Autobiografische Geschichten als Therapie für inhaftierte Straftäter

Gefängnisseelsorge: In der Justizvollzugsanstalt in Burg gibt es seit fünf Jahren eine Schreibwerkstatt – Neuer Band in Magdeburg vorgestellt

Von Thorsten Keßler

Sieben Männer in einheitlich blauen Polohemden sitzen vor einer orangefarbenen Wand. Flackerndes Neonlicht erhellt den Raum. Eine Kunstinstallation, könnte man meinen, wären da nicht die uniformierten Beamten an den Türen und Treppenaufgängen im Foyer des Kunstmuseums Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg. Die Fenster wirken durch die Fensterkreuze wie vergittert und beinahe ist man versucht zu sagen, wie zu Hause.
Unter dem Titel »TalentLos!« haben sich sieben Autoren zu einer Lesung eingefunden, die an einer Schreibwerkstatt in der Justizvollzugsanstalt Burg teilgenommen haben. Für sie ist es Abschluss und Auftakt zugleich.
Zum einen wird das dritte Buch »Der heilige Stolperer« der Schreibwerkstatt vorgestellt. Zum anderen ist die aktuelle Ausstellung »Seht, da ist der Mensch« zu sehen, die als Basis für das nächste Poesieheft dienen soll.
»So eine Lesung hat es im Museum noch nicht gegeben«, sagt die promovierte Leiterin Annegret Laabs, aber »ich finde die Idee fantastisch, passend zum Thema der Ausstellung die Menschen ins Zentrum zu stellen, die sonst am Rand stehen«.
Die Geschichten der insgesamt 16 Autoren sind autobiografisch. Michael Weiß (32) liest seinen Text »Kunduz« selbst. »Das sind Bilder, die ich nie wieder aus meinem Hirn kriege.« Der ehemalige Zeitsoldat schreibt über einen Afghanistan-Einsatz, einen Jungen mit Bombengürtel und seinen Gewissenskonflikt. »Ich hätte schießen müssen. Ich konnte nicht schießen. Das ist kein Handwerk für mich.« Bedrückend und ehrlich. »Es ist eine Realitätsgeschichte«, sagt der Ex-Sanitäter. »Ich will den Menschen zeigen, wie es dort unten wirklich ist. Fernsehen schönt. Die Fernsehbilder zeigten nicht alles.«
Die Schreibwerkstatt ist eine Initiative der evangelischen Gefängnisseelsorge. Gefängnisseelsorgerin Jana Büttner hat sie vor fünf Jahren initiiert, Herausgeber Ludwig Schumann begleitet »TalentLos!« ehrenamtlich von Anfang an. »Anfangs aus Neugier, wem man begegnet. Inzwischen sind menschliche Bindungen entstanden.« Die Arbeit sei mit der Zeit immer wichtiger geworden, sagt Schumann, »und wenn ich sehe, was in diesen fünf Jahren entstanden ist, in welcher Art und Weise sich die Schreibwerkstatt entwickelt hat, dann sieht man den Erfolg der Arbeit. Den Erfolg der Autoren!«
Diese treffen sich alle zwei Wochen und bringen ihre in den Zellen entstandenen Texte mit. Schumann gibt Impulse, Tipps und lektoriert die Ausarbeitungen. Manchmal zu streng, finden die Gefangenen. »Bevor ein Text fertig ist, wird er fünf- bis sechsmal umgeschrieben«, beklagt Thomas Kahlmann, »aber eigentlich sind wir froh, dass wir einen Schriftsteller dabei haben, der uns Tipps gibt.« Schreiben sei auch ein Stück Therapie, sagt einer mit einer Hand-Fuß-Fessel nach der Lesung im Gespräch mit den Besuchern. Immer unter den wachen Augen der Justizvollzugsbeamten.
»Die Schreibwerkstatt ist christliche Nächstenliebe«, unterstreicht Gefängnisseelsorgerin Jana Büttner. »Wir arbeiten mit den Ressourcen der Menschen, bestärken sie, und die Häftlinge merken, sie können etwas. Das ist gelebte Diakonie, gelebte Menschlichkeit.«

Ludwig Schumann (Hg.): Der heilige Stolperer. Literatur aus dem Knast, 72 Seiten,
9,90 Euro, ISBN 978-3-00-057407-8
Bezug über JVA Burg, »TalentLos! Schreibwerkstatt«, Madel 100, 39288 Burg (zzgl.
3,00 Euro Versandkosten)

Autor:

EKM Nord aus Magdeburg

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