unter die Sterne versetzt - Ernst Ortlepp
Apotheose zum 220. Geburtstag des Dichters aus Droyßig

der präexistente Christus - Altar in Woltersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) Kopie des Schadow-Gemäldes für Schulpforta
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  • der präexistente Christus - Altar in Woltersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) Kopie des Schadow-Gemäldes für Schulpforta
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Als Goethe seinen einundfünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war wenige Tage zuvor dem Droyßiger Pfarrer Johann Christian Friedrich Ortlepp ein erster Sohn geboren worden. Der wurde auf den Namen Ernst getauft. Damals noch winzig, hat der Kleine später tatsächlich sehr ernst gemacht mit dem Beruf des großen Schriftstellers, den Goethe erfunden hatte. Aber während Goethe sich in seiner Berufserfindung recht gut einrichten konnte, ging es Ernst Ortlepp damit nicht gut. Zwar vergötterte er den Weimarer Dichterfürsten und noch mehr eigentlich Schiller. Aber Letzterer war bereits tot, als Ortlepp zu dichten begann und Goethe selber riet dem Droyßiger Pastorensohn vom Dichterberuf dringend ab. Was soll man aber machen - Berufung ist Berufung. Das Vergöttern von persönlichen Vorbildern reicht zum Leben nicht aus. Man muss von seinen Göttern selber vergöttert werden - und dieses geschieht hin und wieder dadurch, dass sie einen scheitern lassen. Bei Goethe ist Letzteres nicht der Fall gewesen, – bei Ortlepp schon. Mindestens waren es problematische Himmelskräfte, die den Droyßiger Dichter begleiteten und in deren Mitte er schließlich doch noch versetzt worden ist. Das meint der alte Begriff der Apotheose - der Verwandlung des Menschen in etwas, das Gott ähnlich ist, und deshalb den Sternen gleichgestellt wird, die am Himmel die göttliche Schöpfungsordnung demonstrieren. Nicht für alle und jeden wird die Sternenwelt ein reizvoller Erkenntnisweg sein, aber für Goethe ist diese Sphäre zumindest ein formaler Anknüpfungspunkt für sein Egodokument „Dichtung und Wahrheit“ gewesen. Der berühmte Heide aus Weimar lässt seine diesbezüglichen Überlegungen mit einem Rückblick auf den Stand der Gestirne am eigenen Geburtstag beginnen - „Dichtung und Wahrheit“. Was wäre Wahrheit ohne Dichtung? Goethe schreibt - und das ist zur Hälfte nicht erdichtet, sondern lässt sich nachprüfen:

„Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der eben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wussten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein ...“ (Dichtung und Wahrheit / 1.Buch)

Bei Ortlepp sah es freilich anders aus. Er war auch ein Dichter, aber kam zu spät. Alles war schon geschrieben und übersetzt worden. Die Weimarer waren gestorben - und ihre Bücher gedruckt. Ernst Orlepp versuchte alles das, was schon gesagt worden war, noch einmal zu sagen. Als Alleinstellungsmerkmal war ihm nur Rebellion gegen die bestehenden Verhältnisse der restaurativen Metternichzeit geblieben, was ihm Landesverbot und Schreibverbot einbrachte. Mittellos geworden lebte er für gewisse Zeit bei uns in Zahna und war Asylant bei seinem Bruder, dem Pfarrer Moritz Wilhelm Ortlepp. Es ist ein Gebot der Anständigkeit, sich über das Schicksal der beiden Brüder Gedanken zu machen. Denn keinem gehört sein Schicksal allein, jedes Schicksal ist zugleich mit denen der anderen verbunden. Wir verdanken den Schulpfortabrüdern Ernst und Moritz Ortlepp das Altargemälde in der Kirche zu Woltersdorf, einem Ort von zweiundzwanzig Einwohnern mit einer kleinen Schinkelkirche in der Mitte. Ernst Ortlepp hat Shakespeare und Byron übersetzt, Goethes Reinecke Fuchs in Reime übertragen, hat einen eigenen Faust geschrieben und noch vieles mehr. Am Ende ist er bei Naumburg in einem Graben ertrunken - und Friedrich Wilhelm Nietzsche hat Geld für seinen Grabstein unter den Schülern gesammelt. Würden wir, wie schon Melanchthon und Goethe das jeweils ihre schätzten, Ernst Ortlepps Geburtsbild am Himmel ablesen und darauf in seiner Weise Verse dichten, käme etwa folgendes Billett hinauf zu den ewigen Bildern der wandelnden Lichter am göttlichen Himmel dabei heraus:

