Nachruf
Propst i. R. Dr. Eberhard Schmidt verstorben
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Als ich Eberhard Schmidt persönlich kennenlernte, war er bereits 95 Jahre alt. Auf der Suche nach Zeitzeugen für die frühe DDR-Geschichte der Hochschule für Kirchenmusik Halle, die in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum feiert, besuchte ich ihn im Herbst 2024 in seiner Göttinger Wohnung. Der alte Herr stand in der Tür mit Schlips und Kragen und begrüßte mich mit einem Handkuss. „Verehrte Frau Franziska“, damit begann er seine Erzählung über die Vergangenheit. Seine Rede war langsam, die Gedanken brillant. Nach unserem zweistündigen Gespräch fuhr er mich mit dem Auto durch die belebte Innenstadt zum Bahnhof.
Eberhard Schmidt, 1929 in Naumburg geboren, gehört zweifelsohne zu den Theologen, ohne die unsere vormalige Landeskirche, die Kirchenprovinz Sachsen, ein Stück ärmer gewesen wäre. Er war Kirchenmusiker und Theologe, hatte 1950 in Frankfurt am Main bei Helmut Walcha die kirchenmusikalische A-Prüfung abgelegt und anschließend Theologie studiert – in Mainz, in Heidelberg und in Basel bei Karl Barth. 1953 kehrte er wieder in die DDR zurück; er folgte einem Ruf der Kirchenleitung und sagte später über diesen Schritt: „Ich dachte, es geht nicht an, dass die Stammlande der Reformation und der deutschen Klassik völlig entvölkert werden und dann einer marxistischen Deutung überlassen bleiben. Es muss Menschen geben, die entgegensteuern.“
Eberhard Schmidt machte sein Vikariat in Halle an St. Laurentius, promovierte an der Martin-Luther-Universität über den Gottesdienst am kurfürstlichen Hof zu Dresden und trat 1957 seine erste Pfarrstelle an der Moritzkirche an. Seine Affinität zu Theologie und Musik gleichermaßen konnte er hier ausleben, denn gleichzeitig nahm er einen Lehrauftrag für Hymnologie und Liturgik an der Kirchenmusikschule an. Er betreute die wöchentlichen Vespern in der Moritzkirche, die von den Studierenden gestaltet wurden. Die jungen Leute verehrten ihn: er war nicht nur theologisch-liturgisch äußerst beschlagen, er konnte sich auch an die Orgel setzen und zeigen, dass er die ,großen Bäche‘ beherrschte. Und es ging ihm in der Arbeit mit den jungen Menschen um mehr als um Fachunterricht; es ging ihm um Horizonterweiterung: Er las mit den Studierenden die Musikalische Poetik von Igor Strawinsky und den Doktor Faustus von Thomas Mann. Er fuhr mit Studentengruppen zu Uraufführungen Neuer Musik genau wie zu den ersten legendären Jugendgottesdiensten in Karl-Marx-Stadt. Er, der zunächst – in Zusammenarbeit mit dem Organisten und Michaelsbruder Heinz Wunderlich – die gesungene Liturgie kultivierte, erwärmte sich recht bald für das Neue Geistliche Lied und für alternative Gottesdienstformen.
1971 wurde die Moritzkirche Halle an die katholische Propstei abgegeben und Schmidt ging als Konsistorialrat nach Magdeburg. 1974 wurde er Referent der Abteilung Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Kirchenmusik. In diesem Amt war er weiter für die Kirchenmusikschule tätig, behielt seine Lehraufträge bei und leitete das Kuratorium. Er gehörte zu den Vordenkern einer Ausbildungsreform für die kirchlichen Berufe als Reaktion auf die veränderte Situation der Kirche in den 70er Jahren. Von 1980 bis zu seinem Ruhestand wirkte Eberhard Schmidt als Propst der Altmark in Stendal. Hier konnte er die Friedliche Revolution mitgestalten: in der Unterstützung der Bürgerrechts-Bewegung (auch im Zusammenhang mit dem Bau eines Atomkraftwerks nördlich von Stendal), in Friedensgebeten – und schließlich im Oktober 1989 in der ersten tapferen Demonstration von 30 Christinnen und Christen, gemeinsam mit dem katholischen Propst schritt er vorneweg. Später berichtete er in großer Offenheit über Mut und Angst, auch über die schwierige Rolle des kirchenleitend Verantwortlichen zwischen den Bürgerrechtsgruppen und der Staatsmacht. Nach seiner Pensionierung engagierte er sich weiter für die Stadt Stendal: im Förderverein für die Glocken an St. Marien und für die Scherer-Hammer-Orgel, an der er viele Orgelandachten spielte.
2001 zog er zusammen mit seiner Frau nach Göttingen, wo eine seiner Töchter wohnt. Hier ist er am 28. Januar dieses Jahres gestorben. Zu seiner Beerdigung hat er sich den Schlusschoral aus der Johannes-Passion Bach gewünscht: „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein …“ Ein kleiner Chor aus Mitgliedern der Hochschule für Kirchenmusik hat diesen tröstlichen und hoffnungsvollen Satz für ihn gesungen.
Franziska Seils
Autor:Franziska Seils |
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