von Kränkungen ...
... und von Krankheit

Kampf bei den Schiffen vor Troja - attischer Sarkophag

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm.
Ent-Rüste dich! Damit du kein Unrecht tust.

(Psalm 37,8)

Seht, wie klein war der Funke.
Wie groß war der Wald,
den er anzündete!
Auch die Zunge. Welch Feuer.

(Jakobus 3,5-6)

Allen denen, die immer marschieren müssen - auf ideologischen Sandalen bzw. in drohenden Stiefeln: Eine der geistigen Gründungsurkunden Europas scheint nach wie vor Homers Ilias geblieben zu sein. Bei diesem Buch handelt es sich um die Geschichte eines langen Krieges, in dem Götter, Heroen und Menschen miteinander zu tun bekamen. Eigentlich ging es nur um eine einzige Frau. Aber was heißt hier „nur”? Die Frau war schön und hieß Helena. Sie wurde geraubt und nach Troja verbracht. Die Beraubten ihrerseits sind nun beleidigt und belagern Troja zehn Jahre lang. Schließlich wird die belagerte Stadt eingenommen - durch List, Betrug und Verrat. Viele kommen dabei elend um - auf beiden Seiten. Die Rückreise der Sieger dauert dann genauso lange wie die Belagerung: Zehn Jahre. Der Held Odysseus verliert auf der Heimfahrt alle seine Gefährten an das Meer - nur mit Mühe kann er selber das eigene Bett für sich wieder in Besitz nehmen. Seine Abenteuer sind im zweiten Band des großen Homerischen Epos’ zu finden - in der Odyssee. Diese Abenteuer lesen sich alle gut und Filme zum Thema schaut man sich recht gern an. Denn, dichtete der Staatsminister Goethe aus Weimar: „Was im Leben uns verdrießt / man im Bilde gern genießt!” In Wirklichkeit aber sind die Resultate des Zorns etwas, vor dem deutlich gewarnt werden muss. Genau das machen die oben angeführten Bibelverse.

Als erstes Wort für seine Ilias, an deren Gestalt das klassisch deutsche Gymnasium den Geist von Generationen junger Leute schliff, dem Staatsdienst schulte und für die Künste formte, wählte Homer den Begriff „Zorn” - und zwar im Akkusativ. „Den Zorn singe, o Göttin, den Zorn des Peliden Achilleus, / Zorn, der entbrannt den Achaiern / unnennbaren Jammer erregte, / Und viele tapfere Seelen / der Heldensöhne zum Hades / entsendete, aber sie selbst / zum Raub darstellte den Hunden!” Nicht den gerechten Zorn meint man, der sich stolz aufmacht, verdorbene Dinge wieder zurecht zu rücken, sondern die manische Wut.
Die Kränkung ist gemeint, das Ressentiment. Die unerwachsen kindische Empfindlichkeit, die direkt in’s Verderben führt und andere auf diesem Weg mitreißt, ob sie wollen oder nicht. Es kann hier nicht die Geschichte von Achilleus, Agamemnon, Briseïs und Chryseïs erzählt werden. Jeder greife selber zum Buch und versenke sich in die unendlichen Leiden dieser zorngepeitschten, götterbesessenen Menschlein - und weine mit ihnen und u.U. über sich selbst. Zugefügte Kränkungen und daraus resultierender Zorn - Troja lag am Ende in Schutt und Asche. Nur einer konnte fliehen - Aeneas, nach langer Irrfahrt kommt er in Italien an und gründet das, was man heute gern als eine der Hauptwurzeln einigermaßen funktionierender abendländischer Staatswesen noch betrachten kann.
Der giftig-beleidigte Zorn aber war es, der den Untergang beider Völker herbeiführte. Zuerst lehnte sich der Held Achilles beleidigt zurück, als es darum ging Helena zu retten. Sowohl Freunde als auch Feinde, Gefährten und Gegner kommen deshalb in einer qualvollen Zeit von insgesamt zwanzig Jahren um. Der Eine tat nicht mit und fehlte - alle waren davon betroffen. Der Zorn macht, das man nicht mehr geradeaus denken kann. Und es dann auch nicht mehr will! Diese schlimme Sache wird von Homer als unausweichliches von oben her von den Göttern verhängtes Schicksalsdrama erzählt. Mit dem Wort Zorn fängt es an. Am Anfang war der Zorn - am Anfang war die Kränkung.

Da wir es nun wissen, können wir in uns gehen und ihn aufzuspüren versuchen, den heimlichen Zorn verletzter Kränkung durch irgendwen oder durch irgendwas. Und könnten es abzulegen versuchen. Freilich - man wird die Ilias gerne weiterlesen. Sie ist großartig. Aber dieselben Fehler, von denen dort berichtet wird, muss man nicht wiederholen.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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