Mannstedt/Thüringen
Als Mannstedt mit dem Kaiserhof von Wien und dem Hof des Gothaer Herzogtum verbunden war
- Eheeintrag Wettig/Stark, Kirchenbuch Mannstedt
- Foto: archion.de, Kirchenbucheintrag Mannstedt
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Ein kleines Dorf in Thüringen und der Wiener Kaiserhof – auf den ersten Blick liegen zwischen beiden Welten Jahrhunderte und Hunderte Kilometer. Doch ein Blick in die Mannstedter Kirchenbücher und andere historische Quellen zeigt: Die Geschichte des Dorfes ist weit größer, als es seine heutige Größe vermuten lässt.
Immer wieder tauchen Menschen auf, deren Lebenswege von Mannstedt nach Gotha, Weimar, Leipzig und Basel führten. Einer dieser Wege reichte sogar bis nach Wien und zum Kaiserhof Leopolds I.
Ein Mannstedter am Hof von Sachsen-Gotha
Eine Schlüsselrolle in dieser Geschichte spielte Wolfgang Michael Mylius (1636–1713). Er wurde als Sohn des Mannstedter Pfarrers Andreas Mylius geboren und wuchs im Pfarrhaus des Dorfes auf. Nach einem Theologiestudium in Jena schlug er jedoch einen anderen Weg ein: Die Musik wurde zu seinem Lebensinhalt.
Mylius machte als Kapellmeister Karriere und wirkte unter anderem an den Höfen von Altenburg und Sachsen-Gotha. Als Komponist, Dirigent und Organisator prägte er das musikalische Leben seiner Zeit. Besonders am Gothaer Hof konnte er seine Fähigkeiten entfalten und trug dazu bei, dass die dortige Hofkapelle eine bedeutende Stellung gewann.
Bemerkenswert ist, dass der Aufstieg Mylius' seine Verbindung zu Mannstedt nicht abreißen ließ. Die Kirchenbücher des Dorfes dokumentieren weiterhin seine familiären Beziehungen. Mehrfach erscheint sein Name dort als Taufpate.
Dann kam der wohl ungewöhnlichste Abschnitt seiner Laufbahn.
Eine Reise nach Wien
Im Jahr 1673 wurde Mylius im Auftrag Herzog Ernsts von Sachsen-Gotha nach Wien entsandt. Dort fanden die Hochzeitsfeierlichkeiten Kaiser Leopolds I. statt. Der Mannstedter Musiker hatte dabei eine besondere Aufgabe: Er überreichte dem Kaiser eigene musikalische Werke.
Leopold I. war selbst ein begeisterter Musiker und Komponist. Die Begegnung zwischen dem Kaiser und dem Musiker aus dem kleinen thüringischen Dorf war deshalb mehr als eine höfische Formalität. Mylius erhielt von Leopold I. sogar eine eigene Komposition als Geschenk.
So führte der Lebensweg eines Mannstedter Pfarrerssohns bis in die unmittelbare Nähe des kaiserlichen Hofes.
Und möglicherweise war dieses Netzwerk noch für eine weitere Verbindung von Bedeutung.
Vom Mannstedter Pfarrhaus nach Wien
Im Jahr 1702 verzeichnet das Mannstedter Kirchenbuch die Hochzeit von Magdalena Mühlpfort, der Tochter des Mannstedter Pfarrers Samuel Friedrich Mühlpfort. Ihr Ehemann war Johann Joseph Weinberger, ein Baron und einziger Sohn des Wiener Arztes Johann Christoph Weinberger, der als Leibchirurg Kaiser Leopolds I. tätig war.
Wie der Kontakt zwischen der Mannstedter Pfarrfamilie und der Wiener Familie zustande kam, lässt sich heute nicht mehr sicher feststellen. Sicher ist jedoch: Solche Verbindungen entstanden im 17. und frühen 18. Jahrhundert häufig über persönliche Netzwerke von Geistlichen, Gelehrten, Künstlern, Medizinern und Angehörigen des Adels.
