Anzeige


Nosferatu
Leberecht Gottlieb (Teil 143)

143. Kapitel, das uns zeigt, wie Leberecht Gottlieb eine Erinnerung aus dem Gedächtnis hervor holt - und zu einer wirklich fesselnden Geschichte macht, um sie am nächsten Donnerstag vorzulesen - und sich damit im Salon der Else Lasker-Schüler einzufinden ...

Nachdem Leberecht Gottlieb sich, in einer jener Entscheidungen, die weniger als Entschluss denn als leise Einwilligung erscheinen, dazu verstanden hatte, in den Erprobungsräumen der asphodelischen Wiese zu verweilen – jenem merkwürdigen Zwischenreich, in dem die Seelen, ihrer Geschichte nicht entledigt, wohl aber ihrer Schwere beraubt, noch einmal die Möglichkeit erhalten, sich selbst in eine andere oder auch in dieselbe Form der Verkörperung zu entwerfen –, richtete sich sein Blick mit einer Beharrlichkeit, die er selbst kaum begründen konnte, auf jene eigentümliche Welt der Berliner Frauensalons, die ihm, aus der Ferne betrachtet, wie ein Ort erschien, an dem Geist nicht nur ausgesprochen, sondern in Szene gesetzt wurde.

Er hatte dabei keineswegs die Absicht, sich in jene frühe, beinahe klassische Zeit zurückzuversetzen, in der die Gespräche noch von einer gewissen unschuldigen Eleganz getragen waren, sondern zog, aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz durchsichtig wurden, eine spätere Epoche vor, eine, in der bereits Risse durch die Oberfläche des gebildeten Gesprächs liefen und in der sich die Persönlichkeiten mit einer Dringlichkeit äußerten, die nicht mehr allein dem Spiel, sondern bereits der Not entsprang. So fiel seine Wahl auf die schillernde, in sich selbst gebrochene Figur der Else Lasker-Schüler, deren Name ihm nicht bloß als literarische Größe, sondern als eine Art Chiffre für eine Existenz erschien, die sich nur noch im Sprechen selbst zu halten vermochte.

Es war daher kaum verwunderlich, dass sich ihm, kaum hatte er diesen Gedanken mit einer gewissen Ernsthaftigkeit gefasst, die Umgebung in einer Weise ordnete, die man, wäre man noch an die Kausalitäten der irdischen Welt gebunden gewesen, als Zufall hätte bezeichnen müssen. Er fand sich vor einem kleinen Bistro wieder, dessen unscheinbare Fassade durch einige an der Wand befestigte Plakate belebt wurde. Diese waren weder besonders kunstvoll noch auffällig gestaltet, und doch lag in ihnen eine gewisse Verbindlichkeit, die sich nicht aus der äußeren Form, sondern aus dem bloßen Vorhandensein ergab. Und dort stand es, in einer Schrift, die weder besonders elegant noch besonders nachlässig war, sondern einfach fest: „Literarischer Salon von Else“.

Leberecht blieb stehen, nicht aus Überraschung, sondern aus jener eigentümlichen Form der Bestätigung, die eintritt, wenn das Erwartete sich in der Wirklichkeit zeigt, ohne dass man es doch ganz erwartet hatte. Es war also tatsächlich so, dass in dieser sonderbaren Sphäre die Gedanken, sobald sie eine gewisse Dichte erreicht hatten, in Erscheinung traten, nicht als bloße Vorstellungen, sondern als konkrete Möglichkeiten. Und mehr noch: Die Einladung galt bereits für denselben Abend. Um acht Uhr, so war zu lesen, wolle man sich bei Wein und Gebäck versammeln, um über Literatur zu sprechen, und jeder sei gebeten, eine kleine Geschichte mitzubringen.

Diese letzte Bemerkung versetzte Leberecht in eine gewisse Unruhe, die man, bei näherem Hinsehen, kaum als Furcht bezeichnen konnte, sondern eher als eine Form der Vorbereitung, die sich ihrer selbst nicht sicher ist. Denn obgleich er ein Leben lang gepredigt und geschrieben hatte, war ihm doch nicht ohne Weiteres klar, ob das, was er zu sagen vermochte, in jenem Kreis Bestand haben würde, dessen Gesetze ihm noch unbekannt waren. Es war ja keineswegs ausgemacht, dass man ihn überhaupt würde sprechen lassen.

