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Im Salon der Frau Else Lasker-Schüler
Leberecht Gottlieb (Teil 144)

144. Kapitel,  in dem uns berichtet wird, wie der Kreis der Damen und Herren im Salon die Geschichte Leberecht Gottliebs aufgenommen hat, wie es in Salons zuzugehen pflegt und wie man den alten Geistlichen nun zu beurteilen und zu bekritteln beginnt ...

Als Leberecht Gottlieb an jenem Abend die Schwelle des kleinen Lokals überschritt, auf dessen beschlagener Schaufensterscheibe mit weißer Kreide die Worte „Else’s Salon“ standen, war ihm, als träte er weniger in einen Raum als in einen bereits seit Jahren laufenden Satz ein, in dessen Mitte man ihn selbst nun, ein wenig verspätet zwar aber immerhin doch noch, hineingeschoben hätte. Es war kein Berliner Salon im historischen Sinne, keine bürgerliche Beletage mit Goldspiegeln und nett drapierten Fayencen, vielmehr eher ein merkwürdiges Zwischengebilde aus Kaffeehaus, Künstlerkneipe, Damenzimmer und metaphysischer Wartestation. Ein paar Lampenschirme aus mattiertem Glas warfen milchiges Licht auf runde Tischchen; an den Wänden hingen expressionistische Blätter, die in ihren schwarzen Zacken und blauen Fieberfarben so aussahen, als hätten sie seit Jahrzehnten auf eine Katastrophe gewartet, die nun endlich eingetroffen sei. Im hinteren Teil stand ein Klavier, auf dem niemand spielte, das aber jene stumme Herablassung ausstrahlte, die Instrumenten denen gegenüber zu eigen ist, die der Tastenkunst nicht mächtig geworden sind.

Die Gesellschaft war schon beinahe vollzählig. Frauen, die nicht saßen, sondern auf beeindruckenden Fauteuils lagerten; ebenfalls - wenn auch nur sehr wenige - Herren, die nicht derb auftraten, sondern dezent schillerten; einzelne Gestalten, deren Geschlecht weniger eine biologische Festlegung als eine Stilfrage zu sein schien. Man sah große Hüte, schmale Zigarettenspitzen, Händepaare von mondäner Weiße, mehrere stark entblößte Kehlen, die für Perlen oder Bisse gemacht waren, und dazwischen halbseidene Gecken aus dem Dunstkreis der Literatur, des Theaters und der feinen Laster, deren Jacken immer etwas zu gut saßen, deren Krawatten eine allzu entschlossene Sorgfalt verrieten und deren Höflichkeit den Eindruck erweckte, sie sei weniger Tugend als raffinierte Waffe. In einer Ecke stand sogar Wibald Ruthaus, geputzt wie ein spätbarocker Advokat des Verfalls, das Gesicht klug, ausgehöhlt, wachsam, die Finger lang und gepflegt, der Mund von jener spröden Schönheit, die nicht gefällt, aber beobachtet werden will. Man sah ihm an, dass seine Belesenheit nicht von der Universität und vom Fleiß allein stammte, sondern aus einer tieferen, unruhigeren Veranlagung herrühren mochte: aus jener subtilen, auf Männer gerichteten Erregbarkeit des Geistes, die jedes schöne Wort sofort auf den Leib einer Person bezieht und darum in den Büchern - die er ununterbrochen exerzierend las - immer auch nach einem satisfaktionsfähigen Gegenüber sucht.

Else Lasker-Schüler selbst saß nicht etwa erhöht oder in der Mitte, wie eine Dame von Zeremoniell, sondern eher schräg im Raum, beinahe wie jemand, der eben erst angekommen war und im nächsten Augenblick wieder verschwinden könnte. Um sie her war jedoch jene elektrische Verdichtung, die keinen Zweifel daran ließ, wem hier das Klima zu gehorchen hatte. Sie trug, wie immer in solchen Räumen, die Kleidung einer grenzwertig-zeitlosen Erscheinung; ihr Gesicht wirkte zugleich kindlich und uralt, zart und befehlsgewohnt, und der Blick, mit dem sie Leberecht Gottlieb streifte, war von jener flüchtigen Schärfe, mit der Dichter Menschen nicht ansehen, sondern taxieren, um sie im rechten Augenblick in eine Metapher umzuwandeln.