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
die langen Gassen brausend fort

zum Haus des Pfarrers eilt die Schar

da ihm ein Kind geboren war.

Ein Knabe ist ́s – als Einzger wohl

er nicht alleine bleiben soll.

Zwei andre zieh ́n zum frommen Haus
im Lauf der Jahre noch hinaus.

Zu Droyßig ist all das gescheh ́n,

der Sachsen Ehre soll beste ́n.
Der Vater? Friedrich!Gottes Mann
-
vom Ernst man das nicht sagen kann ...

Zur Wiege, noch im Abendschein,
drängt eine bunte Schar herein.
Die Götter Griechenlands gewiss
sind das und sangen Ernsten dies:

„Da wir, o Kindlein, die Welt noch regieren,
treten wir alle, Zeus‘ Weisung befolgend,
her zu dem Bettchen, in das man dich legte.
Und legen, dir Knaben, dazu unsre Wünsche.

Großes sollst du bewirken,
klein aber scheinen für immer.
Niemand sehe dich an,
werde ein Bettler und Trinker.

Neide uns nicht diesen Spruch.
Einmal wirst du erkennen,
wie du erkannt bist seit damals,
als es die Zeit noch nicht gab.”

Als ihr Chor nun verstummt war,
traten einzeln die Götter

hin zu der Wiege Ernst Ortlepps,
segnend Fluch zu verteilen.

Saturnus begann mit der Preisung:
„Arbeite täglich und viel!“

Schaffe, gestalte durch Spotten,
mühe dich ab mit dem Wortkram.
Selber bleibe der Lohn dir –
verwehrt. Ernähre dich mühsam.

Sprache sollst du kopieren,
Anderer Wort übersetzen.

Ernst klingt dein Name, auch ich bin
ernst und kindheitsverschlingend.
Kronos mein Name, die Menschen
fürchten mich und meine Sichel.”

Da der Entmannende endet,
hebt an die lockige Cypris.

Stellt sich dicht neben den Alten,
Locken anmutig schüttelnd,

ziehet das Weib doch zu Zeiten
Greise auf seine Seite.

Die amathusische Venus
öffnet mit rötlichen Lippen

bewehrt ihren Mund, dem Gehege
der schimmernden Zähne entfliehet
der löbliche Segen: „Wein nicht.
Ortlepp, Ich helfe den Guten.

Und lasse dich nicht. Als Göttin
bleib ich dir Mutter und Muse,

Treue Geliebte, und stehe
im Kampfe an deiner Seite.”

So sprach die Gute, das Weinen
verstummte gleich in der Wiege.

Dann tritt aus dem Kreis seiner Musen
Apollon zum Schwure hervor.

Er stellt sich zwischen die beiden.
Den Alten rechts, links steht das Weib.
Schimmernd in silberner Rüstung
verschenkt er dem Knaben neun Pfeile.
„Nutze sie klug“ hallt sein Ratschluss.
Diesen hier nimm nur für Fürsten,
jenen dort gib deinen Feinden.
Nimmer verfehlen das Ziel sie,

doch prallen sie manchmal zurück.
Direkt auf den Schützen. Bedenke!“

Und als er das sagte verdunkelt
die Sonne den Schein für Sekunden.

Merkur, oft Hermes genannter,
Tänzelnd naht er der Szene.

