HERDER-KORRESPONDENZ (3/2026
DISRUPTIVE ZEITEN
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
In der Ausgabe (3/2026 - S.21-23) der HERDER-KORRESPONDENZ (Monatsheft für Gesellschaft und Religion) findet sich der für meine Begriffe ausgesprochen interessante Artikel DISRUPTIVE ZEITEN von Helmut Zander. Ich gebe hier den Inhalt wieder, so wie ich ihn verstanden habe. Mut beim Lesen ist hilfreich ...
Man hat sich fast schon daran gewöhnt, die Säkularisierung als schleichenden Verfallsprozess des christlichen Glaubens zu beschreiben – als ein langsames Ausdünnen seiner religiöser Substanz. Diese Beschreibung greift aber zu kurz. Tatsächlich leben wir an der Kluft eines bedeutenden Einschnitts, der tatsächlich den Charakter einer tektonischen Verschiebung trägt. Religion ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern Option. Damit wurde ein Zustand erreicht, der dem Christentum paradoxerweise viel näher liegt als die lange Epoche kultureller Dominanz. Denn Minderheit zu sein, gehört zur DNA des frühen Christentums und ist seine ursprünglichen Bauweise. Die Ursachen der Optionalisierung seien hier schnell benannt.
1. Die Religionsfreiheit entzieht den institutionalisierten Kirchen maßgeblich die ehemalige Steuerungsgewalt.
2. Der Sozialstaat übernimmt die einst kirchlich-religiös begründeten Funktionen.
3. umfassende Breitenbildung erzeugt Entscheidungsfreiheit beim Einzelnen
Was bleibt da übrig? Übrig bleibt demzufolge ein reduzierter Kern. Dabei handelt es sich um den Transzendenzbezug und die Zuständigkeit für die kontingenten Ausnahmen des Außeralltäglichen. Das nun genügt zwar vielen, aber es bindet nicht mehr alle. Die Folge ist bekannt: institutioneller Rückbau, Erosion der Milieus, Erschöpfung der Engagierten. Zugleich wächst im Schatten dieses Rückbaus eine neue Mehrheit heran – das sind die religiös Indifferenten. Die sind jedoch keine für sich kämpfenden Märtyrer, sondern gelassene Leute. Sie sagen: „Religion darf existieren, solange sie niemanden belästigt.”
Der eigentliche Einschnitt für die Kirchen liegt jedoch noch tiefer. Die Kirchen verlieren nicht nur Macht, sie verlieren auch ihre traditionell anerkannte Selbstbeschreibung als kulturelle Mitte. Was hier nun aber als Verlust erscheint, enthält jedoch eine ambivalente Chance. Der Rückzug aus hegemonialen Positionen entlastet die Kirchen von der Versuchung, Glauben administrativ zu sichern. Das Christentum kehrt damit in eine Form zurück, die es aus den Frühzeiten ihrer Geschichte längst kennt: die der eigenständig organisierten Minderheit.
In dieser Lage entsteht eine neue Notwendigkeit: Konfliktkompetenz. Die Kirche wird nicht mehr durch Einheit stabilisiert, sondern durch die Fähigkeit, Differenzen auszuhalten. Der Gegensatz von konservativ und liberal, der sich immer wieder zeigt, wäre dabei nicht als Betriebsunfall zu verstehen, sondern als funktionaler Antagonismus. Die Konservativen sichern die Identität, die liberalen verflüssigen sie. Wer diese Spannung stillstellen will, zerstört die Dynamik, von der die Institution lebt. Wer sie dämonisiert, verkennt ihren produktiven Charakter.
Die heutige Herausforderung heißt also „Posttraditionalität”. Die Epoche, in der Wahrheit als zeitlos transportierbares Gut galt, ist vorbei. Wahrheit erscheint „nur noch” im Kontext. Das ist keine Kapitulation vor dem Relativismus, sondern Einsicht in die geschichtliche Gestalt jeder Erkenntnis. Das Evangelium bleibt, aber seine Gestalten variieren. Wer dies leugnet, hält an einem statischen Wahrheitsbegriff fest, der mit der Erfahrungswelt moderner Gesellschaften unweigerlich kollidieren muss.
Damit verschiebt sich natürlich auch der innerkirchliche Diskurs. Was früher durch Verschweigungsgebote reguliert wurde, tritt nun offen hervor: Fragen nach Geschlecht, Amt, Moral. Die alte Strategie der Vermeidung wird durch eine riskantere ersetzt – die der öffentlichen Austragung. Das erzeugt Spannungen bis an die Grenze der Zerreißprobe, etwa wenn unterschiedliche kulturelle Kontexte zu gegensätzlichen Praxisformen führen. Doch gerade darin zeigt sich, dass die Kirche keine monolithische Größe mehr ist, sondern ein Netzwerk divergierender Realitäten.
Praktisch führt dies zu einer paradoxen Doppelbewegung: Einerseits braucht es Institutionen, weil religiöse Praxis ohne stabile Formen erodiert. Andererseits zerstört Überinstitutionalisierung die Nähe, von der religiöse Bindung lebt. Die heutigentags oft zu beobachtende Vergrößerung von pastoralen Bereichen und Verwaltungs-Strukturen erzeugt jedoch Distanz. Was bleiben könnte, wären Gemeindschaften als elementare Form – nicht als perfektes System, sondern als lokaler Resonanzraum in überschaubaren Quartieren.
Gleichzeitig offenbart sich noch eine andere Schwäche der gegenwärtigen Praxis. Gemeint ist die Überintellektualisierung. Gottesdienstliche Liturgie, die sich in Textfülle erschöpft, erreicht nur Eingeweihte. Religion aber lebt nicht primär von Argumenten, sondern von affektiven Verdichtungen. Wo diese nicht mehr erfahrbar wird, verliert jede Religion ihre Anziehungskraft.
Bei den Schwestern und Brüdern, die nicht durch das feurige Sinter-Bad der lutherischen Reformation getaucht sind, drängt sich zu guter letzt eine weitere Verschiebung auf: die Rolle der Frau. Was lange blockiert wurde, kehrt bei den römischen Katholiken nun mit struktureller Wucht zurück. Die Frage ist nicht mehr, ob sich hier etwas verändert, sondern ob die Institution diese Veränderung integriert oder an ihr zerbricht.
Die Konsequenz aus all dem ist unerquicklich und unausweichlich: Die Kirche verfügt über kein verlässliches Zukunftswissen mehr. Sie ist gezwungen, sich experimentell zu verhalten. Das bedeutet: weniger kasuistische Detailsteuerung, mehr großzügige Prinzipien; weniger Angst vor Ambiguität, mehr Bereitschaft zur Pluralität; weniger Sanktionen, mehr Aushalten von Differenz.
Ja - Religion ist zur Option geworden. Wer in dieser Lage überleben will, muss lernen, ohne Sicherheiten zu operieren. Nicht als Verwalter einer abgeschlossenen Wahrheit, sondern als posttraditioneller Akteur in einem offenen Feld, dessen Regeln sich im Vollzug erst zeigen werden.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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