Klamauk und Tradition 

Personalunion: Als Karnevalist und Pfarrer tritt Stefan Kunze in Wasungen in Erscheinung, wie hier beim traditionellen Karnevalsumzug.
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Aschermittwoch ist längst nicht alles vorbei, meint Pfarrer Stefan Kunze. Doch mit Beginn der Fastenzeit hat zumindest das närrische Treiben ein Ende. Dem will aber längst nicht jeder Karnevalist in Südthüringen folgen.

Von Jürgen Glocke

Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) stand auch in diesem Jahr zum 483. Mal wieder Kopf beim traditionellen Karnevalsum-
zug unter dem Motto in südthüringer Dialekt: »Ganz Woasinge stätt Koopf.« Mittendrin: Stadtpfarrer Stefan Kunze. Er kam als das, was er ist, als ein Geistlicher. Und freilich auch als Schelm, der dem Volk augenzwinkernd den Spiegel vorhält. Seine Botschaft: »Allen Narren ist doch klar – wir feiern net das ganze Jahr.« Was auf den ersten Blick recht unverfänglich klingt, greift Tiefergehendes auf – die Bewahrung von Anspruch, Sinn und Tradition.
Hier sieht sowohl der Christ als auch der Karnevalist Kunze eine unglückliche Entwicklung. Der Karneval sei mancherorts verkommen zum Klamauk, zu einem Termin auf dem Eventkalender der Spaßgesellschaft. Beispiele dafür finden sich vielerorts, auch ganz in der Nähe, wie der Spruch auf der Rückseite von Kunzes Umzugsschild verrät: »Nur in der schönen Rhön will man es net verstehen.« Der närrische Seitenhieb ist die Reaktion auf eine schon länger geführte publizistische Auseinandersetzung, an der Pfarrer Kunze beteiligt ist.
Karneval, so Stefan Kunze, sei quasi der Vorabend zur Fasten- und Passionszeit. Nach Aschermittwoch noch zu karnevalistischen Veranstaltungen einzuladen, zeuge von Unkenntnis oder Ignoranz dessen, was echte Tradition ist. Christen und traditionsbewusste Karnevalvereine würden sich davon distanzieren. Das heiße nicht, dass nun alle zum Lachen in den Keller gehen sollten. Fasten bedeute vielmehr Bilanz zu ziehen, zu rekapitulieren, Ballast abzuwerfen und neu zu sich zu finden. Davon, dass man sich des Lebens nicht mehr freuen darf, sei nicht die Rede. »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss« (Fass dir ein Herz und komm auf die Füße) – ganz bewusst ist dieser Spruch in diesem Jahr zum Motto des von Kunze vor elf Jahren eingeführten Aschermittwochsgottesdienst gewählt worden. Gleichsam soll es der Umkehrschluss vom Karnevalsmotto sein.
Pfarrer Kunze, da sind sich die meisten Wasunger einig, sei ein Segen für die Stadt. Als er Ende 2006 das Amt des Pfarrers in der Werrastadt antrat, habe er es verstanden, das Interesse so mancher Wasunger an der Kirche neu zu wecken, heißt es im Ort. Er sei volksnah und könne über sich selbst lachen, so die landläufige Meinung. Erstaunlich, wie der gebürtige Magdeburger, der früher nie etwas mit Karneval zu tun hatte, in Wasungen rasch seine närrische Ader entwickelte. Wissend, dass Kirche und Karneval seit je her eine Art Symbiose eingegangen sind und das gemeine Volk mit Vorliebe die geistliche Obrigkeit persifliert hat, steigt er in der fünften Jahreszeit alljährlich als Don Camillo in die Bütt, um in spitzzüngigen Zwiegesprächen mit Peppone alias Altbürgermeister Manfred Koch zeitgenössische Gesellschaftssatire zu betreiben. In diesem Jahr parlierte das Duo unter anderem über das Koalitionsgerangel in Berlin, wobei sich Don Camillo zu der von ihm favorisierten »Sahara-Koalition« bekannte: »Alle in die Wüste schicken und meinetwegen Neuwahl!«

Personalunion: Als Karnevalist und Pfarrer tritt Stefan Kunze in Wasungen in Erscheinung, wie hier beim traditionellen Karnevalsumzug.
»Nur in der schönen Rhön, will man das net verstehen«, steht auf der anderen Seite des Schildes. Stefan Kunze will damit an die karnevalsfreie Passionszeit erinnern.
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Online-Redaktion aus Weimar

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