Der Erfurter Glockenspieler
Gotteslob mit Fäusten

Ausgeklügelte Mechanik: Von einem Spieltisch aus, dem Stockklavier, werden die 60 einzelnen Glocken über Seilzüge angeschlagen. Das erfordert ganzen Körpereinsatz.
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  • Ausgeklügelte Mechanik: Von einem Spieltisch aus, dem Stockklavier, werden die 60 einzelnen Glocken über Seilzüge angeschlagen. Das erfordert ganzen Körpereinsatz.
  • Foto: Ulrich Seidel
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Hohe Kunst: Carillon-Spieler machen Live-Musik auf Glocken. Dabei werden die Klangkörper direkt von einem Spieltisch aus mit den Fäusten angeschlagen.
In ganz Deutschland gibt es momentan 48 Carillons in Kirchen, Rathäusern, Türmen oder Parks, vor allem im Südwesten und in Thüringen. Und rund 60 ehrenamtliche Carilloneure, die sie spielen können. "Wir sind ein illustrer Kreis von Enthusiasten", sagt Ulrich Seidel aus Erfurt, Vorsitzender der Deutschen Glockenspielvereinigung und Carilloneur im Erfurter Bartholomäusturm.
Die "Klangfülle dieses Instruments" begeistert ihn seit vielen Jahren. "Man kann alles darauf spielen, was komponiert wurde und was noch komponiert werden wird." Sogar ein Stück der Rockband AC/DC habe er schon auf dem Carillon gehört.
Wie es dazu kam, beschreibt der Buch-Autor im Gespräch mit der Kirchenzeitung: "Als Schriftsteller (seit 2004) mit dem Schwerpunkt Erfurt (für Touristen und Einheimische) hatte ich 2007 ein Drehbuch für ein filmisches Portrait der Stadt geschrieben, das dann auch umgesetzt wurde (DVD "Erfurter Plätze"). Im Zuge der Dreharbeiten habe ich das Carillon im Erfurter Bartholomäusturm kennen gelernt. Der damalige Carillonneur ließ mich ein paar Tasten drücken. Seitdem komme ich nicht mehr von diesem Instrument fort. Zunächst erlernte ich das Spielen autodidaktisch. Dabei half mir, dass ich musikalisch vorgebildet bin (Klavier, Gitarre, Schlagzeug). Von 2012 bis 2015 war ich Gaststudent an der Königlichen Glockenspielschule in Mechelen (Belgien) und 2016 an der Kirchenmusikschule im dänischen Løgumkloster."
Im Jahre 2010 gab Ulrich Seidel bereits sein erstes öffentliches Konzert am Carillon des Erfurter Bartholomäusturms, das 1979 errichtet wurde und über 60 Glocken verfügt. Die größte Glocke wiegt 2393 kg, die leichteste 10 kg, das Gesamtgewicht mehr als 13 Tonnen. Mit seinem Tonumfang von fünf Oktaven gehört es zu den größeren in Deutschland.
Es wurde von Peter und Margarete Schilling im Auftrag des Ministeriums für Kultur der DDR konzipiert und im VEB Glockengießerei Apolda gegossen. Drei große Glocken tragen Inschriften, die von dem Weimarer Grafiker Horst Jährling gestaltet wurden: "Gewidmet dem Dreißigsten Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik" auf der Glocke c1, "Dieses Carillon wurde gestiftet vom Ministerium für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik" auf der Glocke d1 und "Du unser Jahrhundert es beginnt erst der Mensch in dieser unserer Zeit" (ein Zitat von Werner Bräunig) auf der Glocke dis1.
1992 kam es in der Glockengießerei Karlsruhe zu einer Überarbeitung aller Glocken. Seitdem gehört das Carillon zu den klangschönsten Instrumenten des Landes.
Seit einem Jahrzehnt bemüht sich Seidel "in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Erfurt, zu dem das Carillon und der Bartholomäusturm gehören, die Bekanntheit dieses wunderbaren Instrumentes zu erhöhen". Er organisiert Konzerte mit internationalen Solisten und spielt natürlich auch selbst. "Das Carillon beansprucht etwa ein Viertel meiner Arbeitszeit", schätzt er den damit verbundenen Aufwand ein.
Die Live-Konzerte finden immer am letzten Sonnabend des Monats von 16 bis 17 Uhr statt. Die Aufführungen sind am 31. August mit Piet Hamelink (Sluis/Niederlande) und am 28. September mit Bastian Fuchs (Eichstätt) zu erleben. Die automatische Bespielung erfolgt dreimal am Tag, um 10, um 12 und um 18 Uhr. Man hört eine kurze Melodie, etwa drei Minuten.
Der Vorsitzende der Deutschen Glockenspielvereinigung informiert auf Anfrage der Kirchenzeitung, wo in Mitteldeutschland weitere spielbare Carillons erklingen. "In Thüringen befinden sie sich in Saalfeld, Gera, Geisa, Altenburg und Erfurt. Mühlhausen hatte mal ein Carillon in der Kornmarktkirche, allerdings ist der Spieltisch demontiert worden, die Glocken werden nur noch über eine Automatik bedient. In Sachsen-Anhalt existieren Glockenspiele in Magdeburg und Halle (mit 76 Glocken Europas größtes und weltweit zweitgrößtes Carillon). In Sachsen gibt es welche in Chemnitz, Lößnitz, Schirgiswalde und Wechselburg."
Die Deutsche Glockenspielvereinigung widmet sich den verschiedensten musikalischen und technischen Aspekten des Instruments. Ein wesentlicher Aspekt sind Spielkunst und Ausbildung. So richtet sie vom 9. bis 11. August ihren 22. bundesweiten Carillon-Workshop in Hannover aus.
Unter der bewährten Anleitung von Mathieu Daniel Polak aus Rotterdam können die Teilnehmer auf dem Carillon des Henriettenstifts spielen und dabei Neues ausprobieren. Polak ist Dozent am Carillonzentrum Amersfoort in den Niederlanden.

www.glockenspieler.de

Ausgeklügelte Mechanik: Von einem Spieltisch aus, dem Stockklavier, werden die 60 einzelnen Glocken über Seilzüge angeschlagen. Das erfordert ganzen Körpereinsatz.
Stockklaviatur: Glockenspieler Ulrich Seidel lädt regelmäßig zu Konzerten am Erfurter Carillon ein.
Autor:

Michael von Hintzenstern aus Weimar

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