Kaum war er gemeldet – oder vielmehr: kaum hatte man begriffen, dass dieser ältere Herr im etwas zu ernsten Anzug der irgendwie angekündigte Neuankömmling war –, öffnete sich die Gesellschaft um ihn her wie ein Fächer. Alle sahen Leberecht an. Manche offen, manche mit jener Grausamkeit einer bestimmten Art Seitenblicks, die in literarischen Kreisen als Bildung gilt. Leberecht fühlte, dass er nun etwas sagen müsse, und eben in diesem Augenblick löste sich aus der Gruppe der Damen eine Gestalt, die mit einem einzigen Schritt mehr Raum einnahm als andere mit ihrem ganzen Leben jemals auf den Plan gebracht hatten.

Sie war hochgewachsen, dunkel und von reifer, prachtvoll gefährlicher Üppigkeit, über die Thomas Mann mit spürbarer Beklemmung und heimlicher Bewunderung in den Bekenntnissen des Hochstaplers Krull hinsichtlich der iberischen Königin Doña Maria Pia Kuckuck geschrieben hatte: ein weibliches Geschöpf von beinahe klassischer Wucht, mit wirklichen Schultern, vollendetem Hals und einem Gang, der nicht ging, sondern Besitz vom Raum an sich ergriff. Ihr Mund war weich und gebieterisch zugleich. Sie war - eine Verkörperung von Üppigkeit, Selbstgewissheit und einem geheimen Einverständnis mit den Kräften des Lebens, das weder erklärt noch hinterfragt werden wollte. Die Augen lagen tief, ihr Haar war schwer und glänzend; und als sie zu sprechen anhob, klang ihre Stimme, wie es nur bei wenigen Frauen der Fall ist, nicht nach zwitscherndem Geplauder, sondern nach Alt, nach Cello, nach Samt mit einer silberblitzenden Nadel darin.

„Nun, mein lieber Freund“, sagte sie, indem sie ihm ihre Hand nicht gab, sondern hinhielt, als überreiche sie ihm damit die Verpflichtung, sich würdig zu erweisen, „was haben Sie uns für eine Geschichte mitgebracht?“

Leberecht berührte die Hand des Weibes genau in der Art, wie man es „damals“ tat, verneigte sich leicht, nannte seinen Namen, fügte, da ihm nichts Klügeres einfiel, hinzu, er sei einmal sächsischer Pfarrer gewesen, und sah im selben Augenblick, wie drei junge „Herren“ im Hintergrund sich mühsam ein Lächeln verkniffen, als habe einer soeben erklärt, er käme direkt aus dem Konzil von Trient. Doch Else machte eine kaum merkliche Bewegung mit den Fingern, und sofort trat Stille ein.

Leberecht zog seinen Block hervor und begann zu lesen. Er las von Meißen, von der Reise der Familie, vom „kinematographischen Institut“, wie sein Vater das Kino genannt hatte, von Märchenfilmen, deren Bilder sich tiefer in die Seele eingeschnitten als später ganze Lehrbücher der Dogmatik, von den Großeltern, die sämtlich aus dem evangelischen Pfarrhausmilieu hervorgegangen waren, von den eigentümlichen Tapeten, dem Geruch nach Bohnerwachs und schmierig gewordenen komisch riechenden Gesangbuchumschlägen, vom Klavier, über dem ein Bild Johann Hinrich Wicherns hing, das dem Knaben mit den Jahren immer verdächtiger geworden war, weil dieser Wichern eine unheimliche Ähnlichkeit mit Nosferatu besaß, mit jener asketischen Raubvogelhaftigkeit, die Kindern das Blut gefrieren lässt, ehe sie auch nur wissen, was Furcht ist. Er las, und während er las, merkte er, dass die Geschichte im Raum nicht nur gehört, sondern durch die verschiedenen Temperamente hindurch sofort umgeformt wurde: von den einen in eigene Erinnerung, von den anderen in fremden Spott und von dritten in betroffenes Schweigen.

Als er geendet hatte, war es für den Bruchteil einer Sekunde vollkommen still. Es war jene kostbarste Form der Stille, in der noch nicht entschieden ist, ob Beifall oder Vernichtung folgt. Dann brach die Gesellschaft, wie ein Stück Gestein unter innerem Druck, in drei Lager auseinander.

