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Workuta Adieu …
Leberecht Gottlieb (Teil 142)

142. Kapitel,  welches vom Einsturz der Bleimine in Workuta erzählt und unseren Held aus seiner Zwangslage  auf die Eleusische Wiese Asphodeliens führt und er dort den Violetten Engel trifft ...

Der Einsturz kam ohne jede Ankündigung, ohne vorlaufendes Grollen,  das den Katastrophen feierliche Rahmung verleiht, kam ohne den Donner, der das Ungeheure in die Ordnung der Erwartung stellt. Nichts dergleichen. Es war ein trockenes, plötzliches Brechen, als habe die Erde selbst, die man doch für geduldig hält, in einem kaum begreiflichen Augenblick ihre Geduld verloren. Der Stollen knickte ein wie ein morsches Gelenk, und der Staub, der sich erhob, war nicht mehr bloß Staub, sondern etwas Zweites, eine Art Gegenlicht, eine Verdunkelung eigener Art, die den Raum nicht erfüllte, sondern ihn ersetzte. Stimmen lösten sich auf, wurden zu abgerissenen Lauten, die einander nicht mehr erreichten, und schließlich zu nichts.

Leberecht Gottlieb, fünfundneunzigjährig, zuletzt mehr gestützt als tätig, spürte keinen Schmerz. Es war, als sei ihm eine Last abgenommen worden, die nicht einmal mehr als Last empfunden worden war, weil sie zu lange schon zu ihm gehört hatte. Keine Heilung, keine Wiederherstellung – vielmehr eine Aufhebung, eine leise und doch unwiderrufliche Entbindung von allem, was ihn bis dahin getragen hatte. Die Luft wurde knapp, dann dünn, dann gleichgültig, und der alte Geistliche aus Sachsen, den man nach Workuta verbracht und dort festgesetzt hatte, dachte noch – ein letzter, beinahe überflüssiger Gedanke, der sich selbst zusah –, es sei unerquicklich, ausgerechnet hier zu sterben, zwischen Bleiglanz und den Resten eines Lebens, das längst zu Ende erzählt gewesen war. Dann verlor auch dieser Gedanke seine Schwerkraft und sank, wie alles andere, ins Ununterscheidbare.

Als Leberecht wieder zu sich kam – wenn man diese Wendung überhaupt noch gelten lassen will –, war das „Zu“ bereits hinfällig geworden. Er war, ohne sagen zu können, ob er stand oder schwebte oder in einer dritten Weise existierte, die alle bekannten Begriffe unterlief. Das Gestein war noch da, aber es widerstand nicht mehr; es war durchlässig geworden, als habe es seine frühere Härte nur leihweise besessen. Und Leberecht sah hindurch, nicht mit den Augen, die er offenbar zurückgelassen hatte, sondern mit einer Art stiller, nicht mehr zu bestreitender Gewissheit.

„Also doch“, sagte er, ohne zu sprechen. „Ich bin gestorben. Aber ich war doch schon tot und dort. Ich habe doch bereits alles aufgeschrieben, habe es so oft erinnert, bis die Erinnerung sich im Vergessen selbst erschöpft hatte. Ich habe doch alles noch nd noch und noch erlitten, indem ich mich erinnerte. War das nicht schon das Ziel? Oder war es nur eine Vorstufe, eine Vorhölle vielleicht? Und wenn dieses jetzt nun folgt – ist das dann die Hölle der Hölle? Oder beginnt hier, auf einem Umweg, etwas, das man Himmel nennt, weil einem die genaueren Worte fehlen?“

Die Antwort kam nicht als Stimme, sondern als Gegenwart. Der violette Engel. Er war nicht herangetreten; er war da, als sei er nie nicht da gewesen. Sein Gesicht entzog sich der Festlegung, und doch lag in ihm eine Bestimmtheit, die weder Trauer noch Freude war, sondern eine eigentümliche Mischung, die man vielleicht als Erkenntnis bezeichnen könnte, wenn man das Wort nicht schon zu oft gebraucht hätte. Es war die Farbe der Übergänge, nicht die eines Zustandes.

„Du verwechselst Reihenfolge mit Bedeutung“, sagte der Engel, und selbst dieses Sagen war nur eine Annäherung. „Was du erlebt hast, war weder vorläufig noch endgültig. Es war notwendig. Das genügt.“

„Notwendig“, wiederholte Leberecht, als müsse er den Geschmack dieses Wortes erst prüfen. „Dann war also auch das Schreiben notwendig? Diese Hölle, die ich als Schreibstube erfahren habe?“

„Gerade das“, entgegnete der Engel. „Wer nicht schreibt, versteht nicht, was er erleidet. Und wer nicht erleidet, hat nichts zu schreiben.“

Leberecht schwieg, nicht aus Einverständnis, sondern weil der Widerspruch, den er hätte erheben können, ihm nicht mehr zur Verfügung stand. Stattdessen bemerkte er, dass sie sich bereits bewegten, oder besser: wie Bewegung kein angemessenes Wort mehr war für das, was geschah. Die Landschaft, die sich öffnete, war von einer Helligkeit, die keine Quelle kannte. Es gab keine Sonne, keinen Himmel im herkömmlichen Sinne, sondern eine Art Eigenleuchten der Dinge. Eine Wiese breitete sich vor ihnen aus, weder grün noch golden, sondern in jener schwer zu bestimmenden Farbe, die die alten Dichter „asphodelisch“ genannt hatten, weil ihnen nichts Besseres einfiel.

