hatte ihm aus der Ferne noch mit einem Blick gewinkt. Und so trat der auf diese Weise Beschenkte auf die Straße mit einer Erregung hinaus, die sich nicht verbergen ließ. Seine Wangen glühten, als hätte der Abend im Salon nicht nur seinen Geist, sondern seine gesamte Erscheinung selbst verändert. Vor der Schaufensterscheibe des Salons blieb er stehen und blickte hinein.

Was er sah, ließ ihn einen Schritt zurückweichen.

Das Gesicht war das seine – und doch nicht mehr das eines Fünfundneunzigjährigen. Die Züge waren gespannt, die Haut glatter, die Augen wacher. Es war, als habe sich die Zeit halbiert und neu verteilt. Fünfundvierzig, dachte er, vielleicht. Die Hälfte. Und in diesem Gedanken lag kein Zweifel, sondern eine stille Feststellung. Er lächelte, wobei Eitelkeit und demütige Zustimmung einander die Waage hielten.

Dann aber stellte sich die praktische Frage: Wo nächtigen in dieser neuen Welt und wo wäre ein billiges Bett zufinden, darinnen zu schlafen? Doch kaum gedacht, verlor die Frage schon an Bedeutung. In dieser Welt hier gab es nämlich kein Nachher, das eine Ruhe verlangt hätte. Keine Nacht, die den Tag beendet. Kein Müssen, das den Körper zwingt. Alles geschah als Folge freier Ereignisse, die einander berührten, ohne sich zu bedingen.

Und so geschah es, dass auf diesen Donnerstag – denn donnerstags fanden die literarischen Cercles der Frau Lasker-Schüler statt – das also diesem Donnerstag nicht etwa ein Freitag folgte, sondern wiederum ein anderer Donnerstag.

Als nun Gottlieb den Salon dieses sonderbaren Umstands wegen erneut betrat, wurde er sofort erkannt. Man begrüßte ihn mit jener Selbstverständlichkeit, die den Fremden zum Zugehörigen erklärt. Er nahm Platz auf einem der tatsächlich etwas instabil wirkenden Fauteuils, die im Raum zahlreich verteilt standen, und kam direkt gegenüber Doña Pia Marie Kuckucks zu sitzen, die auch an diesem Abend wieder in sehr auffälliger Weise gekleidet war. Einer iberischen Königin gleich und mit einem schillernden Perlmuttkamm im weich fließenden Haar geschmückt winkte sie ihm mit ihrem glitzernden Fächer zu, ein leichtes, kaum erklärbares Zeichen, begleitet von einem Blick, der mehr versprach, als hier einzulösen gestattet war.

Dann trat Luise Meysenburg vor – oder vielmehr Luise von Meysenburg-Arendt, wie sie sich gleich dem literatursüchtigen Auditorium mit vollständigem Namen offenbarte – setzte sich auf die kleine Bühne, welche aus ein paar Brettern bestand, lose auf Hohlblocksteinen ruhend.

Sie begann ohne Pathos, fast beiläufig, und doch war in ihrem Ton etwas, das sofort Aufmerksamkeit fand.
Sie sagte, als junges Mädchen gehörte man damals zu den glühenden Verehrerinnen des Dichters Stefan George und habe diese Verehrung aber eines Abends abgelegt. Davon wolle sie eine literarische Kostprobe abgeben. Und sie erzählte von diesem ganz bestimmten Abend am Rhein, kurz vor schrecklichem Gewitter, in einem kleinen Weinlokal unter freiem Himmel. Dort hätten zwei Männer gesessen. Der eine – sie sagte es ruhig, fast nüchtern – sei tatsächlich Stefan George gewesen. Er habe an seinem Tisch gesessen, an einem Glas Wein genippt, aber kaum getrunken, und habe sich mit einem kleinen weißen Stäbchen das rechte Ohr gereinigt. Ja, das rechte, fügte sie hinzu, und man merkte, dass diese Genauigkeit für sie keine Nebensache war.

Einige Meter von ihm entfernt habe sie noch einen anderen Mann entdeckt, einen, der den Dichter George offenbar kannte? Ob er schrieb oder zeichnete, habe sie damals von Weitem aus nicht klar entscheiden können. Erst später sei ihr klar geworden, dass die Mühe mit dem Stäbchen dieses überaus wortgewaltigen Dichters George  – so unscheinbar der kleine Gegenstand auch war – von dem fremden Manne festgehalten worden sei. Sie selbst, sagte sie, habe dabei kaum zu atmen gewagt. Ach, - diese Scheu ... Weil sie spürte, dass man da bei etwas zusah, das weder für den Blick von Menschen noch den von Göttern bestimmt war. Einem Vorgang wohnte sie bei, der mehr gewesen ist, als eine zu vernachlässigende Reinigungsgeste. Etwas, das mit dem Wort zu tun hatte, war das wohl sogar, bevor das Wort gesprochen wird – oder nachdem es sich im Ohr niedergelassen und erschöpft hat.

Und dann hob Luise von Meysenburg-Arendt leicht die Hand, als wolle sie Elses Salon auf eine andere Aufmerksamkeitsstufe heben und vorbereiten, und sagte: „Was daraus entstanden ist, will ich Ihnen nun vorlesen:

Es war einer dieser Tage, an denen man nicht weiß, wohin, und selbst wenn man es wüsste, nicht ginge, weil die Hitze jeden Entschluss im Ansatz zerstört. Nicht eine bloße Hitze, sondern ein Druck, der sich auf die Köpfe legt und das Denken erstickt, noch ehe es sich formt. Also saßen sie in den Wirtshäusern und Weingärten und tranken. Nicht aus Lust, sondern weil man sich vorstellt, man könne der Hitze entkommen, indem man etwas in sich hineinleert. Man entkommt ihr nicht.

