Kurzes Zeitfenster der Freiheit(en)

Anhalterkenntnisse: Die Landeskirche Anhalts verdankt ihre Existenz der Fürsten-
reformation. Bei einer Tagung in Dessau standen Akteure »Jenseits der Fürstenkirche« aus den Jahren 1520 bis 1540 im Mittelpunkt.

Von Angela Stoye

Der Bischof von Brandenburg schilderte den anhaltischen Fürsten, was sich im Frühjahr 1525 an der Nicolaikirche in Zerbst zugetragen hatte: Etliche Zerbster hätten Bilder, Kreuze, Kerzen und anderes aus der Kirche geschafft, auf Wagen zum Augustinerkloster gefahren, dort unter einer Braupfanne verbrannt und Bier mit den Bildern gekocht.
Da war übergelaufen, was schon lange gedräut hatte: die Unzufriedenheit der Bürger mit ihren Lebensbedingungen sowie mit der Doppelherrschaft von Fürsten und Bischöfen. Hinzu kam die evangelische Bewegung, die ab 1517 von Wittenberg ausstrahlte. Diese hatte zunächst eine konfessionelle Teilung der Herrscherfamilie zur Folge. Während sich Fürst Wolfgang »der Bekenner« zügig der Reformation anschloss, nahmen die Dessauer Fürsten erst 1534 das Abendmahl in beiderlei Gestalt.
Das »eher unbedeutende Fürstentum der anhaltischen Askanier«, so der Historiker Peter Riedel (Bielefeld), sei um 1500 von vier Bistümern überdeckt gewesen: Brandenburg, Halberstadt, Magdeburg und Meißen. Zerbst, zum Bistum Brandenburg gehörend, stellte mit seinen rund 5 000 Einwohnern ein idealtypisches Beispiel für das religiöse Leben im späten 15. Jahrhundert dar: Es gab Klöster, geistliche und Laienbruderschaften, Kirchen, Kapellen und die Tradition des Prozessionsspiels, das in jedem Jahr tausende Schaulustige anzog. Ablässe konnte man am Stift St. Bartholomäi kaufen. Der kirchliche Besitz war enorm; der Widerstand der Bürger war seit dem Mittelalter immer mehr gewachsen und eskalierte in den 1520er-Jahren.
1437, so der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau), erstritten die Zerbster Zünfte ein Mitwirkungsrecht bei der Gestaltung städtischer Angelegenheiten. Ab 1500 wollte der Rat mehr Einfluss auf die Klöster haben. 1522 predigte Luther in Zerbst. Ostern 1524 wurde das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgeteilt und ein evangelischer Prediger an St. Nicolai eingesetzt; 1525 auch an St. Bartholomäi. Nach und nach untersagte der Rat Beichten und Messen, nahm die Sozialfürsorge und die Ehegerichtsbarkeit in die Hand und eröffnete 1526 eine Schule. Die Klöster wurden geschlossen. »Ausgangspunkt für Veränderungen in der Stadt waren die Bürger«, so Jan Brademann. Die Jahre bis zur Etablierung der Fürstenkirche ab den 1530er-Jahren seien ein »kurzes Zeitfenster der Freiheit« gewesen.
In Akten über Rechtsstreitigkeiten und Verwaltung hat der Historiker Jo­achim Seibt (Halle) geblättert und allerhand zutage gefördert über die Verhältnisse in den Kleinstädten und Landgemeinden. Es gebe kaum Hinweise über Pfarrer, die sich der Reformation widersetzten, so Seibt, aber immer wieder Hinweise darauf, wie manche Bürger die neue Freiheit verstanden: Sie bedienten sich am Kirchengut (Quellendorf, Scheuder, Roßlau) oder enthielten dem Pfarrer Geld und Naturalien vor (Reupzig). Abnehmender Respekt vor der Kirche zeigte sich auch in der Wegnahme von Land, fehlenden Bauleistungen oder dem Rückgang von Testamenten zugunsten der Kirche. Die Pfarrer waren in der Regel machtlos.
Machtlos gegenüber der Entwicklung waren auch Äbte und Äbtissinnen. »Alle 17 Klöster in Anhalt wurden im Lauf der Jahre säkularisiert«, so die Historikerin Nadine Willing-Stritzke (Dessau-Roßlau). Ihr Besitz ging an die Fürsten über. Da spielte es keine Rolle, wie sich ein Konvent und dessen Leitung zur Reformation stellte: ob dafür, wie Elisabeth von Weida in Gernrode, oder eher dagegen streitend wie Bernhard von Nienhausen in Nienburg an der Saale. Manche Klöster waren schon nach dem Bauernkrieg erledigt –
zum Beispiel Ballenstedt.
Den niederen Adel, der um 1500 in Anhalt rund 150 Familien zählte, nahm der Historiker Paul Beckus (Halle) in den Blick. Diese Familien seien noch lange geneigt gewesen, am überlieferten Glauben und den Klöstern als Orten der Versorgung ihrer Angehörigen und der Familien-Memoria festzuhalten. Mit der Fürstenreformation habe sich das allmählich geändert. Erst als sich die anhaltischen Fürsten ab 1596 im Zuge der »Zweiten Reformation« dem reformierten Glauben zuwandten, bekamen sie Gegenwind. »Ein nochmaliger Konfessionswechsel ließ sich nicht durchsetzen. Nur eine Handvoll Adeliger trat mit den Fürsten zur reformierten Konfession über«, so Paul Beckus.

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Online-Redaktion aus Weimar

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