Landesbischöfin will nach dem Ende ihrer Amtszeit zu DDR-Kirchen forschen
West-Ost-Erfahrung einbringen

Für Landesbischöfin Ilse Junkermann war es die letzte Herbsttagung der Landessynode in ihrer Amtszeit. Im September 2019 wird sie in Leipzig die Leitung einer Forschungsstelle übernehmen. Hier erklärt sie den Schritt:

Wie waren die Reaktionen auf die Ankündigung, dass Sie nach Leipzig gehen?
Junkermann:
Es gibt viele, die das Vorhaben begrüßen, dass jemand nach fast 30 Jahren systematisch untersucht, was an guten Ideen und Konzeptionen für eine Kirche in der Minderheit während der DDR-Zeit entwickelt wurde, damit es in die gegenwärtige Diskussion der Praktischen Theologie aufgenommen werden kann.
Es gibt auch viele, die sich vorstellen können, dass ich als Gemeindepfarrerin tätig werde beziehungsweise in einem Kirchenkreis aushelfe.

Kann nicht der Eindruck entstehen, dass hier ein Versorgungsposten geschaffen wurde?
Junkermann:
Ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich in den Gemeindepfarrdienst gehe. Aber es sind dann nur noch drei Jahre und zehn Monate bis zum Ruhestand. Kaum dass ich Fuß gefasst hätte, müsste ich wieder gehen. Da das Ganze auch mit dem Beruf meines Mannes zusammenpassen muss, habe ich mich entschieden, unserer Kirche einen anderen, aber wie ich hoffe ebenso wertvollen Dienst leisten zu wollen.
Ich freue mich wirklich sehr auf die Aufgabe, fast oder ganz vergessene Schätze aus der Zeit als Minderheitskirche in einer Diktatur heben zu können. In den neun Jahren meiner Amtszeit habe ich viele Diskussionen und Prozesse erlebt, die auf diese Schätze bezogen, aber als solche nicht mehr präsent sind. Deshalb möchte ich die theologischen Impulse, die zu DDR-Zeit entwickelt und gelebt wurden, wieder freilegen helfen und sie fruchtbar machen für unseren gegenwärtigen und künftigen Weg.

Sie bekommen ein Wartestandsgehalt nach dem Ende der Amtszeit. Wird darüber Ihre neue Stelle finanziert?
Junkermann:
Ja, so ist es. Für alle befristeten Stellen unserer Landeskirche gilt: Steht am Ende der Befristung keine reguläre Stelle zur Verfügung, erfolgt die Versetzung in den Wartestand mit den entsprechend herabgesetzten Bezügen.

Wie hoch sind die Kosten für die Forschungsstelle, die sich EKD, VELKD und UEK teilen?
Junkermann:
Ich bin sehr froh, dass sich die gesamtdeutschen Kirchenbünde die Sachkosten in einer Gesamthöhe von 95 000 Euro teilen. Damit zeigen sie: Die Aufgaben und Ziele der Forschungsstelle sind von gesamtkirchlicher, auch gesamtdeutscher Bedeutung, denn auch die Landeskirchen in den alten Bundesländern gehen auf eine Minderheitensituation zu.
Die Sachkosten sind unter anderem vorgesehen für jährliche Tagungen mit Expertinnen und Experten. Auch darauf freue ich mich: Die Vernetzung mit allen, die seit vielen Jahren zum Kirchen- und Gemeindeverständnis der DDR-Kirchen forschen, sowie das Gespräch mit den Zeitzeugen.

Welche Ziele hat die neu geschaffene Forschungsstelle in Leipzig?
Junkermann:
Bisher ist die kirchliche Praxis der evangelischen Kirchen in der DDR nur in Ansätzen erforscht und eine umfassende (praktisch-)theologische Reflexion steht noch aus. Die Forschungsstelle soll die bisherigen Forschungen bündeln und strukturieren sowie die betreffenden Akteure aus Wissenschaft, Kirche und auch Gesellschaft miteinander vernetzen und den weiteren Forschungsbedarf erheben. Es geht darum, dem Vergessen zu entreißen, was droht, vergessen zu werden und es wertschätzend in die gegenwärtige praktisch-theologische Diskussion einzubringen.

Was passiert nach dem vierjährigen Projektzeitraum?
Junkermann:
Dann ist der Forschungsstand geklärt und beschrieben, welche Forschungen noch ausstehen.

Welche Voraussetzungen bringen Sie mit?
Junkermann: Viele sehen meine West- wie Ost-Erfahrung als eine sehr gute Voraussetzung. Es braucht jemanden, der auch ein wenig Distanz mitbringt, der die Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Prägung in Kirche und Theologie nüchtern abschätzen kann. Meine Erfahrungen aus zehn Jahren Landesbischöfin der EKM geben mir die nötige Nähe.

Die Fragen stellte Willi Wild

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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