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Die Ernestiner (Teil 1)

Am Anfang stand eine Teilung, und jede Teilung ist bereits ein Versprechen und zugleich Verlust. Diese Teilung war ein Akt nüchterner Berechnung. Im Jahre 1485 saßen zwei Brüder, Ernst und Albrecht, Söhne des 21. Jahre vorher verstorbenen Kurfürsten Friedrich II., den man den Sanftmütigen nannte, über Karten, Urkunden, Einkünften und Rechten, und beschlossen, das große Erbe der Wettiner zu zerschneiden - wie ein kostbares, aber unhandliches Tuch. Das war die sogenannte Leipziger Teilung, und sie war zuerst weniger ein Drama als eine Buchhalterei von weltgeschichtlicher Tragweite. Später aber stellte sich heraus, dass mit dieser Teilung das Drama hauptsächlich der Ernestiner begonnen hatte. Denn jede Teilung beinhaltet zwar ein großes Versprechen - aber endet auch im Verlust.

Geteilt wurde nicht irgendein Landstrich, sondern ein zusammenhängender Herrschaftsraum von eigentümlicher Würde. Gemeint ist die Würde, den Kaiser wählen zu dürfen - die Kurwürde. Die bekam nur einer - der ältere Bruder Ernst. Wittenberg, die Markgrafschaft Meißen, thüringische Gebiete, Städte, Burgen, Zölle, Wälder, Flüsse – kurz: ein politischer Organismus, der in einer Hand gewachsen war, wurde aber aufgeteilt. Ernst, der Ältere, erhielt die Kur und damit den Vorrang im Reich; Albrecht bekam Meißen und jene östlichen Territorien, deren wirtschaftliche Kraft nicht auf den ersten Blick, wohl aber später auf lange Sicht von Bedeutung sein sollte. So entstanden zwei Linien, die man später Ernestiner und Albertiner nennen würde – Namen, die zunächst nur genealogische Unterscheidungen waren und doch zu politischen Schicksalsbegriffen wurden.

Der Vater der beiden, Friedrich der Sanftmütige, hätte vielleicht gezögert, hätte vielleicht die Einheit beschworen, denn er war ein Mann des Ausgleichs. Seine Söhne jedoch handelten im Geist ihrer Zeit: Brüder teilen, um Frieden zu sichern; was gemeinsam verwaltet wird, ist vielleicht bald umstritten? Dass in dieser scheinbar vernünftigen Entscheidung bereits der Keim späterer Rivalität lag, ahnte man wohl, aber man unterschätzte die Dauer der Folgen. Eine Dynastie kann zwar ihre Ländereien teilen; die Geschichte aber merkt sich die Bruchlinien.

Aus der ernestinischen Linie ging bald Friedrich III. hervor, den man den Weisen nennen sollte, und aus der albertinischen eine Macht, die zunächst im Schatten stehen musste. Doch Schatten haben Geduld. Was 1485 durch die Leipziger Teilung geordnet wurde, begann sich im Laufe des 16. Jahrhunderts zu verschieben; und als Jahrzehnte später bei Mühlberg die Kurwürde die Hand wechselte und von den Ernestinern zu den Albertinern kam, war es, als kehre die alte Teilung in verwandelter Gestalt - als Rachegöttin nämlich zurück.

Es beginnt also die Geschichte der ernestinischen Tragik nicht mit Martin Luther, nicht mit dem Schmalkaldischen Militärbund, nicht mit Gefangenschaft eines renitenten Ernestiners oder seinem späteren Riesen-Grab-Denkmal in der Coburger Moritzkirche, sondern mit einer brüderlich vollzogenen Unterschrift unter eine Teilungsurkunde. Man wollte Eintracht sichern und schuf zwei Wege, die sich fortan nicht mehr kreuzen sollten, ohne einander zu verwunden. Als im Jahre 1485 die Brüder Ernst und Albrecht ihr wettinisches Erbe unter sich aufteilten, entstand aus der Leipziger Teilung jene feine, kaum sichtbare Linie, die bald zu einer Schicksalsfurche werden sollte: hier die Ernestiner mit der Kurwürde, dort die Albertiner mit Meißen und der stillen Geduld der zweiten Reihe. Aus dem Haus Ernsts ging Friedrich III. von Sachsen hervor, den die Nachwelt den Weisen nennen sollte, als habe man schon geahnt, dass er weniger durch Taten als durch Unterlassungen Geschichte machen würde.

Friedrich der Weise residierte in Wittenberg, jener kleinen Stadt an der Elbe, die im Glanz seiner neu gegründeten Universität aufblühte. In den Sälen seines Schlosses mochten medial veranlagte Sensible den Duft der Reliquien ausgemacht haben, und die Gelehrten in den Kabinetten das Rascheln wertvoller Pergamente - denn Friedrich III (der Weise) sammelte Reliquien und war ein weiser Mann. Und dann war da noch der sattsam bekannte Mönch, ein Augustiner aus Erfurt, der den eigentlichen mitteldeutschen Sturm entfachte. Martin Luther schrieb, predigte, widersprach – und Friedrich schützte ihn. Nicht mit demonstrativer Nähe, nicht mit brüderlicher Umarmung, sondern mit jener diskreten, fast höfischen Zurückhaltung, die dem Fürsten erlaubt, sich nicht gemein zu machen und doch zu entscheiden. Man hat gesagt, die beiden großen Männer seien einander nie persönlich begegnet; vielleicht war gerade diese Distanz die klügste Form der Nähe. Kurz vor seinem Tod 1525 freilich empfing Friedrich das Abendmahl in beiderlei Gestalt – ein leiser Schritt über eine unsichtbare Schwelle - könnte man mutmaßen.

