Zwischen Harz, Anhalt und dem Mansfelder Land
Schätze in Kirchenmauern
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Von Uwe Kraus
„Sakrale Kunstgegenstände gehören zum Gottesdienst der Kirche und werden zumeist noch heute dazu benutzt, wofür sie geschaffen worden sind: Gott zu verherrlichen, von seinen Wundertaten zu erzählen“, erklärt der Magdeburger Bischof Dr. Gerhard Feige. Er persönlich freue sich immer wieder über vielfältige künstlerische Glaubenszeugnisse. Und so begeistere ihn ein ganz besonderes, kürzlich erschienenes Buch: „Durch die Zeiten – Liturgische Gefäße und sakrale Kunstwerke in Kirchen des Bistums Magdeburg“. Mit großem Engagement hätten Mitglieder der Bischöflichen Kunstkommission aus Anlass des dreißigjährige Bestehen des Bistums vor einigen Monaten dieses Werk herausgebracht. Es zeigt, wie kunstreich sich die Region zwischen den Bistümern Hildesheim, Erfurt, Dresden-Meißen und dem Erzbistum Bistum gestaltet.
Während der Lektüre der Publikation werden alle auf eine kleine Reise durch das flächenmäßig große Bistum Magdeburg mitgenommen. Das Adressenverzeichnis im Anhang wirkt dabei sehr hilfreich.
Der Bischof hofft zudem, dass „vorgestellte Orte und Objekte auch Geschichten des Glaubens enthüllen.“ In der Zeit der reformatorischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts in den Bistümern Magdeburg und Halberstadt blieben von damals 51 Klöstern immerhin 18 bestehen. Nachdem sich der Magdeburger Erzbischof Sigismund von Brandenburg (1538–1566), der zugleich auch Administrator von Halberstadt war, zum evangelischen Glauben bekannt hatte, blieben diese Klöster Bewahrer wertvoller Kunstschätze, Zentren katholischen Lebens und wurden später der Ausgangspunkt für neue Kirchengemeinden.
Der Besuch von 30 Kirchorte und Gemeinden, die diese Sakralgegenstände hüten und pflegen, kann so nur einen Überblick bieten, die Auswahl auch persönlicher Hingabe folgen. So wirkt der Bistums-Norden mit Salzwedel und Mieste in der Altmark etwas unterrepräsentiert, im Herzen des Zuständigkeitsgebietes von Bischof Feige zwischen Huysburg und Magdeburg die Gotteshäuser etwas dicht gedrängt, das katholische Halle fehlt gar komplett. Was den Spaß an Schauen und Lesen keineswegs mindert, weil sich kurze, kluge Texte mit interessanten Blickwinkeln der Fotografen paaren.
Aber auch im Besitz des Bischofs befinden sich einige besondere liturgische Geräte. „Eines verwende ich vor allem bei den zahlreichen Firmungen, die ich Jahr für Jahr zumeist an Jugendliche spenden darf“, erzählt das kirchliche Oberhaupt des Bistums sehr persönlich im Vorwort des Bandes. „Da die Salbung mit dem Chrisamöl als Zeichen der Firmung eine zentrale Bedeutung hat, habe ich mir einige Jahre nach meiner Bischofsweihe für das Chrisamöl ein besonderes Gefäß anfertigen lassen, das ich seither bei den Feiern verwende. Es hat die Gestalt einer Taube. Auf der Oberseite wurde eine Vertiefung eingefügt, die mit einem Deckel verschlossen werden kann. Dorthinein wird das Chrisamöl getan.“ In der christlichen Kunst wurde die Taube schon im Altertum zum allgemeingültigen Motiv des Heiligen Geistes, denn der kam in Gestalt einer Taube bei der Taufe Jesu über ihn. Die Taube steht auch als Symbol für Neuanfang und Versöhnung und kündigt als Friedenstaube das Ende der Sintflut an.