Leberecht kannte diese Wiese, und er wusste zugleich, dass er sie nie zuvor gesehen hatte. Sie war die Summe aller Wiesen seiner Knabenzeit, der Infanterieacker von Seligenstädt, die Pfarräcker seiner Parochien, die Friedwaldwiese, auf der seine Eltern ruhten, und zugleich jene weite Fläche, über die Tanja Blixen mit Denys Finch Hatton in dem winzigen Flugzeug hinweggeglitten war. Eine einzige Wiese, aus Erinnerungen gefügt, die sich nicht mehr widersprachen.

Zwischen den Halmen eines sonderbaren Urkorns standen Lilien, leuchtend, ohne sich aufzudrängen, frei von jeder überdeutlichen Symbolik. Leberecht kniete – sofern dieses Wort hier noch einen Sinn hatte –, pflückte eine Blüte und aß sie. Der Geschmack war weder süß noch bitter; er war Erinnerung, die ihren Schmerz verloren hatte.

„Wie lange darf ich hier bleiben?“, fragte er.

„Eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit“, sagte der Engel. „Aber Zeit ist hier kein Maß. Nenne es eine Schonfrist.“

Leberecht ging weiter, und der Engel folgte ihm in einer Entfernung, die keine war. Gestalten erschienen, oder vielmehr: sie wurden sichtbar. Leberecht erkannte sie, ohne sie je gesehen zu haben. Malwida von Meysenbug sprach mit Lou Andreas-Salomé, Karoline von Günderrode mit Teresa von Ávila, Rahel Varnhagen mit Henriette Herz, und Bettina von Arnim bewegte sich zwischen ihnen, als gehöre ihr der Raum. Etwas abseits sah er Else Lasker-Schüler, mit sich selbst in ein Gespräch vertieft, das mehr war als ein Gespräch, und dahinter, gleichsam in einer zweiten Reihe, weitere Gestalten, deren Namen ihm einfielen, ohne dass er sie hätte nennen müssen.

„Sind sie tot?“, fragte er.

Der Engel lächelte, und in diesem Lächeln lag nichts Tröstliches. „Tot“, sagte er, „ist kein brauchbarer Begriff. Das sind Entwürfe, Urformen von Leben, die darauf warten, in die Zeit einzutreten. Möglichkeiten, wenn du so willst.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Das solltest du wissen.“

Und dann, fast beiläufig:

„Bei deinem Beruf.“

Nach einer Weile – oder dem, was an ihre Stelle getreten war –, wandte sich der Engel wieder an ihn. „Man wird dich fragen, was du nun sein willst“, sagte er. „Nicht prüfen. Fragen. Das ist ein Unterschied, der unten selten verstanden wird.“

„Ich habe bereits gewählt“, antwortete Leberecht, und es überraschte ihn selbst, wie entschieden seine Stimme klang. „Ich möchte in die Berliner Salons. Aber in die späte Zeit, zu Else Lasker-Schüler.“

„Warum gerade dorthin?“

Leberecht sah nicht den Engel an, sondern etwas, das hinter ihm lag oder vor ihm lag oder beides zugleich war. „Weil sie spricht, als hinge ihr Leben daran“, sagte er. „‚Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen‘ hat sie gesagt. Und ‚Ich bin Prinz Jussuf von Theben.‘ ‚Ich bin so allein.‘ Das ist keine Rede mehr im gewöhnlichen Sinne. Das ist ein Versuch zu existieren. Ich will spüren, wie das … tut.“ Und dann sagte er einige Verse auf. Sie hatten ihn auch dort in Workuta getröstet:

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel!

Leberecht hielt inne. Und meinte dann: „Ich will nicht eingreifen. Zusehen genügt.“

Der Engel nickte langsam. „Du wählst nicht nur einen Ort“, sagte er. „Du wählst eine Zeit. Und Zeiten bringen mit sich, was du nicht gewählt hast. Trittst du zu früh ein, berührst du die Revolution. Trittst du später ein, gerätst du in das fatale zwanzigste Jahrhundert.“

Eine kurze Pause.

„Und dort gibt es Dinge, die sich der bloßen Beobachtung entziehen.“

Leberecht senkte den Blick. „Gibt es einen Vorraum?“, fragte er.

„Es gibt einen Ort“, sagte der Engel, „an dem Möglichkeiten erprobt werden. Keine Leben, sondern ihre Entwürfe. Gespräche, die noch nicht geführt sind, Gesten, die sich erst bilden. Eine Art Labor, wenn du so willst.“

„Das genügt mir.“

Sie einigten sich, und diese Einigung hatte nichts von einem Vertrag, eher von einem Einschnitt, der nicht mehr rückgängig zu machen war.

Die Wiese begann sich zu verändern. Stimmen wurden leiser und zugleich bestimmter, als hätten sie ihre Unsicherheit verloren. Und über allem lag eine Gewissheit, die sich nicht begründen ließ: dass hier nichts begann und nichts endete, sondern dass alles Teil eines Geschehens war, das weder durch den Tod noch durch das, was man Himmel nennt, zu einem Abschluss gebracht werden kann.

-
alles Andere zu Leberecht Gottlieb Teil 1 bis Teil 141 hier

Autor:

Matthias Schollmeyer

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