Georg II. von Sachsen-Meiningen
Der Theaterherzog
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Am 2. April jährt sich zum zweihundertsten Male die Geburt des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen, jenes sonderbaren Fürsten, den die Theatergeschichte mit einer gewissen Zärtlichkeit den Theaterherzog nennt. In der politischen Welt des 19. Jahrhunderts war sein Herzogtum kaum mehr als ein geographischer Zwischenraum ohne militärische Macht, ohne diplomatische Bedeutung, ohne das Pathos jener großen Entscheidungen, aus denen gewöhnlich die Geschichtsbücher Kapitel schlagen. Doch gerade die Lage irgendwo am Rande Thüringens in ihrer Bedeutungslosigkeit erwies sich als fruchtbarer Boden.
Es ist eine alte Erfahrung, daß aus der Peripherie oft Kräfte aufsteigen, die den Mittelpunkt verändern. Das Volk Israel etwa fand in der Verlassenheit der babylonischen Verbannung jene geistige Konzentration, aus der der Kanon ihrer heiligen Schriften erwuchs. Und aus dem Verlust der politischen Form entstand so eine geistige Gestalt. Ähnlich verhielt es sich mit den Ernestinern, jenen sächsischen Fürsten, die nach der Niederlage bei Mühlberg die Kurwürde verloren und sich eine neue Würde erfanden: die Rolle der dynastischen Hüter des lutherischen Gedächtnisses. Auch hier verwandelte sich politischer Verlust in symbolische Überhöhung.
In dieser Reihe steht der Herzog von Meiningen. Während andere Fürsten ihre Bedeutung aus Regimentern schöpften, entdeckte Georg II. die Bühne. Das kleine Hoftheater seines Landes wurde unter seiner Hand zur Werkstatt der Verwandlung. und das machte diesem Mann Freude, Spaß und machte ihn zugleich zu etwas Besonderem. Georg II. schrieb zwar keine Dramen; die großen Texte lagen längst vor – Shakespeares und Schillers gewaltige Stoffe der europäischen Tragödie. Der Herzog verstand aber etwas, was damals noch kaum jemand begriffen hatte: daß ein Stück erst im Augenblick seiner Darstellung geboren wird.
Mit der Geduld eines Miniaturmalers entwarf er Bühnenbilder, Kostüme, Bewegungen. Selbst der letzte Statist erhielt seine Aufgabe, Richtung des Blickes, eine kleine Geschichte innerhalb der großen Szene. So begann die Bühne zu atmen. Das kalte Material aufgeschriebener Dramatik erhob sich plötzlich als lebendige Gegenwart. Die Tragödien stiegen aus der Asche der Bücher auf wie bunte Phönixvögel.
Zeitgenossen berichteten, daß ein Abend im Meininger Theater eigentümliche Nachwirkungen besaß. Man ging nach Hause in die graue Wirklichkeit der Amtsstuben, doch etwas blieb zurück: eine Erinnerung an geordnete Bewegung, an die Würde aller Gestalten. Wochen später noch vermochte man davon zu zehren, als habe man einen Tropfen Honig auf die Zunge gelegt bekommen, dessen Süße nun langsam in den Alltag einsickerte.
So geschah in einem politisch unbedeutenden Herzogtum etwas, das weit über seine Grenzen hinaus wirkte. Der Theaterherzog erfand zwar nie ein neues Drama, wohl aber eine neue Art, alte Dramen lebendig zu machen. In der Kleinheit seines Landes entstand eine große Kunst der Darstellung neu – ein stiller Beweis dafür, daß Bedeutung nicht immer dort entsteht, wo die Welt laut und von der Macht spricht. Hier wuchs sie im Halbdunkel einer Bühne auf.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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