Christen in der DDR
Vergeben, nicht vergessen
- Die Hand gereicht: Jürgen Hauskeller (Mitte) mit Landesbischof Friedrich Kramer (l.) und Regionalbischof Tobias Schüfer
- Foto: Julia Reinard
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Jürgen Hauskeller hatte diesen Tag lange ersehnt. Zur Bußandacht für den Pfarrer in der Kirche St. Blasii in Zella-Mehlis im Kirchenkreis Meiningen wurde das Unrecht, das ihm nicht nur in der DDR durch seine Kirche widerfahren war, benannt und um Vergebung gebeten.
Von Julia Reinard
„Angesichts der Verletzungen, die Pfarrer Hauskeller in seiner Kirche und durch seine Kirche erfahren hat, bitten wir Gott und bitten wir Pfarrer Hauskeller um Vergebung.“ Diese Worte, verlesen von Landesbischof Friedrich Kramer und Regionalbischof Tobias Schüfer, bildeten das Herzstück der Bußandacht für Jürgen Hauskeller. In einer Erklärung bekannten die Geistlichen die Schuld der Kirche am vielfachen Unrecht, das der Pfarrer erfahren hatte, und baten um Vergebung.
Der 87-Jährige antwortete, indem er sich ans Mikrofon stellte und mit kräftiger Stimme sang: „Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“ Die Besucher, darunter viele frühere Wegbegleiter, stimmten ein – Gesangbuch nicht nötig, Taschentücher schon. Hauskeller bedankte sich bei Kramer und Schüfer, die diese Andacht möglich gemacht hätten, und berichtete vom Weg dorthin: vom Bußwort der EKM 2017, von der Aufarbeitung seines Schicksals durch den Kirchenhistoriker Friedemann Stengel und schließlich der Einladung nach Erfurt durch den Landesbischof mit dem Satz: „Wir müssen das aus der Welt schaffen.“
„Nichts lieber als das“, sei Hauskellers Antwort gewesen, aber da müsse jemand zuhören wollen. Das tat der Landesbischof und fragte nach, ob Hauskeller einen bischöflichen Brief mit Schuldbekenntnis und Bitte um Vergebung wünsche. „Ich habe öffentlich gearbeitet und gewirkt – ich wünsche mir eine öffentliche Handlung“, sei seine Antwort gewesen, erinnert sich Hauskeller. Deshalb der Bußgottesdienst, in dem die Besucher vom mehrfachen Unrecht, das ihm geschehen war, erfuhren.
Von 1968 bis 1975 hatte er in dieser Kirche Jugendgottesdienste abgehalten, teils mit Musik, teils ohne Talar – mit enormem Zulauf durch junge Menschen. So geriet er ins Visier der Staatssicherheit. Bei einem entscheidenden Gespräch mit Funktionären des Bezirks Suhl erhielt Hauskeller jedoch keine Unterstützung durch seine Vorgesetzten – stattdessen kritisierten sie ihn. Diese Schuld bekannte Landesbischof Kramer: „Wir beklagen, dass sich die Kirchenleitung nicht schützend vor ihren Pfarrer gestellt hat, als erkennbar wurde, dass die staatlichen Stellen gegen Pfarrer Hauskeller vorgehen werden.“
In den Wartestand versetzt, wechselte Hauskeller nach Sondershausen-Stockhausen, wo Superintendent Adebahr die Aufhebung des Wartestandes verzögerte und das auch fortsetzte, als Hauskeller in einem kirchlichen Verfahren Recht bekommen hatte. Mit dem Unrecht, das ihm durch die Stasi widerfuhr, habe er leben können, sagte Hauskeller nach der Andacht.
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"Aber was mir Kirche danach angetan hat, war viel schlimmer zu ertragen.“
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Denn 1992 hatte er Einsicht in seine Stasi-Unterlagen erhalten und erfahren, wie umfänglich er bespitzelt und belastet worden war, unter anderem durch seinen früheren Vorgesetzten Adebahr. Er wandte sich mit seinen Akten an den Landeskirchenrat – doch ihm wurde nicht geglaubt. Stattdessen glaubte man dem Mann, der ihn zuvor beruflich "kalt gestellt" hatte. Hauskeller wurde öffentlich als Lügner bezeichnet, zwei Pfarrkonvente distanzierten sich von ihm. Beim Bußgottesdienst beklagten die Bischöfe die Nichtbeachtung von Hauskellers Akten und das kirchliche Festhalten an den Aussagen des früheren Superintendenten.
Für Hauskeller kam weiteres Unrecht hinzu: Seit 2000 im Ruhestand, wurde er zwei Jahre später gemeinsam mit seiner Frau von der "Mission Eine Welt" in Neuendettelsau nach Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) entsandt. Als Hauskeller 2004 seine kongolesischen Kinder Dominik, Elias und Savannah in der Kirche von Sondershausen-Stockhausen, in der er 25 Jahre lang Dienst getan hatte, taufen lassen wollte, wurde ihm das vom Gemeindekirchenrat untersagt. Er erhielt ein Gemeindeauftrittsverbot, das erst 2022 aufgehoben wurde.
„Wir beklagen“, griff Kramer den Punkt auf, „wie die fehlende Klärung des in der DDR erlittenen Unrechts die Folgejahre vergiftet hat, weitere Unrechtserfahrungen nach sich zog, wie dadurch Pfarrer Hauskeller und seine Familie weiter als ‚Störfaktor‘ behandelt wurden.“
Schuld erkennen, bekennen, bereuen und um Vergebung bitten – dafür nutzten Landesbischof und Regionalbischof den Bußgottesdienst. Jürgen Hauskeller reichte ihnen die Hand und sagte, nun könne er einmal in Frieden gehen. „Jetzt ist dieses Kapitel beendet – in einer Weise, wo man nur sagen kann: Halleluja!“
Bußwort der EKM
Das Bußwort der EKM richtet sich an kirchliche Mitarbeiter, die in der DDR vom Staat bedrängt und von ihrer Kirche allein gelassen oder diszipliniert wurden. Mit der Erklärung des Landeskirchenrats 2017 erkennt die Landeskirche öffentlich an, Schuld auf sich geladen zu haben, und bittet um Vergebung. Was mir Kirche danach angetan hat, war viel schlimmer zu ertragen.
Autor:Online-Redaktion |
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