Kirche mittendrin
Mit Gebeten gegen Hass

Friedlicher Protest: Nach dem ökumenischen Gottesdienst in der Apoldaer Martinskirche ging es auf die Straße. Die Demonstranten liefen über die Bachstraße auf den Markt zu einem bunten Herbstfest.
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  • Friedlicher Protest: Nach dem ökumenischen Gottesdienst in der Apoldaer Martinskirche ging es auf die Straße. Die Demonstranten liefen über die Bachstraße auf den Markt zu einem bunten Herbstfest.
  • Foto: Adrienne Uebbing
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Mit Kerzen und Gebeten machten sich Christen aus verschiedenen Regionen auf den Weg, um in Apolda gegen Hass und Gewalt zu demonstrieren.

Von Doris Weilandt

Verlassen steht das riesige Festivalzelt auf einem Acker über der beschaulichen Kleinstadt Magdala. Vom Weg dorthin ist der Glockenturm in Buchenwald zu sehen. Die Veranstalter eines europaweiten Rechtsrock-Konzerts hatten ab dem 3. Oktober das von einem Bauern gepachtete Privatgelände hergerichtet, um die erwarteten 6 000 Neonazis zu empfangen.
»Für uns war das etwas Neues«, sagt die Magdalaer Pastorin Jeanette Lorenz-Büttner. In unmittelbarer Nähe der Kirche liegt die Friedensstraße. Über diese Route sollten die Festivalbesucher vom Parkplatz zum Konzertgelände kommen. »Rechts rockt nicht« stand auf dem Asphalt. »In der Gemeinde war eine große Angst vor dieser rechten Gewalt.« Für die Organisation von Gegenveranstaltungen blieb wenig Zeit, aber die Magdalaer konnten auf die Vorbereitungen des parteiübergreifenden Bürgerbündnisses von Mattstedt zurückgreifen. Auf dem Johannisplatz wurde eine Bühne aufgebaut. Die ersten Gegendemonstranten kamen mit Shuttlebussen angereist, als das »Aus« für das Rechtsrock-Festival in Magdala bekannt wurde. Die Pastorin ist empört, dass die Rechten sich auf die Versammlungsfreiheit nach dem Grundgesetz berufen.
Das Gericht wies kurz vor Beginn alle vom Landratsamt gemachten Auflagen zurück, darunter den Auftritt zu Hass aufrufender Bands und Alkoholverbot. Die Begründung: Es hatte zu wenig Zeit, die Auflagen zu prüfen. Da war nicht nur große Enttäuschung, die sich in den umliegenden Gemeinden breitmachte, auch großes Unverständnis. Schließlich wurden Eintrittskarten verkauft. Am Freitag reisten die rechten Fans aus vielen Städten Deutschlands, der Schweiz, aus Schweden, Polen und der Ukraine an: 90 Prozent Männer. Kurz vor Beginn des Festivals konnte die Stadt Magdala noch ihr Wegerecht durchsetzen und den Zugang über gemeindliche Straßen versperren. Apolda wurde die nächste Station.
Samstagmorgen Gottesdienst in der Martinskirche in Apolda: Jeanette Lorenz-Büttner, die Buttstedter Pastorin Evelyn Franke, der Jenaer Superintendent Sebastian Neuss, der katholische Hochschulseelsorger Daniel Pomm und Weimars Superintendent Henrich Herbst als Vertreter des Regionalbischofs gaben den Anwesenden Kraft und Zuversicht. In den Kirchenbänken zeigten auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), Innenminister Georg Maier (SPD), Umweltministerin Anja Siegesmund (Bündnis 90/Die Grünen) und die Bürgermeister von Mattstedt und Magdala Präsenz. Danach formierte sich ein Demonstrationszug zum Apoldaer Markt, dem geplanten Veranstaltungsort.
Wieder herrschte große Anspannung. Niemand wusste, was in der nächsten Stunde passiert. Aber alle waren fest entschlossen, zu bleiben. »Auf dem Markt wurde die Situation immer drängender«, schildert Jeanette Lorenz-Büttner. Die Rechten verlangten Einlass. Da zündeten die Gegendemonstranten Kerzen an und begannen mit einer Taizé-Andacht und dem Lied »Meine Hoffnung, meine Freude, meine Stärke, mein Licht«.
»Ich habe auf die Rathausuhr geschaut und gesehen, dass alle schon eine halbe Stunde singen und dabei haben wir den Nazis in die Gesichter geschaut«, erzählt die Pastorin sichtbar beeindruckt. »Ich habe gespürt, was für eine Kraft darin steckt.« Bei der Einlasskontrolle durch die Polizei an einer Schleuse flogen die ersten Flaschen und Steine. Das war der Grund für die Auflösung der Veranstaltung. Die 700 Neonazis, die sich auf dem Markt befanden, mussten nach Hause fahren.
Was bleibt: verletzte Polizisten, verunsicherte Bürger, Städte und Dörfer in Schockstarre und hunderte Polizeibeamte, die mehrere Tage im Dauereinsatz sind. »Auf uns kommt jetzt viel Arbeit zu. Das Schweigen muss aufhören«, resümiert Pastorin Lorenz-Büttner. »Wir brauchen politische Bildung auf dem Lande.«

Friedlicher Protest: Nach dem ökumenischen Gottesdienst in der Apoldaer Martinskirche ging es auf die Straße. Die Demonstranten liefen über die Bachstraße auf den Markt zu einem bunten Herbstfest.
Gewappnet: Das Banner an der Johanniskirche in Magdala benennt die Werte, die Christen dem Hass entgegensetzen.
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