Die erste Gruppe war entzückt. Luise von Meisenburg-Arendt, in einem Gewand, das wie aus ätherischem Brokat und nachträglich hinzugefügter Mondbeleuchtung gefertigt schien, legte beide Hände an ihre Brust und erklärte mit einer bebenden Innigkeit, dies sei „von einer so wunderbar protestantischen Kindheits-Melancholie, dass man Goethe dagegen fast für immer eintauschen möchte“. Und das war natürlich übertrieben. Eine bleiche Dame mit türkisfarbenen Lidern hauchte, der Nosferatu-Wichern sei ein Fund ersten Ranges, darin verberge sich die ganze deutsche Innerlichkeit als Gespenst. Else selbst nickte nur einmal, doch dieses eine Nicken genügte, um dem Text für einige Minuten die Aura des Unerwarteten und deshalb Heiligen zu verleihen.

Das zweite Lager schlug mit jener Wollust zu, die nur Menschen kennen, die vom Urteil leben. Dörte Brandt, deren Mund von schmaler Schärfe und deren Intelligenz von eisiger Betriebsamkeit beschaffen war, sagte, das sei alles unerträglich männlich kodierte Erinnerungskitschprosa, pastoral verbrämt, sozial blind, ästhetisch reaktionär und im Grunde nichts als die nostalgische Selbstbeweihräucherung eines alten protestantischen Milieus, das seine Verklemmungen nun auch noch in Kunst verwandeln wolle. Eine andere Dame mit dunklem Bubikopf meinte, ihr fehle jede weibliche Innenperspektive; das Ganze rieche nach einer ausgetrockneten Bohnerwachsbüchse und Herrschaftswissen. Einer der halbseidenen Herren sekundierte mit dem Einwand, man dürfe die Gespenstik des protestantischen Hauses nicht sentimental verklären; da sei sehr viel versteckte Gewalt im Spiel. Und Dörte Brandt nickte kalt und sagte: „Endlich mal ein Mann, der das erkennt.“

Die dritte Gruppe aber schwieg. Und dieses Schweigen war unerquicklich. Nicht das Schweigen der Zustimmung, nicht das beleidigte Schweigen der Ablehnung – ein viel schwerer zu deutendes, beinahe professionelles Schweigen. Wibald Ruthaus gehörte zu ihnen. Er hatte während der Lesung den Kopf leicht schief gehalten, als lausche er weniger dem Inhalt als dem Timbre, und strich sich nun mit dem Zeigefinger langsam über die Oberlippe. Neben ihm saß eine Dame von undeutbarem Alter in grauer Seide; auch sie sagte nichts, sah Gottlieb jedoch an, als habe sie in seinem Text etwas entdeckt, das weder ästhetisch noch moralisch, sondern gefährlich sei. Mehrere der Schweigenden schienen innerlich bereits Formulierungen zu ersinnen, die sie erst später, in bösartigeren und darum haltbareren Sätzen, würden aussprechen wollten.

Schließlich hob Ruthaus das Glas, ohne zu trinken, und sagte mit jener trockenen Präzision, die in jedem Wort bereits ein Sekundärzitat mitführte: „Es hat Schwächen. Es hat beträchtliche Schwächen. Aber es hat eine Erinnerungskraft, die heute selten geworden ist, weil die Leute alles erleben und nichts mehr behalten.“ Dann wandte er sich halb zu Leberecht und fügte hinzu: „Sie haben einen Geruchssinn für Milieus. Das ist unerquicklich für die, die sich darin wiedererkennen.“

Damit war nichts entschieden. Im Gegenteil: Jetzt begann der eigentliche Salon. Die Damen rückten die Stühle, die Herren glätteten ihre Manschetten, Else lächelte mit jener kleinen, unheimlichen Dichterbewegung, bei der man nie weiß, ob Gnade oder Spott im Spiel ist, und die großartige Altstimme der Doña Maria Pia Kuckuck, die ihn zuerst angesprochen hatte, trat noch einmal dicht an ihn heran.

„Sie sehen“, sagte sie leise, „Sie sind angekommen. Man verzeiht Ihnen hier nichts. Das ist ein gutes Zeichen.“

Leberecht Gottlieb, der sich den Abend milder, vielleicht sogar herzlicher vorgestellt hatte, empfand plötzlich eine fast kindliche Freude. Denn er begriff: Gerade weil die Gesellschaft sich aufgespaltet hatte, war er aufgenommen worden. Nicht durch Zustimmung. Durch Angriff. Und während draußen, jenseits der zerbrechlichen Schaufensterscheibe, ein Wind sich in den platonischen Straßen aufmachte, wusste unser Held, dass er nach hierher immer wieder gern zurückkehren würde. Ins Haus des HERRN für alle Zeit, wie der alte Psalm es singt …

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alles Andere zu Leberecht Gottlieb hier …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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