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Uncle Tom’s Cabin
Leberecht Gottlieb (Teil 141)

140. Kapitel, welches uns an das wunderbare Buch von Harriet Beecher Stowe erinnert ... und uns die Tränen in die Augen treiben wird, wenn wir Sinn und Geschmack für das Unendliche haben.

Das Licht in der Grube war schwach. Die Lampe hing schief an einem Haken im Holz. Der Staub lag in der Luft wie ein feiner Nebel. Wenn man einatmete, schmeckte man Metall. An diesem Abend sprach nicht Leberecht Gottlieb. Sondern Pawel Samuelkow stand auf. Er war ein breiter Mann mit schweren Händen. Sein Bart war grau vom Bleistaub. Er rieb sich über das Gesicht, als wolle er prüfen, ob es noch da war.

Dann begann er zu reden. Mein Ururgroßvater, sagte er,  hieß Mendel Samuelkow. Er war Jude aus Weißrussland. Damals, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wurde es für Juden immer schlimmer. Die Pogrome kamen wie plötzliche Stürme übers ganze Land. Häuser brannten. Männer wurden erschlagen. Frauen schrien.

Also ging Mendel. Er ging zuerst nach Hamburg. Dort roch es nach Salz, Teer und fauligem Holz. Die Schiffe lagen dicht an dicht. Man hörte viele Sprachen. Mendel hatte wenig Geld und ein kleines Bündel. Aber er hatte ein Buch. Es hieß „Onkel Toms Hütte“. Er hatte es als Junge oft gelesen. Immer wieder. Darin stand die Geschichte eines schwarzen Mannes, der geschlagen wurde und verkauft und wieder geschlagen wurde – und der trotzdem seinen Gott nicht verließ.

Mendel sagte später oft: Wenn ein Mensch so glauben kann, dann muss Gott wirklich da sein. Darum wollte er nach Amerika. Nicht wegen des Geldes. Nicht wegen der Freiheit. Er wollte die Menschen hören, von denen dieses Buch sprach. Die schwarzen Menschen auf den Feldern. Die Lieder. Den Glauben. Das Schiff brauchte viele Wochen. Der Atlantik war grau und kalt. Viele wurden krank. Ein Mann starb und wurde ins Wasser geworfen. Mendel stand an der Reling und sah zu, wie der Körper im Meer verschwand.

Er dachte: Vielleicht beginnt Freiheit so. In Amerika ging er nach Süden. Er arbeitete hier und da. In Ställen. In Küchen. Auf Baustellen. Er kümmerte sich nicht um seine Kleidung. Er sparte kein Geld. Er ging einfach weiter. Die Leute sagten: Dort unten sind die Baumwollfelder. Also ging er dorthin. Sklaverei war offiziell vorbei. Aber das Land hatte ein langes Gedächtnis. Viele Schwarze  arbeiteten noch immer für Weiße, die sie behandelten wie früher. Es gab Schläge. Es gab Hunger. Es gab Angst.

Mendel kam in ein kleines Haus aus Holz. Der Mann dort hieß tatsächlich ebenfalls Tom. Er war groß und hatte ruhige Augen. Sein richtiger Name war Thomas. Wie der Jünger aus der Bibel. Tom sagte: Du kannst hier bleiben. Wenn du arbeitest. Mendel arbeitete. Sie standen früh auf. Noch vor der Sonne. Sie gingen aufs Feld. Die Baumwolle schnitt in die Finger. Der Rücken tat weh. Die Aufseher ritten manchmal vorbei. Manchmal gab es Streit. Manchmal Schläge. Aber abends sangen sie. Der Gesang begann leise.

Einer fing an. Dann die anderen. „The Lord is my shepherd …“ Die Stimmen waren rau vom Staub. Und heiser.
So singen die Schwarzen. Niemand sonst singt so. Aber sie waren stark, diese Stimmen. Weil sie rau waren und nicht süß wie die Stimmen der Popen in den Kirchen mit den Zwiebeltürmchen. Der Himmel über den Feldern wurde dunkel. Die Sterne kamen heraus. Mendel stand dazwischen. Er verstand nicht alle Worte. Aber er verstand den Glauben.

Und nun? Tom hatte eine Tochter. Sie hieß Ruth. Sie war so alt wie Mendel. Ihre Hände waren schnell. Ihr Lachen war hell. Wenn sie sang, wurde der Gesang stärker. Mendel verliebte sich in sie. Es war keine leichte Liebe. Manche Leute sagten: Ein Jude und eine schwarze Frau. Aber Mendel blieb. Sie heirateten. Sie bekamen sieben Kinder. Die Kinder hatten dunkle Augen und lockiges Haar. Sie arbeiteten mit den Eltern auf den Feldern. Und sie sangen. Immer wieder sangen sie.

„The Lord is my shepherd…“

Einmal kamen auch Männer vom Ku-Klux-Klan. Sie trugen Kapuzen. Sie hatten Fackeln. Sie wollten Mendel vertreiben. Tom stand vor der Tür mit einer Axt. Mendel stand neben ihm. Ruth hielt die Kinder hinter sich. Die Männer sahen die beiden. Sie sahen auch die Nachbarn. Schwarze Männer mit Stöcken und Werkzeugen. Dann ritten sie wieder weg. In dieser Nacht sangen sie lange. Sehr lange.

Pawel schwieg einen Moment. Der Staub bewegte sich in der Lampe. Er sagte: Mein Urgroßvater kam einmal wieder zurück über das große Wasser. Er wollte sehen, wo sein Vater hergekommen war. Und er fuhr  wieder zurück. Aber er hatte alles erzählt, was sein Vater ihm erzählt hatte. Tinka war ein Mädchen aus Kiew. Sie saß bei ihm oft, als er von Amerika erzählte. Und sie wurde meine Großmutter. So war das. Und das Buch von Onkel Tom, das kenne ich auch. Stille.

Die Männer in der Grube hörten nichts außer dem Tropfen von Wasser irgendwo im Fels. Dann sagte Pawel leise:
So lebte mein Urgroßvater. Mit Schweiß. Mit Blut. Mit Liebe. Und mit Liedern. Er setzte sich wieder auf seinen Bleiblock. Stemmte die Arme in die Hüften. Dann begann er zu singen. Leise zuerst.

„The Lord is my shepherd…“

Die Stimme war rau. Die grauen Bleiwände warfen  den Klang zurück. Einmal. Und noch einmal. Bald sangen mehrere. Der Staub klebte an den Decken. Die Stimmen wurden größer. Sie rollten durch die Stollen wie Wasser durch einen Fluss. Man sah die Männer im Lampenlicht. Die Bärte voller Staub. Die Augen nass. Denn die Tränen liefen ihnen über die grauen Wangen und verschwanden in den schweißgetränkten Kragen. Niemand sprach. Sie sangen nur. Und für diese Zeit  war das Bergwerk keine Grube mehr. Es war eine Kathedrale.

Und Krypta zugleich ...

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alles von Leberecht Gottlieb hier

Autor:

Matthias Schollmeyer

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