Sein Bruder, Johann der Beständige, trat nun an seine Stelle. Wo Friedrich der Weise abgewogen hatte, bekannte Johann Beständigkeit. Er unterzeichnete 1530 die Confessio Augustana und gründete 1531 den Schmalkaldischer Bund, als müsse nun aus all den theologischen Gewissensfragen auch eine politische Struktur werden, die sich bis ins Militärische herunterbrechen lässt. Unter diesem Johann wurde die Reformation Staatsangelegenheit; das Bekenntnis verließ die Studierstube und betrat den Reichstag.

Nach seinem Tod (auch er musste davon …) kam sein Sohn, Johann Friedrich I., der Großmütige an das Ruder der Staatsgewalt. Großmütig – ein Wort, das im Nachhall der Geschichte einen melancholischen Klang annimmt. Ja - denn er hatte wirklich Mut. Er führte den Schmalkaldischen Bund gegen Kaiser Karl V. Und - er verlor 1547 in der Schlacht bei Mühlberg. Mit dieser Niederlage ging die Kurwürde strafeshalber von den Ernestinern auf die Albertiner über. Nicht nur ein Titel war damit verloren, auch das Zentrum der Macht wechselte die Hand. Von nun an war Dresden der Ort der Kur, und Wittenberg blieb Erinnerung ….

Große Verluste gebären den Trotz. Der Sohn des besiegten ehemaligen Kurfürsten Johann Friedrich I (des Großmütigen) hieß mit Namen Johann Friedrich II. (der Mittlere). Der nun wollte sich zurückholen, was sein Vater bei Mühlberg verloren hatte. In den Wirren der Grumbachschen Händel suchte er gemeinsam mit dem Reichsritter Wilhelm von Grumbach die Restitution der Kur zu erzwingen. Es war der Versuch, die Uhr zurückzudrehen. Die Sache ging deutlich fehl - und wie alle Versuche dieser Art endete das Ding mit der Reichsacht. 1567 wurde Gotha eingenommen, Grumbach hingerichtet und der Herzog Johann Friedrich II. gefangen gesetzt. Fast drei Jahrzehnte verbrachte er unter Aufsicht, zuerst in der Wiener Neustadt und zuletzt in Steyr, wo er auch starb - fern der thüringischen Wälder, deren Herr er einst gewesen war.

Seine Söhne, Johann Casimir und Johann Ernst von Sachsen-Eisenach, waren noch Kinder, als der Vater in Haft ging. Zunächst führte ihr Onkel, Johann Wilhelm von Sachsen, die Regierung, später eine vormundschaftliche Verwaltung unter wachsamer Reichsaufsicht des Kaisers Maximilian II. Als die Brüder volljährig wurden, regierten sie erst gemeinsam in Sachsen-Coburg-Eisenach, bevor sie 1596 ihre Länder zu teilen hatten. Und diese Teilungen werden immer weitergehen, um sich zum Schluss in die sprichwörtliche Kleinstaaterei verästelt zu haben. Noch sind es nur Casimir in Coburg, Ernst in Eisenach und der Onkel Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar, der schon gestorben ist. Kurfürsten August von Sachsen - ein Albertiner also (welche Schmach) - verwaltet den noch unmündigen Kindlein des Inhaftierten von 1572 bis 1586 die Herrschaft.

Dann aber - im Chor der Morizkirche zu Coburg - vollzieht sich eine stille Umkehrung der Geschichte. Johann Casimir lässt ein monumentales Epitaph für seinen 1595 verstorbenen Vater errichten – kein schlichter Grabstein ist das, sondern ein steinern pyramidales Bekenntnis. Das Ding muss man gesehen haben! Wo in katholischen Kirchen sonst der Hochaltar steht, erhebt sich bis heute nun das Gedächtnis eines gestürzten Fürsten. Damit war zwar nicht die Rückgewinnung der Kurwürde gelungen, aber die Bewahrung der Würde eines, der es versucht hatte. Der Vater, politisch gescheitert, wurde ikonographisch rehabilitiert und mit den Narrativen der alttestamentlichen Jakobserzählung heimgeholt.

So zieht sich durch dieses Jahrhundert eine Linie aus Schutz und Bekenntnis, aus Verlust und Beharrung. Die Ernestiner verlieren die Kur, verlieren die große Bühne des Reiches, und gewinnen – wider Willen – eine andere Form von Fürstlichkeit: die des kleinen, aber beharrlichen Hauses, das nicht mehr mit Gewalt Weltpolitik treiben will, sondern Erinnerung, Kultur und inneres Regiment pflegt und feiert.

Was lehrt uns das alles? Die Geschichte erfüllt selten die Absichten der Handelnden. Wer Größe erzwingen will, verliert sie; wer aber im Verlust standhält, gewinnt eine andere Art von Bestand. Der Volksmund sagt, es kommt anders, als man denkt. Doch wie es dann kommt, trägt einen Sinn in sich, der nicht laut einher schreitet. Man muss ihn suchen, zwischen Niederlage und Denkmal, zwischen Haft und Erbe. Und selig ist, wer in der Zerstreuung der Macht noch die Einheit der Würde erkennt und sich nicht zu sehr darüber ärgert.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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