PASSIONSGESCHICHTEN (4)
VON DER KRONE AUS AKANTHUS

Akanthusblatt - William Morris

Den Dornenkranz Jesu vollendeten die Bildhauer immer erst ganz am Schluss. Damit setzten sie dem Bildnis des Gottessohnes eine metatheologische Krone auf. Keine einzige Spitze durfte abbrechen. Zweiundsiebzig - die Anzahl der Namen Gottes. Was alles noch hat es mit dieser Krone auf sich, deren Reliquie vor etwa zwei Jahren aus der brennenden Kathedrale Notre Dame in der Mitte Frankreichs gerettet worden ist?

Die Dornenkrone soll aus den Ranken der Akanthuspflanze angefertigt gewesen sein, so berichten es drei Evangelisten (καὶ οἱ στρατιῶται πλέξαντες στέφανον ἐξ ἀκανθῶν). Eigentlich sollte sie den niederen Dienstgraden der Pilatusjunta zum Zweck spottender Verehrung dienen. Aber - der Akanthus ist in den Mittelmeerländern, in welche hinaus das Christentum sich sehr bald als "Fortsetzung des Judentums mit anderen Mitteln" auszubreiten begann, Symbol für Leben und Unsterblichkeit. Das distelartige Akanthus-Blatt wird einzeln oder in Mustern seit dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als stilisierte, dekorative Verzierung eingesetzt. Nun wird auch Christus damit geschmückt, vielleicht standen die Akanthuspflanzen in der Nähe herum - sie wachsen ja überall, auf Beeten, an Wegrändern und Schutthalden. Der Zufall als bester Einfall Gottes war wohl wieder mit dabei … „Sie wissen nicht, was sie tun”, interveniert Jesus bei Gottvater im Blick auf seine Plagegeister. Auch der Centurio wird mit der Lanze in den Leib Jesu stechen - aber ihn dabei nicht töten, sondern unwissentlich retten (vgl. weiter unten meinen Beitrag zur Heiligen Lanze). Sie wissen nicht, was sie tun ...

Erst in jüngerer Zeit gibt es Darstellungen von Jesus mit einer dornigen Blütenkrone. Diese der Akanthuspflanze näher kommenden Blütenkronen werden durch die besonders liebevolle Gestaltung der Blutstropfen auf Velum-Veronica-Bildern bereits lange vorbereitet. Blut und Blüte … In der Spätgothik wird mit Vorliebe hauptsächlich der Schmerzcharakter der Krone des Meisters herausgearbeitet - die Identifikation des Menschen mit dem Schmerz bereitet sich bis zur Renaissance als eigenes Thema langsam vor und wird für die Barockzeit enorm bestimmend. Aber die Dornenkrone ist eine geheime Blütenkrone - sie bleibt immer das  Signum eines durch Leiden erprobten Weltengebieters.

Dornengewächse finden sich in der Bibel an einigen Stellen. Zuerst beim Abschied aus dem Paradies: „Dornen und Disteln wird der Acker dir tragen” (Genesis 3,18). Und bevor es in die Wüste geht, wird Mose vor einem brennenden Dornenstrauch niederknien, aus dessen Flamme sich die unendliche Stimme als Gottesformel verrät: „Ich werde der sein, als der ich mich von dir finden lasse” (Exodus 3,14). Und nun trägt Jesus einen aus eben diesem Ackerbrandgezweig kunstvoll gewundenen Kranz. Der ist nicht mit Edelsteinen besetzt, wie die späteren Kaiser ihre Goldschmiede arbeiten lassen werden (denken wir an das Edelsteinzimmer Karl des IV.) - aber dieser Kranz ist die Erfüllung des alten Segensfluchs Gottes an Adam auf der Abschiedsschwelle des Paradies - und zugleich die offenbarende Krönung der Zuwendung Gottes an den einen Menschen, der sein Volk mit Hilfe von Wort und Worten durch die Wüsten führen wird.

Deshalb ist die Dornenkrone als Folterinstrument nicht so sehr nur Schmerzkrone, sondern ein Hauptreifen im Getriebe der Sterne und Planeten - freilich ein Reif ganz anderer und besonderer Art. Es tut gut zu wissen, dass sein als Reliquie verehrtes Artefactum in der Hauptkirche unseres auf seinen Laizismus so stolzen Nachbarlandes am 15.April 2019 von Vater Jean-Marc Fournier, dem Seelsorger der Pariser Feuerwehr, aus den Gluten der höllischen Brunst gerettet worden ist.

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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