Franz Alt: Menschen brauchen Hoffnung 

Zentrum für Versöhnungs­forschung: Franz Alt (links) und Prof. Martin Leiner bei der Diskussion in Jena
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Medien und (keine) Versöhnung: Podiumsdiskussion zum Studientag in Jena

Von Doris Weilandt

Bei einer Podiumsdiskussion zum Studientag der Theologischen Fakultät Jena zum Thema »Medien und (keine) Versöhnung? Die Ambivalenzen von Konfliktberichterstattung« konstatierte der ehemalige Moderator des TV-Magazins »Report«, Franz Alt: »Menschen brauchen Hoffnung.« Er sei davon überzeugt, dass positive Nachrichten mehr bewegen als die Dauerbeschallung mit vermeintlichen Katastrophen.
In der Diskussion ging es um den Einfluss von Nachrichten auf Versöhnungsprozesse zwischen verfeindeten Staaten, Kriegsparteien oder Religionen. Mit Martin Leiner vom Zentrum für Versöhnungsforschung an der Theologischen Fakultät (JCRS) beteiligte sich ein weiterer Experte: »Die Medien haben Auswahlkriterien, wie sie uns die Welt präsentieren.« Auch er stellte fest, dass es viel mehr Berichte über Terroranschläge gibt und vor allem Stereotype vermittelt werden, die ein undifferenziertes Bild wiedergeben. Reportagen über Afrika und Asien fehlen fast völlig. Diese Wahrnehmung bekräftigte Sebastian Jünemann, Gründer der Hilfsorganisation Cadus. Gerade aus Mossul zurückgekehrt, berichtete er, dass Bilder in den meisten Fällen nicht mehr die Wahrheit transportieren sollen. Je krasser die Aufnahme, desto höher der Marktwert. Die journalistische Sorgfaltspflicht ist in den meisten Kriegsgebieten längst ad acta gelegt.
Franz Alt hat mit Fernsehbeiträgen über das Leid vieler Menschen große Spendenaktionen auf den Weg gebracht, beispielsweise für die Blindenheilung in Bangladesch: »Ohne Emotionalität geht es nicht. Menschen lassen sich anrühren.« Wenn es um Leben und Tod geht, sieht er keine Trennung zwischen Retter und Reporter.
Sebastian Jünemann hielt dagegen, dass Medien nicht für Werbung zuständig sind. Vielmehr sollten die Betroffenen zu Wort kommen: »Das Gros der humanitären Hilfe wird nicht über Spenden finanziert.« Für Martin Leiner gilt unabhängig von der Situation das Gebot der Fairness. Ein großes Problem bei der Versöhnung seien Gefühle von Wut, Entrüstung und Angst. »Man muss deutlich machen, dass die Friedenspolitik ein Langzeitprojekt ist. Für Versöhnung braucht es Qualität«, so der Forscher. Der Populismus ist für ihn ein Ergebnis der Emotionalisierung von Nachrichten. Die Tendenz sei steigend.
Gelungene Versöhnungsprozesse haben für Franz Alt in Kolumbien und Südafrika stattgefunden. »Der Umgang der deutschen und polnischen Katholiken, der letztlich zum Kniefall von Willi Brand in Warschau führte, die Rolle der evangelischen Kirchen zu DDR-Zeiten und die Einflussnahme des Vatikans auf das Zustandekommen des Pariser Klimaabkommens sind Beispiele für Versöhnungsarbeit«, sagt der Journalist und Friedenskämpfer.
Für den Helfer in Krisengebieten stelle sich die Frage nach der Wertigkeit von Leben jeden Tag. Was bedeutet uns ein Menschenleben in Nahost? Nicht jedes Opfer ist gleichviel wert, das sollte uns zu denken geben: »Versöhnung heißt nachdenken, das Ergebnis offen lassen. Wir müssen mit Terroristen reden.« Martin Leiner: »Bei Versöhnung beschäftigen wir uns immer mit Vergangenheit und Zukunft. Versöhnung ist ein langer Prozess, den Kirchen leisten können.« Als positives Beispiel sieht er die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission, an der sich Kirchenvertreter wie Bischof Desmond Tutu maßgeblich beteiligt haben.
Die Diskussion zum Studientag der Theologischen Fakultät Ende Januar spiegelte einen Befund, den viele Menschen teilen. Nach der Langzeitstudie »Medienvertrauen in Deutschland 2017«, die wenige Stunden vorher veröffentlich wurde, empfindet ein Drittel der Bevölkerung die Realität anders, als sie in den Medien dargestellt wird.

Das Jena Center for Reconciliation Studies (JCRS)/Zentrum für Versöhnungsforschung beschäftigt sich mit Konflikten, die zu Kriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen geführt haben, und untersucht, wie es gelingt, dass es trotz dieser Belastungen zu Versöhnungsprozessen kommt.

www.jcrs.uni-jena.de

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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