PASSIONSGESCHICHTEN (9)
*.INRI - VON DER INSCHRIFT AM KREUZE

Pilatus ließ ein Schild anfertigen und am Kreuz Jesu anbringen. Von ganz oben aus bezeugte der Zettel in mehreren Sprachen: Iesus Nazarenus Rex Iudeorum (Jesus aus Nazareth, König der Juden). In diesen vier Lettern sind untrennbar und für alle Zeit Name und Werk des Mannes von Golgatha verbunden. Die christliche Ikonographie hat aus den Anfangsbuchstaben solcher vier Worte eine Art zweites Tetragramm geschaffen: INRI. Mit diesem Kürzel wurde eine Formel fester Bestandteil von Kruzifixen, mit denen man u.a. Dämonen bannte, Sterbende segnete und Schlachten gewonnen zu haben glaubte.

Wir wollen uns nicht allzu lang von der Frage beschäftigen lassen, aus welchem Material das Schild bestanden haben mag - Stein, Ton, Holz, Papyrus oder Pergament. Die Aufschrift mutet heutigen Zeitgenossen sowieso eher als Dateiendung an - *.INRI. Mit ähnlichen Kürzeln (PDF, DOCX und XLS) wird angezeigt, wie die jeweilige Software interne Syntagma von Informationspaketen zu handhaben hätte.

Ja, Sprache regelt - und in deren Gefolge natürlich auch die Schrift mit Abbreviaturen und kryptischen Zeichen - unsere Wahrnehmung, hält das Chaos unzähliger Eindrücke in Schach und bringt unsere Sinneseindrücke verlässlich in solche Formen, mit denen wir etwas anfangen können. INRI gehört dazu. INRI ist eine jener „Kurzformeln des Glaubens”, deren Erarbeitung sich die gedruckten Erwachsenenkatechismen katholischer und evangelischer Provenienz widmen. Mit der INRI-Formel kann der, der sie kennt und ihre Variablen versteht, sein eigenes Leben in Unendlichkeit mit dem Wert der Werte verbinden und dadurch schon jetzt und hier Sinn schürfen.

Wichtig ist für die Erkenntnis des Menschen, dass er alle Fakten, die sekündlich auf ihn einstürmen, in ein System einzuhängen vermag, wo sie zusammenhängend wahrgenommen und zum Guten geborgen werden können. Man muss nicht glauben, dass Jesus Gottes Sohn, Messias und König aus dem Volke der Juden für die ganze Welt ist. Auch nicht, dass er von der Jungfrau Maria geboren und nach seinem Tod zur Hölle fuhr, auferstand und nun zur Rechten der Majestät Gottes sitzt, um zu richten und zu retten. Es reicht, davon zu wissen! Sagt es deshalb weiter. Als Wissen nämlich arbeitet in dem Wissenden dieses Wissen wie ein Code, der alles chiffriert und alles zugleich dechiffriert. Und dafür sorgt, dass alles andere - Wichtiges samt dem Unwichtigen - sich um den Kern der INRI-Erzählung anordnet. Wie Eisenfeilspähne im Feld des Magneten schöne Figuren bilden. INRI - mit diesem Dateiformat werden die vorletzten und letzten Dinge kommunizierbar ...

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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