Montessori-Schule in Halle wagt seit über einem Vierteljahrhundert Neues
Miteinander lernen zu lernen

Montessori-Pädagogik: Für Erwachsene mag das wie ein Spiel aussehen, die Kinder aber lernen spielend. Zum Konzept gehört auch das selbstständige Lernen.
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  • Foto: Katja Schmidtke
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In der »blauen Etage« stehen die Türen zu den Klassenräumen weit offen. Einige Kinder liegen bäuchlings auf kleinen Teppichen, vor sich Bausteine in geometrischen Formen. Andere sitzen am Tisch, vertieft in eine Zahlenreihe oder Buchstaben schreibend in ein mit Sand gefülltes Tablett.
Von Katja Schmidtke

Eine stille, konzentrierte Atmosphäre herrscht an diesem Dienstagmorgen kurz vor Ferienbeginn in der evangelischen Grundschule »Maria Montessori« in Halle.
Untergebracht ist sie in einem der ältesten Schulgebäude der Stadt in den Franckeschen Stiftungen. Seit einem Vierteljahrhundert lernen Mädchen und Jungen mit Blick auf das Francke-Denkmal (»Er vertrauete Gott«) nach der Montessori-Pädagogik. Die Italienerin Maria Montessori ging davon aus, dass jedes Kind den Bauplan seiner Entwicklung in sich trägt und dass Eltern, Lehrer und Erzieher dem Kind lediglich helfen, etwas selbst zu tun. Selbstbestimmt, interessengeleitet, selbstständig und durch praktisches Handeln wird seither nach Montessori unterrichtet.
Die Eltern, die sich nach der Wende in einem Verein zusammenschlossen, wagten Neues: Sie gründeten nicht nur Sachsen-Anhalts erste Montessori-Schule, sondern auch die erste Schule, in der Kinder mit Behinderung integriert wurden. Vor 26 Jahren, am 14. Juli 1992, erhielten sie vom Land die Genehmigung, die Grundschule zu errichten. Sie trägt den Zusatz evangelisch, ist aber keine Bekenntnisschule.
Günther Buchenau, Pfarrer und Superintendent in Ruhe, und seine Frau gehörten zu den Gründungsmitgliedern. »Wir hatten damals kein Konzept, kein Haus, kein Geld. Aber wir hatten einen Traum«, erinnert er sich. Nach 40 Jahren DDR-Volksbildung wollten die Eltern eine Schule, in der das Kind im Mittelpunkt steht. Den Menschen so zu sehen wie er ist, zu erkennen, was er braucht – das sei zutiefst christlich. Der Kirchenkreis ist bis heute Mitglied im Trägerverein, und Günther Buchenau dankbar für alles Erreichte. »Der liebe Gott muss unsere Schule sehr lieb haben«, sagt er.
Heute besuchen 170 Jungen und Mädchen in acht Klassen die Mon-
tessori-Schule. Zuletzt hatten sich mehr als 100 Familien um einen der 40 Plätze für Erstklässler beworben.
»Hier wird der übergreifenden Entwicklung der Kinder Raum geboten, sie haben Zeit«, sagt Micha Kost, dessen Tochter die Montessori-Schule besucht. Ein bis zwei Mal in der Woche kommt der Vater selbst mit. Er gehört zu den »Leseeltern«: Das Angebot gibt den Kindern die Möglichkeit, in einer 1:1-Betreuung aus einem Buch ihrer Wahl vorzulesen. Micha Kost hört zu und korrigiert.
Selbstständig zu lernen heißt nicht, dass die Pädagogen sich zurücklehnen. »Unsere Aufgabe ist es, die Umgebung zum Lernen zu schaffen. Wir fangen dort an, wo das Kind ist. Wir begleiten und führen«, sagt Lehrerin Kerstin Westphal. In der morgendlichen Freiarbeit haben die Kinder jahrgangsübergreifend die Möglichkeit, zu rechnen, zu schreiben, zu lesen mit ganz vielfältigen Methoden und Materialien. Nach der Hofpause gibt es einen nach Klassenstufen sortierten Fachunterricht.
Gelingt den Kindern nach vier Jahren der Übergang an die weiterführende Schule? Ja, sagt Geschäftsführer Dirk Rohra. »Die Kinder lernen hier zu lernen und miteinander zu lernen.« Die Quote der Schüler, die auf ein Gymnasium wechseln, ist ähnlich hoch wie in den Bildungsbürger-Stadtteilen mit konventionellen Grundschulen.
Auch die in den Franckeschen Stiftungen beheimateten Lehrer-Ausbilder nutzen die Montessori-Schule: Professor Georg Breidenstein schickt seine Studenten regelmäßig zur Hospitation. Sie sollen lernen, dass Unterricht auch anders sein kann, als ihn die meisten Studenten kennen gelernt haben und für »normal« halten.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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