So viele bin ich

Ruth Kallenbach: Sie hat verschiedene Berufe ausgeübt und unterschiedliche Herausforderungen angepackt. Keine davon möchte sie missen.
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Christen in der DDR: Von der Heilerziehungspflegerin zur Juristin – doch eigentlich wollte Ruth Kallenbach Physikerin werden. Ein nicht systemkonformer Satz in einem Aufsatz kostete sie den Studienplatz.
Von Mirjam Petermann

Ruhig und klar erzählt sie ihre Geschichte ohne Bereuen oder Bedauern, dass es nicht so kam, wie sie es eigentlich gedacht hatte. Seit anderthalb Jahren genießt sie ihren Ruhestand. Von ihrem Sessel in ihrem Haus im Erfurter Süden blickt sie zurück auf ein abwechslungsreiches Berufsleben.
Ruth Kallenbach stammt aus einer Pfarrersfamilie, verbrachte ihre Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren in der Nähe von Torgau und Eilenburg. In ihrem Dorf galt der Pfarrer noch etwas, die Familie war integriert, Nachbarn sowie Lehrer und Mitschüler der Dorfschule tolerant. »Virulent wurde das mit dem Christsein erst an der Oberschule. Vor allem, weil ich aus meinem Christsein keinen Hehl gemacht habe«, sagt sie. Sie wechselte nach der achten Klasse an die Erweiterte Oberschule (EOS) in Eilenburg, war kein FDJ-Mitglied und zeitweise in evangelikalen Kreisen beheimatet. Im letzten Schuljahr vor dem Abitur spitzte sich die Situation zu. Kallenbach wurde offensiver in ihren Äußerungen und fand ihren Höhepunkt in ihrem Aufsatz zur Darstellung ihrer Entwicklung: »Da habe ich ziemlich vom Leder gezogen«, sagt sie und noch heute liegt ihr dabei ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht. »Der Satz, der mich zu Fall gebracht hat, lautete: ›Dieses System wird nicht weiterbestehen, da es auf Lüge aufgebaut ist.‹« Er kostete sie die Studienzulassung für Physik an der Technischen Universität in Dresden, wo sie einen Platz sicher glaubte.
Von der staatlichen Dauerüberwachung kam sie auf »die Insel Neinstedt«, wie Ruth Kallenbach den Ort ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin nennt. Unter dem Dach der Kirche entwickelten sich die »Neinstedter Anstalten« in der DDR zu einer der größten Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung. »In Neinstedt haben wir keinen Staat gemerkt«, erinnert sie sich. »Die Zeit dort hat mich sehr geprägt«, sagt Kallenbach rückblickend: die Gemeinschaft mit den Mitschülern und Diakonen ebenso wie der Unterricht und die Arbeit mit den geistig Behinderten. »Das war einfach klasse, das passte zu mir und hat mir Spaß gemacht.« Deshalb blieb sie auch noch nach der Ausbildung dort und leitete mit einer Mitabsolventin ein Haus mit 20 bis 25 erwachsenen Frauen.
Nach einem kürzeren Intermezzo in Dresden in der Tagespflege mit geistig behinderten Kindern und dem Aufbau und der Leitung einer Werkstatt für behinderte Jugendliche im Kirchenkreis Bad Langensalza zog Ruth Kallenbach 1987 nach Erfurt – und sammelte beruflich eine ganz neue Erfahrung: als Korbflechterin bei einem christlichen Unternehmer. Eine Zufallsbegegnung in der Straßenbahn mit einem Schwarzafrikaner veranlasste sie, in der Stadtmission nach Angeboten für Ausländer zu fragen. Es gab verschiedene damals so genannte »Dritte-Welt«-Gruppen, beispielsweise für Tansania und Uganda. Sie würden Geld sammeln und Pakete in die Länder schicken. »Direkte Kontakte zu den Vertragsarbeitnehmern, die in der Stadt wohnten, gab es kaum.« Also besuchte Kallenbach die Gruppen und fragte, ob man nicht gemeinsam etwas für die Ausländer vor Ort tun könne. Mit ihrer Idee stieß sie auf großes Interesse. Über die Straßenbahnbekanntschaft kamen immer mehr Ausländer zu den wöchentlichen Treffen in der Stadtmission. Es entwickelten sich regelmäßige Zusammenkünfte, die Arbeit wuchs kontinuierlich und über eine Berliner Pfarrerin vernetzte sich die Gruppe mit ähnlichen Initiativen aus anderen ostdeutschen Städten. Dann kam die Wende.
