Anzeige


Immer wieder gern
Leberecht Gottlieb (Teil 140)

140. Kapitel, in welchem wir erfahren, dass es manche Dinge und Personen gar nicht gibt. Aber es darauf ankommt, wie die Geschichte, die von ihnen erzählt wird, so gut ist - und mit einem Auftrag endet.

Wir wissen, daß Leberecht Gottlieb, im beinahe neunzigsten Lebensjahr stehend, in einem Bleibergwerk bei Workuta von russischen Geheimdienstlern einquartiert ward. Warum? Weil er sich weigert, seine Verbindungsmänner zu einem Thinktank preiszugeben, dem es gelungen sein soll, mit Hilfe künstlicher Intelligenz das globale politische Vorfeld in eine ganz bestimmte Richtung zu bewegen. Aber Leberecht verrät nichts. Eine eigentümliche, beinahe feierliche Sturheit ist es, die ihn zum Schweigen befähigt. Der alte Mann hat nichts mehr zu verlieren als seine Ehre. So überläßt er sich den täglichen Ereignissen mit erstaunlichem Gottvertrauen, das nicht aus Naivität stammt, sondern aus eigener und langjähriger Erfahrung.
Denn Leberecht ist gereist – nicht im gewöhnlichen Sinn des Wortes. Er hat auf Golgatha gestanden. Er ist mit Christus in die Hölle hinabgefahren und hat sich am Ostermorgen auferweckt wiedergefunden. Wer das alles und noch viel, viel mehr durchschritten hat, für den verliert jede Drohung ihre Schärfe. Das Bleibergwerk ist dem bewährten Geistlichen also kein Kerker, sondern ein Vorraum zum jüngsten Gericht, das ihn freisprechen wird.

Hier - auf Workuta - ist unser Held sozusagen zum Seelsorger vieler Mitgefangener geworden. Man hat einen kleinen Literaturzirkel gegründet. An Sonntagen, wenn einige Stunden frei sind, sitzen sie alle auf massiven Bleiklötzen und erzählen reihum Geschichten, die sie sich während der eintönigen Arbeit im Erz ausgedacht haben. Es ist eine Liturgie der Erfindung, eine Gegenwelt aus Worten im Inneren des Gesteins. Einige dieser sonderbaren Erlebnisse hat der treue Leser bereits genießen können. Heute ist wieder Leberecht Gottlieb an der Reihe. Er räuspert sich, und seine Stimme hat jenen leichten ironischen Charme, der nichts verhöhnt und doch alles durchschaut.

„Jetzt“, sagt er, „erzähle ich euch vom Bischof, den es nie gab. Oder gab es ihn doch?“

Es war irgendwann in den letzten Jahrzehnten der verfassten Kirchensteuerkirchen. Die Strukturen standen noch, die Verwaltungsapparate funktionierten, die Staatsleistungen flossen wie eh und je, Gremien tagten mit untadeligen Geschäftsordnungen – und doch war alles irgendwie ins Rutschen geraten. Selbst der Teufel vermochte nicht mehr zu helfen, weil es nichts mehr gab, was man hätte verderben können. Gott hingegen saß entspannt in seinem Thronsaal, lehnte sich, wie man sagt, zurück und dachte: „Nun wollen wir einmal sehen, ob sie auch noch die dritte Wette bestehen können und aushalten. Wie einst bei Hiob. Wie damals bei Faust.

Und die Menschen waren gar nicht so dumm. Sie hielten alles aus. Und - sie erfanden sich eine neue Führungsfigur. Das war raffiniert. Die nannten sie mit Namen den Erzoberlenker. Andere sagten Archidiakon dazu. Wieder andere Bischof. Die Titel wucherten, als könnten sie durch Klang ersetzen, was an Substanz fehlte.
Der eigentliche Haken – oder, wenn man so will, der Kick – bestand darin, daß es diese Person in Wirklichkeit gar nicht gab. Sie existierte nur als Idee, dann als dreidimensionale Simulation im holographischen Feld. Später erst - viel später - konstruierte man einen Cyborg darum herum, von chinesischer Ingenieurskunst gefertigt, mit der Stimme von Joseph Ratzinger ausgestattet, mit schön gekämmtem schlohweißen Haar und einer äußeren Erscheinung, die eben an würdig-geistliche Herren aus guten alten Zeiten erinnerte.