Dr. Matthias Hamann, der Leiter der Bischöflichen Kunstkommission, verweist darauf, dass von der Altmark bis zum Harz, von der Börde bis zum Churkreis an der Grenze von Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Nordsachsen die Kirchen der Ortschaften neben Schätzen der Goldschmiedekunst, Schnitzerei, Glaskunst und Malerei auch wertvolle Paramente und liturgische Bücher bergen. Hamann erläutert, dass für das Buch Werke des Mittelalters ebenso ausgewählt wurden wie Kunstwerke des Barocks bis hin zu zeitgenössischer Kunst wie einem Kreuzweg aus Beton. Grundlage für diese Darstellung bilde die gründliche Inventarisierung aller sakralen Kunst- und kirchlichen Kulturgegenstände, welche seit dem Jahr 2008 systematisch erfolgt sei und den reichhaltigen und qualitätsvollen Bestand an kirchlicher Kunst illustriert. Darauf aufbauend haben Sabine Wolfsbauer und Antje Löhr-Dittrich die Beschreibung der Objekte für diesen Band verfasst. Norbert Perner zeichnet für die Fotografien und das Layout der Publikation verantwortlich. „Hüter dieser Schätze an kirchlicher und sakraler Kunst sind zumeist die Kirchengemeinden vor Ort, denen auch die Pflege und der Erhalt dieser Objekte aufgegeben sind, was mitunter auch eine Last und Belastung bedeutet“, gesteht der Leiter der Bischöflichen Kunstkommission. Frauen und Männern setzen sich vor Ort – zumeist ehrenamtlich – dafür ein und opfern sich auf.
Das Harzvorland ist gleich mehrfach mit der Darstellung besonderer Stücke in der Publikation „Durch die Zeiten – Liturgische Gefäße und sakrale Kunstwerke in Kirchen des Bistums Magdeburg“ vertreten. Das als Epitaph bezeichnete Gedächtnismal aus Holz für den 1704 verstorbenen Abt Nikolaus von Zitzwitz ist hoch oben an der südlichen Querhausmauer der romanischen Klosterkirche Mariä Himmelfahrt der Huysburg angebracht. Epitaphe befinden sich im Unterschied zum Grabmal zumeist nicht an der Bestattungsstelle des Verstorbenen. Abt Nikolaus – fürstbischöflich-münsterischer Diplomat – gelang es, die Klostergemeinschaft der Benediktiner auf der Huysburg nach dem Dreißigjährigen Krieg zu neuer Blüte zu führen. Im Zentrum des Epitaphs ist die Auferweckung des Lazarus dargestellt, als Symbol und Hoffnung für die den Tod überwindende Kraft. Das Gemälde wird von stark plastischen Schnitzereien gerahmt. Neben Architekturelementen, wie zwei rankenumwobenen Säulen, sind im oberen Bereich zwei Adler und vermutlich ein Engel sowohl mit dem Kreuz Christi als auch mit einem Zinkeimer mit den Leidenswerkzeugen zu erkennen. Unterhalb des Gemäldes erzählt die von zwei durch Putti getragene und mit Voluten und Ranken verzierte Inschrift von dem Verstorbenen.