Dennoch setzte er sich, nachdem er sich ein wenig abseits begeben hatte, nieder und zog, gleichsam aus der Tiefe dieses eigentümlich durchlässigen Raumes, einen kleinen Schreibblock und einen Stift hervor, deren Herkunft sich nicht feststellen ließ und deren Gegenwart doch ganz selbstverständlich war. Er begann zu schreiben, zunächst zögernd, dann mit wachsender Sicherheit, und es war ihm, als vollziehe sich dieser Vorgang nicht im Sinne einer eigentlichen Erfindung, sondern vielmehr als ein Erinnern an etwas, das längst vorhanden war. Die Vergangenheit, so schien es ihm, trat nicht als abgeschlossenes Geschehen hinter ihn zurück, sondern bewegte sich, beinahe wie eine diskrete Begleiterin, an seiner Seite, strich ihm flüchtig über die Stirn und ließ in ihm jene Bilder entstehen, die er nun zu Papier brachte.

Es wurde ihm in diesem Augenblick deutlich, dass das, was man gemeinhin Erfinden nennt, nichts anderes ist als eine Form des Erinnerns, die sich ihrer Herkunft nicht mehr bewusst ist. Die Geschichte, die er niederschrieb, war ihm nicht neu; sie war vielmehr von jener Art, die darauf wartet, aufgeschrieben zu werden, weil sie in einer eigentümlichen Weise bereits existiert.

Als er geendet hatte, betrachtete er das Geschriebene nicht lange. Es genügte ihm zu wissen, dass es da war. Mit dieser Geschichte würde er sich, wenn man ihn denn dazu aufforderte, in den Kreis der Anwesenden begeben, sich als Neuankömmling zu erkennen geben und dabei – eine Regung, die ihm selbst ein wenig unerquicklich erschien – insgeheim hoffen, dass die Damen dieses Salons, die, wie er aus Erfahrung zu wissen meinte, sowohl zu einer bemerkenswerten Schärfe als auch zu einer nicht minder bemerkenswerten Geschlossenheit fähig waren, ihm mit einer gewissen Nachsicht begegnen würden, zumal wenn er sich als das vorstellte, was er gewesen war: ein alter sächsischer Pfarrer, der sich, vielleicht ein wenig verspätet, der Welt der Literatur zuwendet.

Was er aber aufgezeichnet hatte, war die Erinnerung an kleine, jedoch nicht unbedeutende Stücke seiner Kindheit: jene Reisen, die die Familie in die ferne Stadt Meißen geführt hatten wo der Vater, Martin Gottlieb, in seiner eigentümlich altertümelnden Weise das örtliche Kino stets das „kinematographische Institut“ nannte und erheitert mit den Seinen Märchenfilme betrachtete.

Doch war es nicht allein der Film, der sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, sondern die eigentümliche Stimmung dieses Ortes, ein Gemisch aus Erwartung, Fremdheit und jenem schwer zu bestimmenden Gefühl, dass sich hier etwas zeigte, das mehr war als bloße Unterhaltung. Man übernachtete bei den Großeltern, die, in einer fast ungebrochenen Folge von Generationen, ebenfalls dem evangelischen Pfarrstand angehört hatten, und in deren Haus sich eine Ordnung erhalten hatte, die weniger durch Vorschriften als durch Gewohnheit bestand.

Aus dieser Erinnerung, die sich ihm nicht als abgeschlossenes Bild, sondern als eine noch immer fortwirkende Bewegung darstellte, hatte er seine Geschichte geformt. Oder vielmehr: Sie hatte sich in ihm geformt und war nun bereit, ausgesprochen zu werden.

Und dies waren die Notizen Leberecht Gottliebs in dieser Angelegenheit:

Es war immer dieses Zimmer, dieses eine Zimmer, in dem man schlafen musste, wenn man bei den Großeltern war, dieses Zimmer, das nicht einfach nur ein Zimmer war, sondern eine Art Prüfkammer, eine Einrichtung, die offenbar einzig zu dem Zweck existierte, ein Kind in einen Zustand zu versetzen, in dem es weder wach noch schlafend ist, sondern ausgeliefert, vollkommen ausgeliefert.

Und man lag dort auf diesem Sofa, auf dem man nicht liegen wollte, weil es ein Sofa war, das schon vor einem selbst von anderen gelegen worden war, von Menschen, die man nicht kannte und die man auch nicht kennen wollte, und man wusste, dass dieses Sofa Dinge gesehen hatte, die man selbst nicht sehen wollte, und über einem, schräg gegenüber, hing dieses Bild.

Dieses Bild.

Man hatte gesagt, es sei ein bedeutender Mann gewesen, ein Mann der Kirche, ein Mann, der Gutes getan habe, und man hatte den Namen genannt, Johann Hinrich Wichern, als würde der Name etwas beruhigen, als würde ein Name die Macht eines Gesichtes brechen können, was natürlich nicht der Fall ist, weil ein Gesicht immer stärker ist als sein Name, immer stärker, vor allem dann, wenn es aus der Dunkelheit herauskommt.