„Höre, o Knäblein, ich schenke
Dir heute diese Sandalen.

Binde sie unter die Füße,
doch binde sie lieber verkehrt rum.

Laufe nach hinten, so läufst du
nach vorne. Folg meinem Vorschlag.
Nimm aus den Händen des Gottes
der fröhlichen Trüger die Laute.
Hülle dich ein in den Panzer
der Lieder. Wenn es dir Not ist,
bergen als heimliche Heimstatt
Verse schützend und tröstend.
Rhythmus und Weisen geb ich
zu eigen dir, leicht sei der Reim.“

Hermes, die neckische Gottheit,
abtrat - macht Uranos Platz.

„Titan aus untersten Kerkern
stieg ich zur grünenden Flur auf.

Ein Knäblein sei wieder geboren?
Hüt dich vor zahniger Sichel!

Fliehe des lockenden Weibes
waberndem Busen, selten geht ́s gut

wer denn den Weibern verfiel.
Lern’ diese Kur – schau auf mich.

Rufe mich an in der Not,
wannen der Mond geht, singe mein Lied.

Kühle will ich dir schenken,
Ruhe will ich dir geben.

Schau an den Himmel – dort.
Sterne, sie winken Frieden und Glück.”

Als nun der Greis mit der Warnung
geendet, legt seine Hände

Zeus selbst an die schaukelnde Wiege,
den Knaben lange betrachtend.
Als nun die Schauung vollzogen
spricht er die göttlichen Worte:
„Ortlepp, Ernst Ortlepp, so höre:
Ein riesiges Denkmal beschwert dir
mit Ruhm und Ehre erbaut man
wohl einst in der Stadt Martin Luthers.
Wenn der die zahlreichen Sockel
endlich verließ, wird man stellen
dich auf den Stein in die Städte.“

Dunkel jedoch blieb die Rede,

denn den Besitzer der Blitze
verdrängte die Mutter der Tränen.
Die als Mond allen Deutschen
bekannte so bleiche Selene

trat an die Wiege zu beten.
„Noch liegst Du, Kleiner, im Linnen –
einmal wiegt dich die Welle.
Einmal badet der Bach dich.

Singe, solange du kannst.
Borgst du dir Worte aus Mondschein,

send ich dir zu feine Reime,
heim dich zu tragen dem Sinne.

Glaube, ich bleib deine Mutter,
ist sie auch fern, die gebar heut

dich Holden zur Stunde des Abend,
beim Liede der Amsel im Birnbaum.”

Sprach ́s und küsste die Stirn ihm,
dann wich sie zurück in den Schatten.

Aides, der Fürst aus der Tiefe
legte die Hand an die Wiege:

„Weine, nicht Ortlepp, ich werde
dich stetig geleiten auf ewig.

Im Hades bist du mir immer
willkommen, tauche herab!

Besuche sie alle, die Flüche
ertragen wie du. Denn sie raten:

Sisyphos, Tantalus eben -
Ixion, Theseus und alle.

Auch die zehn Heliaden,
sämtlich als Schatten geendet.

Singe vom Schicksal, erdichte
uns Märchen, ertrage das Leiden.
Was der Kronide dir zuschwor
wird wahr: Ein Denkmal aus Bronze.“

Derartig sprach wohl der Schwarze,
Gebieter klagender Schatten.

Dann an der schwankenden Wiege
des greinenden Knaben tönt es.
Poseidon, als Neptun bekannter,
und Bruder des Hades beginnt:
„Dionysos lieh mir den Becher
heut Morgen. Nimm ihn für später.
Er selber, Erzieher der Trauben,
konnte leider nicht nahen.

Er feiert im Weinlaub, ich komme,
im Ernst ihn hier zu vertreten.
Des Pfarrers Sohn lässt er grüßen -
er füllt dir voll ein den Becher.
Erlösung bringt der Pokal dem,
der ihn mit Wein füllt zum Rande.“

Schließlich drängt Ares, der Kriegsgott
mit marsischer Kraft nach dem Platze.
Rasselnd klingen die Waffen,
es blitzt die eiserne Rüstung.

