Wort zur Woche
Eine geliehene Melodie
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.
Lukas 12, Vers 48b
Oft klingen diese Worte Jesu wie ein schweres Lied. Nicht tröstlich, nicht leicht. Eher wie eine Melodie, die ein bisschen drohend nachhallt: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen.“
Aber mit Blick auf die Gegenwart bekommen diese Worte einen neuen Klang: Während oftmals heute Talent, Erfolg und Möglichkeiten, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, als Besitz gesehen werden, deutet Jesus sie als Gabe. Und jede Gabe trägt die Erinnerung an den Geber in sich. Nichts gehört wirklich nur uns selbst: nicht die Bildung, nicht die Sprache, nicht die Gesundheit, nicht die Kraft, Menschen zu begeistern. Alles ist empfangen. Das Leben beginnt nicht mit Leistung, sondern mit Anvertrautem.
Der Mensch ist kein autonomes Individuum. Er ist getragen von Voraussetzungen, die er nicht selbst geschaffen hat. Jede Biografie ruht auf einem unsichtbaren Fundament aus Fürsorge, Zuwendung, Zufällen und Möglichkeiten. Niemand ist ausschließlich das Werk seiner selbst – das gilt auch und besonders für die Dinge, die manchmal das Leben schwer bis unerträglich machen.
Jesu Wort führt deshalb weg von der Frage: „Was steht mir zu?“ Es stellt eine andere Frage: „Was wird durch mich möglich?“
Das verändert den Blick. Verantwortung ist dann nicht die Last eines moralischen Über-Ichs. Sie entsteht aus der Fülle des Empfangenen. Wer viel Licht erhalten hat, kann nicht sorglos an der Dunkelheit anderer vorbeigehen. Wer Gehör findet, trägt Verantwortung für die Stimme der Überhörten. Wer Einfluss besitzt, steht in der Pflicht, Räume für andere zu öffnen.
Dann gleicht das Leben deshalb weniger einem Besitz als einer geliehenen Melodie. Es stellt sich nicht die Frage, wie laut sie erklungen ist und wie viel Applaus sie erhielt, sondern ob sie etwas von der Schönheit ihres Ursprungs bewahrt hat. Und ob durch sie die Welt ein wenig menschlicher geworden ist.
Tobias Gruber, Pfarrer in Quedlinburg
Autor:Online-Redaktion |
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