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Kein Tag ohne Griff in die Tasten

Am heimischen Klavier: Rosegret Kruppke singt und spielt täglich ein paar Stücke. Das halte den Geist auf Trab, sagt sie.
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Jubiläum: Rosegret Kruppke versieht seit 65 Jahren den Organistendienst in der Altmark. Die 90-Jährige blickt auf ein Leben voller Musik zurück, in dem sie Gottes Wort unter die Menschen bringen wollte.

"Gott wohnt überall – Ein Leben voll Musik und festem Glauben" – So kann man mit kurzen Worten Rosegret Kruppke beschreiben. Im Oktober dieses Jahres feierte die Osterburger Organistin ihren 90. Geburtstag. Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück, in dem die Musik immer eine bedeutende Rolle gespielt hat. Die Jubilarin verrichtete über 65 Jahre Organistendienst unter anderem in Osterburg, Walsleben und Kossebau. Nun wird es aufgrund ihres hohen Alters ruhiger. Die Orgel spielt sie nur noch selten. Aber am Klavier übt sie täglich. Sie will in Form bleiben und hat Spaß daran.
Rosegret Kruppke erblickte 1930 das Licht der Welt. Sie kam nicht allein, sondern mit ihrer Zwillingsschwester Ursula auf die Welt, die leider nicht mehr lebt. Unzertrennliche Zwillinge waren sie. Insgesamt gab es fünf Geschwister. Vier davon entwickelten sich zu Kirchenmusikern. Bruder Manfred Schlenker war Mitglied im Domchor Stendal und Direktor der Greifswalder Kirchenmusikschule.
Die Eltern waren fromme Leute. „Mutter hatte eine sehr schöne Stimme. Sie war ausgebildete Sängerin“, erklärt Rosegret Kruppke stolz. Der Vater war Industriekaufmann, ein Beruf, der ihn nicht erfüllte. Durch Mitarbeit im christlichen Verein junger Männer erkannte er seine Berufung. Er wollte Prediger werden und ging nach Wuppertal, wo er sich ausbilden ließ. Später wirkte er in einer Berliner Stadtmission und wurde als Prediger tätig. „Leider gab es in Berlin nicht nur gute Zeiten“, blickt Rosegret Kruppke zurück. Als sie von einem Ereignis als Neunjährige berichtet, zittert die Stimme. Da gab es Fliegerangriffe in Berlin, die Anfänge des Zweiten Weltkrieges. Bomben fielen und zerstörten ihr Zuhause. Sie hatten alles verloren, besaßen nichts weiter als das, was sie am Leibe trugen. Obdachlos, mittellos. Auf der Suche nach Unterkunft. Wie sollte es weiter gehen? Das Schicksal brachte die Familie nach Wernigerode. „Eine Zugfahrt ins Ungewisse. Es schneite wie verrückt – und es war bitter kalt“, erinnert sich die 90-Jährige.
Die Stadt im Harz erwies sich als Glücksfall. Familie Kruppke fand Zuflucht in einem Gästeheim für Lazarett-angehörige, zwei Zimmer und Sachspenden erleichterten den Neuanfang. Nur in der Schule konnte man spüren, „dass man ein fremder Vogel war“, sagt Rosegret Kruppke. Aber auch das ging vorbei. Sie schaffte das Abitur. Schon damals war ihr klar, dass sie ihr Leben nach ihrem christlichen Glauben gestalten wollte, und so ging sie nach Halberstadt, wo sie das Orgelspielen erlernte. Sie verfolgte ein großes Ziel: Gottes Wort unter die Menschen bringen. Rosegret Kruppke ging an das Burckhardhaus in Berlin, eine Bildungseinrichtung der deutschen evangelischen Kirche, das damals wie heute Kirchenpädagogen ausbildete. Sie wurde Religionslehrerin und erlebte eine blühende Christenlehrezeit in Oster-burg. Allerdings hatten es Christen in der DDR nicht leicht. Das bekamen auch die Kruppkes zu spüren. Trotzdem zog es sie nie weg aus dem Osten. „Gott wohnt auch in der DDR“, diese Überzeugung half ihnen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. So meisterten sie auch diese Zeit und blieben ihren Überzeugungen treu. 1955 heiratete sie Norbert Kruppke. Er war Pfarrer in Walsleben und später in Oster-burg. Das Paar bekam drei Söhne und eine Tochter. Neun Enkel und sechs Urenkel gehören ebenfalls zur Familie. Im Jahr 2000 starb ihr Mann nach schwerer Krankheit, ein Schlicksalsschlag für Rosegret Kruppke.
Sie ist dankbar für ihr langes, gesundes Leben. Das wichtigste für sie sei die Familie, die ihr stets zur Seite stehe. „Alle kümmern sich liebevoll um mich“, sagt sie. „Ich wünschte, es würde allen Menschen so gehen.“
Dann setzt sie sich ans Klavier und spielt das Stück „Vom Birnbaum. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, eine Ballade von Theodor Fontane. Die Noten dazu schrieb Bruder Manfred Schlenker. Am Klavier sitzt eine Frau, zwar betagt, aber jung im Geiste. „Musik gehört zu meinem Leben“, sagt sie. Allerdings, ein Wehrmuts-tropfen bleibt: Sie würde gern öfter Orgel spielen. Aber sie hat entschieden, nicht mehr Auto zu fahren. Einer ihrer Söhne ist Pfarrer in Kossebau. Ihn hat sie oft durch Gottesdienste begleitet. Jetzt spielt er selbst die Orgel.
Corina Franke

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