Laut erschallt die Fanfare:
„Mache dich auf, mir zu dienen!

Härte die Rede und schärfe
die Verse, nutze den Speer auch.
Brauche die Lanze. Schwinge
das Schwert, die Heuchler zu treffen.
Kämpfe, ringe, dichte,
singe, rede und richte.

Schließlich als Sieger kehre
mir heim, auch wenn unterlegen.
Achilles und Hektor werden
dir Vorbild. Herkules eben. "

Als die Zehn nun geendet,
ruhet der Blick auf dem Elften.

Chiron, Lehrer von Ärzten
und Heilern trabt in die Mitte.

Munter klappern die Hufe
am Boden, es schnauben die Nüstern.
Zum Kreise schlägt den Schweif der Gequälte,
den ewigen Schmerz zu vertreiben.
Das aber ist, was er sagte:
„Trage ab heute das Kleid der Erwählten.

Kratzt es auch derb auf der Haut dir
wie Nesseln, trage es tapfer.

Singe und sage von gestern.
Dichte und reime von allem,

was da noch sein wird um Götter
und Menschen. Fürchte dich nimmer!“
Wir Seligen alle müssen 
der grausamen Moira folgen.

So will es ihr bannendes Siegel,
die ewig zwingende Fessel.

Du, oder einer der jungen
Gefährten, Dichter und Sänger

werden das Schloss einst zerschlagen -
dann einet ein Bildnis uns alle
am Zeltdach der ewigen Himmel,
im Lila sphärischer Träume.
Glaube und hoffe! Zur Hölle
wirst du zwar fahren auf Jahre.

Aber ein Platz bei den Sternen
ist dir bereitet da droben.“

Als nun auf seltsame Weise
jedes den Singsang vollendet,
verstummte das klägliche Wimmern
dort aus der schaukelnden Kiste.

Ernst war erwacht und er hatte
obwohl noch zullender Säugling,
die Reise erahnt, die zu wallen
ihm selber in Kürze bevorstand.

Wie August aus Hippo schon früher,
der hochgewaltige Bischof,
noch eben geboren, schon hört man
ihn predigen laut aus dem Zuber

frömmliche Sprüche zitiert er,
gelehrte Sentenzen prägend,
formet auch Ernst seine Lippen,
hob an zu grimmiger Ode:

„Fühlet, Götter, mein Erbarmen,
wenn ihr nun verlasst dies Haus.
Segen treffe euch, ihr Armen,

wenn ihr flieht vor mir hinaus.

Eure Wünsche musst ich hören
eine ganze Stunde lang.

Furcht und Hoffnung soll betören
meines Lebens Weitergang?

Packt, Gesindel, euch im Guten
und erreicht Olympias Flur.

Will allein und selber bluten
auf des Lebens alter Spur.

Werde mir schon Freunde finden
die mir helfen hie und da,

mir die Blößen zu verbinden,

die kein Mensch bis heute sah.

Habt euch alles nehmen lassen
von dem neu erfundnen Gott?
Nun beginnt ihr zu verblassen,
Kunst geworden und zum Spott?

Weg aus meine Nähe, fliehe!
Alle, alle, fort hinab!

Euer Fluchen mit euch ziehe,
fürchtet eures Schicksals Grab!

Nicht umsonst seid ihr gekommen;

meine Windeln ohne Scham

– denn ich zähle zu den Frommen –
nehmt als Opfergaben an!”

So kräht Ernst mit frohem Sinn
und verspottete die Boten .
Draußen Wetter niederging -
Donner grollten, Blitze drohten.

der präexistente Christus - Altar in Woltersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) Kopie des Schadow-Gemäldes für Schulpforta
Geburtsbild Ernst Ortlepps 1.8.1800 um 18.30 OZ in Droyßig
Placidus
Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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