Das Mannstedter Pfarrhaus war damit Teil eines Beziehungsgeflechts, das weit über die Grenzen Thüringens hinausreichte.
Ein späterer Weg nach Weimar und Basel
Rund ein Jahrhundert später erscheint ein weiterer bedeutender Name in der Geschichte Mannstedts: Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780–1849).
Der spätere Theologe und Professor verbrachte ab 1792 einen Teil seiner Kindheit in Mannstedt. Für seine weitere Entwicklung wurde insbesondere Weimar wichtig. Dort besuchte der junge de Wette sogar Johann Gottfried Herder in dessen Studierstube.
Die Verbindung zu Mannstedt blieb auch später bestehen. Während seines Studiums in Jena kehrte de Wette hin und wieder ins Elternhaus zurück und übernahm in der Mannstedter Kirche gelegentlich den Predigtdienst für seinen Vater.
Sein weiterer Lebensweg führte ihn über Heidelberg und Berlin bis nach Basel. Dort machte er sich mit seinen theologischen Arbeiten einen Namen und erlangte internationale Bedeutung.
Zwischen Liszt, Mendelssohn und Schumann
Noch einmal rückte Mannstedt im 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt einer bemerkenswerten Musikerbiografie.
Karl Bernhardt Wilhelm Wettich (1826–1859) stammte aus der Familie des Mannstedter Mühlenbesitzers Wilhelm Sebastian Wettich. Seine ersten musikalischen Kenntnisse erhielt er offenbar von seinem Vater. Später führte ihn sein Weg über Weimar an das Leipziger Konservatorium.
Dort bewegte er sich in einem Umfeld, das zu den bedeutendsten musikalischen Zentren Europas gehörte. Felix Mendelssohn Bartholdy gehörte zu seinen Lehrern, Franz Liszt förderte ihn, und auch Robert Schumann setzte sich für seine Arbeit ein.
Schumann äußerte sich 1848 ungewöhnlich anerkennend über den jungen Musiker: „Seit Jahren ist er der Erste, der mich wahrhaft interessiert.“
Wettich machte anschließend als Komponist und Dirigent weiter Karriere. Auch Friedrich Nietzsche würdigte ihn später als Komponisten, Dirigenten und Lehrer.
1852 heiratete Wettich die Leipziger Opernsängerin Wilhelmine Henriette Marie Stark. Ihr Künstlername war Minna Stark. Im Trauschein wird Mannstedt ausdrücklich als Heimatort des Ehepaares genannt.
Wettichs Leben endete früh. Als Opernkapellmeister in Brünn starb er bereits 1859. Doch selbst nach seinem Tod riss die Verbindung zu den großen Musikerkreisen nicht ab: Franz Liszt veranstaltete in Denstedt ein Privatkonzert zugunsten seiner Witwe Minna Stark.
Ein kleines Dorf mit erstaunlich großen Verbindungen
Die Geschichte Mannstedts lässt sich deshalb kaum allein als Dorfgeschichte erzählen. Über Generationen hinweg führen Spuren von hier zu den Höfen von Altenburg und Gotha, nach Weimar und Leipzig, nach Basel und bis zum Wiener Kaiserhof.
Dabei begegnen uns Namen wie Herder, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Liszt und Nietzsche. Menschen, deren Wirkung weit über Thüringen hinausreichte, standen in Verbindung mit Personen, Familien oder Lebenswegen, die ihren Ausgang in Mannstedt nahmen.
Vielleicht ist genau das die überraschendste Erkenntnis: Historische Bedeutung lässt sich nicht allein an der Größe eines Ortes messen. Manchmal genügt ein kleines Pfarrhaus, eine Mühle oder eine Dorfkirche, um ein Fenster in eine weit größere Welt zu öffnen.
Mannstedt war ein solcher Ort.
Autor:Ines Telle |

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