Am Tag war es ein Bild.
Ein harmloses Bild, ein wenig schief vielleicht, ein wenig zu groß für den Raum, aber doch ein Bild, das man ertragen konnte, weil das Licht es erklärte, weil das Licht es entlarvte als das, was es ist: Farbe auf Leinwand, nichts weiter.

Aber am Abend, wenn das Licht nicht mehr das Licht ist, sondern nur noch ein Rest von Licht, ein Nachlassen, ein Versagen, begann dieses Bild zu arbeiten.

Und man wusste, dass es arbeiten würde.

Man wusste es schon, wenn man sich hinlegte, man wusste es, während man die Augen schloss, und man wusste es vor allem in dem Augenblick, in dem man sie wieder öffnete, weil man sie öffnen musste, weil man spürte, dass man beobachtet wurde, und es ist ja immer dieses Gefühl, das alles entscheidet, dieses Gefühl, dass da etwas ist, das nicht nur da ist, sondern auf einen gerichtet ist.

Und dann sah man es.

Nicht sofort, nicht abrupt, sondern langsam, so langsam, dass man sich selbst einreden konnte, es sei gar nichts, es sei nur ein Spiel des Lichtes, ein Schatten, eine Täuschung, aber gerade diese Langsamkeit war das Schreckliche, weil sie keinen Punkt hatte, an dem man sagen konnte: Jetzt hat es begonnen.

Der Kopf im Bild veränderte sich.

Nicht das ganze Gesicht, nicht die ganze Gestalt, nur der Kopf, und es ist ja immer der Kopf, der sich verändert, nie die Hände, nie die Kleidung, immer der Kopf, weil der Kopf das ist, was einen ansieht.

Und plötzlich war es nicht mehr dieser Mann, von dem man gesagt hatte, er habe Gutes getan, sondern etwas anderes, etwas, das man kannte, obwohl man es nicht kennen konnte, weil man es nur aus diesem dunklen Raum kannte, aus dem Kinosaal, in den man am Tage gegangen war, in dieses Museum, das man liebte und fürchtete zugleich, weil dort diese Figur stand, diese übergroße Figur, die nicht einfach nur dastand, sondern wartete.

Nosferatu.

Man hatte ihn gesehen, am Tag, im Licht, und man hatte gelacht vielleicht oder zumindest so getan, als hätte man keine Angst, weil man ja nicht allein war, aber am Abend war man allein, und was man am Tag gesehen hatte, kam zurück, nicht als Erinnerung, sondern als Gegenwart.

Und das Gesicht im Bild wurde dieses andere Gesicht.

Die Stirn zog sich zusammen, die Augen wurden leer, nicht leer im Sinne von harmlos, sondern leer im Sinne von bodenlos, und der Mund, dieser Mund, den man am Tag nicht beachtet hatte, wurde zu etwas, das man nicht mehr wegsehen konnte.

Und man lag da und wusste, dass man sich nicht bewegen durfte, weil jede Bewegung dieses Etwas bestätigen würde, jede Bewegung würde sagen: Ja, du bist da, ich sehe dich, und genau das durfte man nicht tun, also blieb man liegen, vollkommen reglos, während das Gesicht im Bild immer weniger Bild war und immer mehr etwas, das sich aus dem Bild herauslöste.

Und man dachte an nichts anderes mehr.

Nicht an die Großeltern, nicht an den nächsten Tag, nicht an das Frühstück, nicht an die Spaziergänge, an nichts, nur an dieses Gesicht, das da war und das nicht weggehen würde, solange man es ansah, und man wusste zugleich, dass man es nicht nicht ansehen konnte.

Und so lag man dort, Stunde um Stunde, oder das, was man für Stunden hielt, weil die Zeit in solchen Momenten nicht mehr vergeht, sondern steht, so wie der Rhein steht, wenn es zu heiß ist, und man wartete.

Man wartete darauf, dass etwas geschieht.

Aber es geschah nichts.

Es geschah nichts, und genau das war das Schreckliche, dass nichts geschah, dass dieses Gesicht einfach da war, unverrückbar, unausweichlich, bis man irgendwann doch einschlief, nicht weil man es wollte, sondern weil der Körper aufgab.

Und am Morgen war es wieder nur ein Bild.

Ein harmloses Bild.

Und man hasste dieses Bild dafür, dass es wieder harmlos war.


alles Andere zu Leberecht Gottlieb hier …

Autor:

Matthias Schollmeyer

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

33 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.