Im März 1990 konstituierte sich in Erfurt der »Runde Tisch zu Ausländerfragen«, deren Hauptforderung es war, die Stelle eines Ausländerbeauftragten bei der Stadtverwaltung einzurichten. Vorgeschlagen für diese Aufgabe wurde Ruth Kallenbach – sie nahm die Herausforderung an, Thüringens erste städtische Ausländerbeauftragte zu werden. »Dann ging das richtig los, da konnte man was erreichen«, erinnert sie sich. Es wurde ein Ausländerbeirat gegründet, viele Leute engagierten sich. Eines der ersten Ziele war es, die Wohnheime für Ausländer aufzulösen und den Bewohnern zivile Wohnungen in der Stadt anzubieten.
Nach zwei Jahren jedoch: »Ich hatte eine große Verantwortung, aber es gab viele rechtliche Probleme in diesem Bereich. Da dachte ich ›Mensch, warum studierst du nicht noch Jura?‹« Eigentlich hatte sie den Wunsch längst begraben, doch nun sah sie die Gelegenheit, das verpasste Studium nachzuholen und die mit dem Ende der DDR gewonnene Freiheit zu nutzen. Mit 38. »Ich war älter als manche meiner Professoren«, erzählt sie lachend. Das viele Auswendiglernen war nicht immer leicht, aber sie habe sich durchgeboxt. In einem alten Wohnwagen an einem See im Thüringer Wald verbrachte sie ihre Semesterferien mit Lernen. Das erste wie auch das zweite Staatsexamen absolvierte sie mit Abschlussnoten im oberen Bereich.
»Die Idee, zur Kirche zu gehen, kam spät.« Eine Praxisstation ihres Referendariats absolvierte sie im Landeskirchenamt der Thüringer Landeskirche im Dienstrecht – das habe sie allerdings zunächst weniger interessiert. Eine Sonderaufgabe mit einer komplizierten Rechtsfrage im Stiftungsrecht beschäftigte sie zusätzlich – auch über das Referendariat hinaus. Als die Lösung gefunden und umgesetzt wurde, hatte sie zwischenzeitlich ihr Examen abgeschlossen und sich doch im Landeskirchenamt beworben: »Ich dachte, so etwas Spannendes bekommst du woanders nicht.«
Wie so oft in ihrem Leben fügte sich auch hier eines zum anderen. 2003 übernahm sie das Stiftungsrecht, dazu Steuerrecht und Teile aus dem Verwaltungsrecht: »Das hat zu mir gepasst.« 2007 wurde sie zur Oberkirchenrätin ernannt und zur Rechtsdezernentin für das gemeinsame Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), das sich noch an den beiden Standorten Magdeburg und Eisenach befand, berufen.
Es war auch ihre Aufgabe, die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Kirche rechtlich zu begleiten, an der sämtliche Juristen beider Kirchenamtsstandorte beteiligt waren. Jeweils zwei dicke Bände von Rechtstexten mussten zusammengefasst und vereinheitlicht werden. »Es war ein langer Weg, aber unglaublich herausfordernd.« Wie sie betont, ging es nicht darum, einfach alles zusammenzuwerfen, sondern auch um die Bewahrung der Traditionen beider Kirchen. Heraus kamen die beiden dicken Bände, die inoffiziell ihren Namen tragen: »Der grüne Kallenbach«. »Das hat so Spaß gemacht«, erzählt sie begeistert und ergänzt beim zweifelnden Anblick des jurafernen Zuhörers mit einem Strahlen: »Man muss sowas mögen.« Und sie mochte es, es war ihr Ding. Als besondere Herausforderung und auch Ehre empfand sie die Mitarbeit in der Verfassungskommission für die Erarbeitung der neuen gemeinsamen Kirchenverfassung der EKM.
Für ihre letzten vier Arbeitsjahre wechselte Ruth Kallenbach 2012 auf eine neu geschaffene Juristenstelle bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland: »Da konnte ich mich noch mal richtig juristisch austoben.« Ihre Arbeit umfasste dort sämtliche Rechtsgebiete: Schulrecht, Baurecht, Steuerrecht, Arbeitsrecht etc. Der nahende Ruhestand war kein Argument, diese Herausforderung zu scheuen: »Ich bin leidenschaftliche Juristin und hatte große Freude an den vielen aufzuarbeitenden Rechtsfragen« – und das auch in ihrem Ruhestand, wenn sie im Alltag auf rechtliche Problemfälle stößt.
Ruth Kallenbach ist überzeugt, jede ihrer Lebensphasen mit den beruflich unterschiedlichsten Herausforderungen hatte ihre Berechtigung: »Ich möchte keine missen. Selbst das Körbe flechten nicht, obwohl ich es nicht mehr kann. Selbst das war eine schöne Zeit.«

Ruth Kallenbach: Sie hat verschiedene Berufe ausgeübt und unterschiedliche Herausforderungen angepackt. Keine davon möchte sie missen.
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Online-Redaktion aus Weimar

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