Diese Figur - oder sollen wir der Einfachheit halber von Entität sprechen - diese also war mit allen Datenbanken auf dem Erdkreis verbunden. Sie konnte aus dem Handgelenk Vorträge entwickeln, Postillen dichten, die Losungen und Lehrtexte auslegen, ohne Vorbereitung, ohne Zögern. Und so geschah es. Alles, was mit Sprache und Denken zu tun hatte, war dem Moloch des Guten - so lautete ein weiterer Würdetitel -verfügbar, ähnlich wie einem Organisten die Register seiner Orgel.

Und es geschah etwas Unerwartetes: Ein leichter Aufschwung der Kirchenzugehörigkeit wurde verzeichnet. Einige begannen sogar ernsthaft zu erwägen, ob man das akademische Theologiestudium – längst ins kulturwissenschaftliche Sammelbecken überführt – nicht wieder als eigene Disziplin beleben sollte.

Gesagt, getan. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena, jener vornehmen ernestinischen Gründung nach dem Verlust der Kurwürde von 1547, wo einst Johann Gottlieb Fichte mit emphatischen Ich-Rufen seine Studenten erschreckt hatte, und die dann den Generalsuperintendenten Johann Gottfried Herder mit dem von Fichte erlernten Wissen in Intellektuelle Bedrängnis brachten, eröffnete man einen kleinen Studiengang mit etwa fünf Bewerbern.

Kurz vor dem Eintritt in die Zeit des Vikariats beschlossen die stolzen Absolventen, den Regionalobererzdiakonbischof - oder wie man ihn sonst noch nannte - zu einem Vortrag seiner Wahl einzuladen. Für die künstliche Entität war es kein Problem irgendein reißerisch klingendes Thema zu ersinnen: Zum Beispiel dieses: „Ferne Galaxien und die Mission außerirdischer Intelligenzen. Eine Verbindung von Astrophysik und Eschatologie.“

Nur – es gab diesen schlohweißen Mann ja gar nicht. So ganz und gar nicht wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Aber alle wollten ihn nun sehen. Da war guter Rat teuer.

Das Kirchenamt suchte verzweifelt nach einem Darsteller. Schließlich fand man einen Obdachlosen, der so ähnlich aussah, wie man sich einen Bischof damals vorstellte und der für ein paar social-Credit-points bereit war, die Rolle zu übernehmen. Er wurde in einem BMW vorgefahren - es waren noch zu Zeiten der Verbrennungsmotoren –, er stieg mit einer gewissen filmischen Selbstverständlichkeit aus, indem er zuerst den linken Fuß auf den Asphalt setzte, dann, nach einer kaum merklichen Verzögerung, den rechten, wie man es aus Gangsterfilmen eben kennt.

Mit einer kleinen Kunstlederaktentasche betrat er den Vortragsraum, stellte sich ans Pult, hielt seine Rede – die ihm über ein diskretes System ins Ohr eingespielt wurde –, stellte sich zum Schluss selbst eine Frage, beantwortete sie mit gravitätischer Ruhe - und reiste wieder ab. Und nicht ohne dass ihm der Applaus des Auditoriums entgegen gebrandet war. Er hatte lächelnd gesagt: „Immer wieder gern.“

Hier endete Leberecht Gottlieb seine Erzählung. Er hob einen Bleiklumpen auf und warf ihn gegen die Wand des Stollens, daß es dumpf klatschte. Blei eben …

„Immer wieder gern“, wiederholt er.

Die Mitgefangenen sehen Leberecht an und nun bestürmen ihn etliche mit dem Wunsch, nun möchte man auch den Inhalt des Vortrags des obdachlosen Bischofs hören. Alles, was man dem ins Ohr eingespielt habe, das müsse doch jetzt als gesonderte Geschichte noch erzählt werden. Und sie nötigten ihn. Leberecht aber wehrte ab und beruhigte die Unwilligen mit der Verheißung einer später erfolgenden gesonderten Geschichte. „Wenn euch für heute nur dieser eine Satz im Gedächtnis bleibt“, sagt er, „dann ist der Zweck des Sonntags erfüllt. Der Satz lautet: ‚Immer wieder gern!‘ Das Mantra aller wahrhaft Wissenden. 

Und einer nach dem anderen murmelt, beinahe liturgisch:

“Immer wieder gern“.

——
alles Andere von Leberecht Gottlieb hier

Autor:

Matthias Schollmeyer

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

33 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.