Liturgie eines Hochstaplers
Die Bekenntnisse des Felix Krull
- Felix Krull alias Marquis de Venosta im Gespräch mit Prof. Kuckuck
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Kurz vor dem Aschermittwoch, wenn die Masken fallen und der Karneval sein Ende findet, mag es angezeigt sein, den Blick auf ein Buch zu richten, das im engeren wie im weiteren Sinn vom Maskenspiel des Lebens handelt: Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und die inzwischen mehrfach erfolgten Verfilmungen dieses Romans. Die jüngste stammt aus dem Jahr 2021 und sei hiermit als Übergang in die Fastenzeit empfohlen. Maria Furtwängler erscheint darin in einer tragischen Nebenrolle als Gattin eines Toilettenfabrikanten; es ist keine große Partie, doch die Furtwängler spielt die Rolle mit jener souveränen Eleganz, die selbst das Nebensächliche leuchten lässt.
Wer meiner Film- und späteren Buchempfehlung gefolgt sein wollte, wird später vielleicht feststellen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Kinobesuch handelte, sondern um eine Art Initialzündung zur Einübung in die heiteren Unmöglichkeiten des Daseins. Felix Krull erscheint weder im Roman noch im Film als bloßer Betrüger, sondern als Künstler autobiographischer Formgebung, als einer, der das Leben nicht hinnimmt, sondern es durch Übertreibung gestaltet. Verlässt man den Kinosaal mit heißen Wangen und tritt hinaus in die Kühle der Nacht, so wächst leicht der Entschluss, den Film nicht als flüchtiges Erlebnis zu verbuchen, sondern das Buch selbst zur Hand zu nehmen – und vielleicht sogar die kommentierenden Studien dazu. Der „Krull“ ist weniger häufig untersucht worden als der „Zauberberg“ oder der „Doktor Faustus“, doch es gibt mehr als genug zu entdecken. Wer lesend in dieses unvollendete, schillernde Werk eindringt, fasst unmerklich den Vorsatz, jene phantastischen Möglichkeiten, zu denen Roman und Verfilmungen verführen, in das eigene Leben einzuarbeiten. Man beginnt zu ahnen, dass zwischen einem selbst und dem Marquis de Venosta keine unüberbrückbare Distanz bestehen muss. In der eigenen kleinen Welt wird man der Marquis – nicht aus billiger Eitelkeit, sondern aus einem Formwillen heraus, der sich beim Lesen fast zwangsläufig einstellt.
Misslingt im Alltag etwas oder erweist sich als sperrig, so erinnert man sich an Professor Kuckuck und dessen Gedanken zur Stufenordnung des Seins: wie nämnlich Tierreich, Menschenreich und Engelreich nicht hermetisch voneinander getrennt seien, sondern ineinander übergehen, indem jeweils ganz anderes etwas hinzutritt – ein Mehr an Bewusstheit, ein Zuwachs an Geist, ein Überschuss, der das Niedere nicht zerstört, sondern verwandelt. Diese Vorstellung wird zur heimlichen Lebensregel. Auch uns, so hofft man, könnte noch etwas hinzugefügt werden: eine Nuance, eine neue Haltung, vielleicht jene Eleganz, die den Unterschied zwischen Triumph und Niederlage ausmacht.
Freilich, Felix Krull übertrieb. Er übertrieb den Tag mit seinen Träumen und die Träume mit der Nüchternheit des nächsten Morgens. Doch diese Übertreibung war weniger Selbsttäuschung als Übung; sie war der Versuch, dem Leben eine Form zu geben, die über das bloß Faktische hinausreicht. Und sollte man einst im hohen Alter zurückblicken, so ließe sich sagen, dass man mit Hilfe dieses Romans den Planeten wacher und genauer besichtigt hat als zuvor. Und wer dann uns selbst als solche Leser gekannt haben wird, wird nach unserem Tode (Möge er fern sein) vielleicht spüren, dass dieses Buch nicht konsumiert werden wollte wie andere Bücher. Es verlangt Wiederholung, langsame Lektüre, beinahe andächtige Aufmerksamkeit. Seine Kapitel gleiten freundlich durch unsere Finger wie die Perlen eines Gebetskranzes. Wer nur die elegante Gaunerei, die schimmernden Hotels und die blendenden Oberflächen in Buch und Filmen wahrnimmt, bleibt im Vorraum stehen. Das Eigentliche geschieht hinter der Fassade: in der Schulung des Blicks, in der Einsicht, dass Identität kein fester Kern sein muss, sondern ein bewegliches Gewand, das mit Stil getragen werden will. Darin liegt die stille Provokation dieses Romans: Er lehrt, die Welt als Bühne ernst zu nehmen, ohne sie mit der letzten Wirklichkeit zu verwechseln, und er übt ein in die Kunst, dem eigenen Leben eine Form zu geben, die mehr ist als irgendeine austauschbare Biographie. Wer den „Krull“ so liest, betet ihn im strengen Sinn des Wortes – als wiederholte Betrachtung, durch die dem eigenen Dasein etwas hinzugefügt wird, das man sich selbst nicht geben kann, dem man aber Raum schaffen darf.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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