Der Rhein lag da. Er floss nicht. Er stand, als hätte die Hitze selbst das Wasser zur Untätigkeit gezwungen. Dieses Wasser, das sie Vater nennen, zeigte nichts als eine matte Oberfläche, auf der ein Licht lag, das keines mehr war.

Ich saß am Rand, ich, die ich nichts bestellte. Es ist immer so, dass die, die sich nichts leisten, am besten sehen. Und ich sah die beiden.

Der eine schrieb. Er schrieb mit einer Ruhe, die nicht ruhig war, und lachte dabei leise, ein Lachen, das nicht aus Freude kam, sondern aus einem Wissen heraus, das sich selbst genügte. Man musste nicht lesen, um zu begreifen, dass das, was er schrieb, eine Schärfe hatte, die nicht sofort sichtbar wird.

Der andere saß allein. Er tat nichts, und dieses Nichtstun war ein Halten, ein Zusammenhalten seiner selbst. Dann nahm er aus einer kleinen Schachtel ein noch kleineres weißes Stäbchen und führte es an sein Ohr, vorsichtig, als ginge es nicht um Reinigung, sondern um einen Eingriff in etwas, das tiefer liegt als das Ohr selbst. Er drehte das Stäbchen langsam. Dieses Drehen, das aus einer Bewegung eine Handlung macht.

Und es war, als würde er nicht sein Ohr reinigen, sondern das, was sich darin abgesetzt hatte: Reste von Worten, von Stimmen, von allem, was einmal Bedeutung beansprucht hat.

Als er das Stäbchen wieder herauszog, hielt er es ins Licht. Er betrachtete es mit einer Genauigkeit, die man nur aufbringt, wenn man etwas sieht, das man nicht sehen will. Und sein Gesicht veränderte sich, kaum merklich, aber unwiderruflich. Es war, als hätte er sich selbst an einer Stelle getroffen, von der er nicht wusste, dass sie offen ist. Er warf das Stäbchen fort. Nicht heftig. Endgültig.

In diesem Augenblick kam der Wind. Die ersten Tropfen fielen, schwer, einzeln. Ich stand auf. Man steht in solchen Momenten auf, ohne Grund. Der, der geschrieben hatte, ließ sein Blatt liegen. Es glitt im Wind über den Boden. Ich hob es auf. Und las:

Er sass vor dem gewittersturm · beim strom am regentage ·
ein weisses stäbchen in der hand ·
aus feiner weißer lade.

Und wie er hob das stäbchen gar · langsam bis zu dem rand
der engen pforte an das ohr,
dem wild ein schmerz entbrannt ·

da dreht er leis das weiße ding · damit es dringe vor,
bis es berühr’ das trommelfell,
wo sich das wort verlor.

Sein blick blieb ohne ziel und stell · von keiner zeit gehalten ·
in sich gesammelt saß er lang · und ließ das stäbchen walten.

Jetzt bracht er wieder es ans licht ·
hob es zum himmel still.
Als prüfe sacht er sein gewicht ·
o, wende ab dein angesicht ·
von solchem ekelspiel.

Hier brachen die Verse ab. Und etwas fehlte, das ich nicht benennen konnte. Hinter mir setzte der Regen ein. Der Rhein begann wieder zu fließen, als wäre nichts gewesen. Das Stäbchen wurde von den Wasserströmen, die sich überall im Nu bildeten, fortgetragen. Doch der Gedanke, dass etwas aus dem Inneren eines Menschen herausgelöst und sichtbar geworden war, blieb. Und blieb deutlich.

Bald nach dem Ende der Lesung erhob sich nun Wibald Ruthaus – jener Mann, der eine große Verehrung für Luise Meysenburg-Arendt in sich trägt - wie der getreue Leser längst weiß -, die er aber vor sich selbst mit umso größerem Eifer verleugnet, je stärker sie in ihm wirkt und er ihren Vortrag kritisiert. Er sprach kühl, akademisch schneidend, und nannte das eben Gehörte - nicht ohne Spuren von Verachtung - eine „Kleinmädchengeschichte“. Es sei, so führte er aus, ein Unding, den Liturgiker Stefan George mit dem Mittel literarisch roher, ja - beinahe nachlässiger Schriftstellerei zur Darstellung zu bringen, wie man sie etwa von dem banalen Österreicher Thomas Bernhard gewohnt ist.

Kaum hatte Ruthaus geendet, regte sich Leberecht Gottliebs Widerspruch. Ihm war, als müsse er das Wort ergreifen, um der Angegriffenen beizustehen und sich für sie in die Schanze zu werfen. So hob er den Kopf und hatte bereits die Lippen geöffnet, um zu sprechen, als Doña Pia Marie Kuckuck ihm mit einer einzigen, entschiedenen Bewegung ihres Fächers Einhalt gebot. Dieser stumme Wink war von solcher Klarheit, dass kein Laut ihn hätte übertreffen können. Er bedeutete, ohne ausgesprochen zu werden: „Neuankömmlinge haben hier zunächst zu hören, nicht zu sprechen; und gewiss nicht schon am zweiten Abend.“ Leberecht räusperte sich und nahm wieder Platz.

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alles andere von Leberecht Gottlieb, Teil 1 bis Teil 145 hier

Autor:

Matthias Schollmeyer

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