☩ 26. März 1675 ☩
Ernst der Fromme
- Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (Ernst der Fromme)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es war der gute Wille, selbstverständlich war es der gute Wille, der immer wieder beschworene gute Wille, der alles in Bewegung setzte und am Ende alles auseinandertrieb. Man muss sich das vorstellen: ein Herzog, Ernst I. von Sachsen-Gotha-(Altenburg), der mit jener protestantischen Ernsthaftigkeit regiert, die nicht nur regieren, sondern ordnen, erziehen, verbessern will – Schulen, Kirchen, Verwaltung, alles wird verbessert, alles wird geordnet, alles wird, wenn man so will, moralisch gehärtet. Man nannte ihn später "Ernst den Frommen". Ein Fürst, der glaubt, dass Ordnung sich vererben lässt wie ein gutes Möbelstück oder ein besonders robustes Pferd.
Dann stirbt er, am 26. März 1675, und hinterlässt sieben Söhne. Sieben Söhne! Schon die Zahl ist ein politisches Problem, denn sieben Söhne bedeuten sieben Hoffnungen, sieben Eitelkeiten, sieben Ansprüche auf Residenzen, Hofkapellen, Jagdreviere und Kanzleien.
Zunächst versuchen die sieben das Unmögliche: gemeinsam zu regieren. Gemeinsam! Eine Regierung aus Brüdern, als sei ein Staat eine erweiterte Familienmahlzeit, bei der jeder einmal das Wort ergreift und der älteste Bruder am Ende das Tischgebet spricht. Der älteste - Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg - weiß, dass diese Brüdergemeinschaft nicht funktionieren kann, weil nichts auf der Welt weniger gemeinschaftsfähig ist als ein ererbtes Territorium.
So beginnt nach fünf chaotischen Jahren im Frühjahr 1680 das, was man höflich die Vorbereitung einer Teilung nennt, tatsächlich aber eine Art politischer Zerlegung ist. Eine Fuge, könnte man sagen: ein Thema wird angeschlagen – das Thema des guten Willens –, und sofort setzen Gegenstimmen ein: Anspruch, Misstrauen, dynastische Notwendigkeit. Stimmen, die sich überlagern, verfolgen, verdrängen. Im November desselben Jahres wird das Thema voll ausgespielt bis zum Schlussakkord der großen Gothaer Hauptteilung von 1680. Als der Dirigent sich verbeugt, da hat man plötzlich sieben Herzogtümer dort, wo vorher eins gewesen ist.
• Sachsen-Gotha-Altenburg
• Sachsen-Meiningen
• Sachsen-Römhild
• Sachsen-Hildburghausen
• Sachsen-Saalfeld
• Sachsen-Eisenberg
• Sachsen-Coburg
Eine Landkarte, die aussieht, als habe jemand ein Stück Porzellan fallen lassen und anschließend beschlossen, jede Scherbe zu einem Staat zu erklären. Man kann sich vorstellen, wie alle Brüder sofort beginnen, sich jeder seine eigene kleine Welt einzurichten: ein Schloss hier, eine Kanzlei dort, ein Hofprediger, ein Hofkapellmeister, ein Theater vielleicht. Die Städte Meiningen, Hildburghausen, Römhild oder Saalfeld werden über Nacht Residenzen, was bedeutet, dass auf einmal überall Hofwagen rollen, Musiker auftreten, Akten geschrieben werden und Beamte mit wichtiger Miene in den Straßen wandeln, die noch am Tag zuvor kotige Dorfpfade gewesen sind.
Und doch ist das alles ein Fiasko. Ein Fiasko der Zersplitterung. Denn einige dieser Herzogtümer existieren kaum länger als ein menschliches Gedächtnis. Manche verschwinden beinahe sofort wieder, als hätten sie sich selbst nicht recht geglaubt. Das Herzogtum Sachsen-Römhild etwa verschwindet schon nach wenigen Jahren wieder.
Auch Sachsen-Eisenberg hält kaum länger durch. Und wenn man den Blick etwas weiter schweifen lässt, taucht auch noch Sachsen-Jena auf, ein weiterer dieser merkwürdigen Versuche, aus einem Stück Thüringen ein Fürstentümchen zu machen, das kaum Zeit hatte, sich selbst ernst zu nehmen, bevor es wieder verschwand.
Die Fuge des väterlichen guten Willens endet also in einer Kakophonie von Erbfällen, Rückverteilungen, Neuordnungen. Ein politisches Stück, das ständig neu geschrieben wird, weil seine Komponisten zu viele sind und keiner das Ganze mehr überblickt. Und doch, paradoxerweise, entsteht aus diesem Fiasko etwas, das Europa bis heute kennt: die thüringische Kleinstaatlichkeit, jene merkwürdige Landschaft von Höfen, Theatern, Bibliotheken, Kapellen, Schulen und Universitäten, die sich gegenseitig übertreffen wollen. Eine Landschaft, in der Kultur entsteht, weil jeder kleine Herzog beweisen muss, dass sein winziger Staat nicht ganz bedeutungslos ist.
Aus den Scherben einer zerborstenen Welt gehen gegen ihr unausweichliches Ende Linien hervor, deren Nachkommen in Europa auf Thronen sitzen werden. Die genealogischen Fäden führen nach Belgien, nach Portugal, nach Bulgarien, nach Großbritannien. Eine politische Katastrophe im Kleinen verwandelt sich in die genealogische Infrastruktur Europas. Das ist die eigentliche Ironie dieser Geschichte: Der gute Wille eines frommen Vaters, der Ordnung schaffen wollte, erzeugt eine Teilung. Die Teilung erzeugt Chaos. Und aus diesem Chaos wächst eine europäische Geschichte, von der man bis heute lebt – im Guten, weil sie Kultur hervorbrachte, und im weniger Guten, weil sie zeigte, wie leicht politischer Idealismus sich in ein territoriales Scherbengericht verwandeln kann.
Und - man muss diese Herzöge mit ihren Frauen und den vielen Kindern – den lebenden, den totgeborenen und den im Kindesalter an den Pocken Dahingegangenen – am Ende nicht beinahe liebgewinnen? Ach, wie sie in ihren Schlössern gefroren haben, wie sie gerechnet und gehofft und wieder gerechnet haben. In der DDR hat man diese Leute gern als Ausbeuter und Unterdrücker verspottet. Ja - kleine Leute verspotten die großen Leute. Immer. Aber die ernestinischen Herzöge in der Gegend von Thüringen und Oberfranken waren auch etwas anderes: Menschen, die dazu verdammt waren, Geschichte zu machen. Das waren Leute, die zumeist noch von Gott und Christus etwas wussten und etwas hören wollten - und sich als die Schutzherren des lutherischen Protestantismus verstanden. Ohne die Segnung von oben, die sie sich selber andichteten und andichten ließen, wären sie wohl noch mehr allein gewesen ...
Wie spätere Zeiten über unser eigenes gegenwärtig laufendes Jahrhundert urteilen werden, wissen wir nicht. Wir werden es nie wissen. Und wahrscheinlich ist das auch besser so.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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