Gerade einmal 70 Jahre alt ist dagegen die Kasel von Edith Ostendorf. 1955 entstand diese für die drei Jahre zuvor auf der Huysburg angelegte Niederlassung eines Zweigseminars des Paderborner Priesterseminars. Die in grünen und rot-gelben Tönen gehaltene Nadelarbeit dieses Messgewandes hebt sich vor dem Hintergrund der schwarzfarbenen Seide – einer Wildseide der chinesischen Provinz Honan – leuchtend ab. Dieses textile Kunstwerk ziert auch den Buchtitel. Die Paderborner Gewandkünstlerin Edith Ostendorf nutzte für die meisten ihrer Paramente dieses edelste aller Materialien mit seinem feinen Glanz und dem weichen, fließenden Fall. Auf Vorder- und Rückseite der Kasel zieht sich ein zweireihiges Band aus schmalen, direkt auf den Stoff gestickten, grün-rot karierten Stäben nach oben, unterbrochen von dünnen waagerechten, mit rotem Faden applizierten Goldlederstreifen. Gerahmt wird es von zierlichen Wellenranken aus angelegtem Japangold mit eingestellten kleinen Kreisformen und gelber Knötchenstickerei. Im Gabelpunkt des Bandes flankieren zwei Pfauen in rot-gelb-grünen Farben das goldlederne Christusmonogramm. Von ihrem 20. Lebensjahr an schuf Edith Ostendorf in ihrem Atelier für kirchliche Gewandkunst in Paderborn vielschichtige sakrale Textilkunstwerke mit einer klaren Farbigkeit und modernen Ausdruckskraft, figürliche Gestalten, Blumen, Tiere, Architekturansichten und Schrift.
Die Kirche St. Gertrud von Hedersleben schmückt eine 60 Zentimeter hohe Monstranz von Franz Ignaz Berdolt aus Augsburg. Sein Meisterzeichen IFB in einem Dreipass und der Pinienzapfen für Augsburg sind dafür Indizien. Die Monstranz soll aus dem Jahr 1713 stammen und vermutlich aus versilbertem und vergoldetem Kupfer bestehen. Gertrud war schon in jungen Jahren ins Zisterzienserinnen-Kloster nach Helfta gekommen und übersetzte dort im 13. Jahrhundert Teile der Heiligen Schrift ins Deutsche. Sie gilt als Patronin der Kirche in Hedersleben. So ist es naheliegend, dass es sich bei der am rechten Strahlenkranz der Monstranz dargestellten, knieenden Ordensfrau mit Buch um Gertrud handelt. Auf der gegenüberliegenden linken Seite ist die kniende Maria mit Zepter und Krone zu sehen. Über dem mit Weizenähren umrandeten zentralen Schaugefäß ist Gottvater mit Wolkenkranz, Weltkugel und seg- nender Hand dargestellt. Die Verwendung von Monstranzen ist auf das seit dem 13. Jahrhundert eingeführte Fronleichnamsfest zurückzuführen. Besonders reizvoll an dieser durch Rankenwerk geschmückten Monstranz ist das Spiel mit der Zweifarbigkeit von Gold und Silber.
Leder, vergoldet, gepresst, punziert und bemalt wird das Lederantependium in der alten Bischofsstadt Halberstadt beschrieben, das sich in der dortigen Kirche St. Barbara und Katharina befindet. Bis 1810 lebten im Katharinenkloster Dominikanermönche. Nach der Reformation wurde das Areal als Schule genutzt. Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges kehrten die Dominikaner zurück und blieben hier bis zur Auflösung des Klosters unter Napoleon. Das barocke Antependium besteht aus rechteckigen, zusammengenähten Lederstücken, die wohl, so mutmaßen die Experten auf dem Gebiet der sakralen Kunst, aus einem anderen Zusammenhang stammen und auf einen einfachen Holzrahmen gespannt wurden. Das Leder ist mit Blattsilber belegt und mit einem golden wirkenden Firnis versehen, dann gepresst, punziert und anschließend farbig bemalt worden. Symmetrisch angeordnet sind zwischen Blütenzweigen und Blütengehängen goldenes Rankenwerk, Voluten, Henkelvasen und Baldachine dargestellt.
Fotos: Norbert Perner
Bestellungen: „Durch die Zeiten – Liturgische Gefäße und sakrale Kunstwerke in Kirchen des Bistums Magdeburg“, ISBN 978-3-00-084150-7, 7,50 Euro, Bischöfliche Kunstkommission im Bistum Magdeburg E-Mail: liturgie-kunst@bistum-magdeburg.de
Autor:Uwe Kraus |
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