Bretleben
Die Orgelreise der St. Johannis-Kirche
- Ilko Hoffmann, Ortschaftbürgermeister und von Beruf Buchhalter, ist nach Feierabend allem, was Tasten hat, zugetan. Von der Idee einer neuen Orgel war er sofort begeistert.
- Foto: Thomas Schäfer
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Hoch oben an der Wand der Orgelempore der St.-Johannis-Baptiste-Kirche in Bretleben thronen kunstvoll gestaltete Stuckmedaillons. Auf einem ist die heilige Cäcilia zu sehen - die Schutzpatronin der Kirchenmusik, insbesondere der Orgel. Der Legende nach lebte sie im 3. Jahrhundert. Sie soll das tragbaren Orgelinstrument „Portativ" erfunden haben und setzte sich mutig für ihren christlichen Glauben ein. Dafür erlitt sie den Märtyrertod. Ihr Abbild in der St.-Johannis-Kirche von Bretleben erinnert heute daran, wie tief Musik - besonders Orgelklänge - im geistlichen Leben verwurzelt ist. Doch Ihre Botschaft reicht über religiöse Grenzen hinaus: Musik verbindet Menschen unabhängig von Herkunft und Glauben.
Das gerade Cäcilia die Orgelempore ziert, ist kein Zufall, denn die Orgelgeschichte der St. -Johannis-Kirchen in Bretleben nimmt einen ganz besonderen Platz ein.
Wann genau das erste Orgelinstrument hier erklang, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Doch in dem Lexikon norddeutscher Orgelbauer, Band 1, wird berichtet, dass bereits 1628/29 ein Instrument mit neun Registern aus der Werkstatt des renommierten Eislebener Orgelbauers Ezechiel Greutscher in die Kirche von Bretleben eingebaut wurde. Gemäß Orgelbau-Lexikon von Flade erfolgte durch den Gleichen ein Umbau dieser im Jahre 1969. Greutscher zählte zu den bedeutenderen Orgelbauern seiner Zeit: 1611 baute er eine Orgel für die Arnstädter Barfüßerkirche, die dort 51 Jahre lang von Heinrich Bach und danach von Johann Sebastians Vetter Johann Ernst gespielt wurde. Die Bretlebener Orgelgeschichte nahm jedoch schon früh eine tragische Wendung: Wie der Heimatglocken-Ausgabe vom Juni 1929 zu entnehmen ist, berichtet die Chronik des Johann Jacob Carl - selbst Orgelschüler Johann Sebastian Bachs - und in Bretleben aufgewachsen, dass 1661 ein verheerender Brand die Kirche mit samt Orgel, Glocken, Pfarre und Schule in einer Stunde „erbärmlich eingeäschert" habe. Die Greutscher-Orgel erklang somit kaum mehr als drei Jahrzehnte.
Bereits 1669 wurde in der neu errichteten Kirche eine neue Orgel eingebaut - diesmal vom berühmten Orgelbauer Ludovicus Compenius. Gemäß „Acta Die Reparatur der Orgel in der Kirche zu Bretleben, 1808" verfügte die Orgel über 17 Register, für die damalige Zeit eine beachtliche Größe. Der Name Compenius dürfte sicherlich bei Musikfreunden sofort ein anerkanntes Raunen hervorbringen, genoss doch die Orgelbauerfamilie Compenius einen hervorragenden Ruf im Thüringer Raum. 1679 erfolgte eine Reparatur des Instruments durch Ludwig Compenius junior, dem Neffen des Erbauers. Diese Reparatur wird sowohl durch Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde von Erfurt und durch Carls Chronik belegt. Circa 130 Jahre lang erfreute sich die Gemeinde am Klang der Compenius-Orgel. 1808 führte der Frankenhäuser Orgelbauer Johann Christoph Großmann eine umfangreiche Reparatur an der Orgel durch. Das Leipziger Konsistorium empfahl hierzu ausdrücklich Großmann mit den Worten „allweil Großmann in Ansehung der Geschicklichkeit in größerer Sache als Scheidler (Orgelbauer aus Bennungen) war". Die Arbeiten wurden im Herbst 1808 von Großmann abgeschlossen – zum Preis von 500 Talern, 5 Groschen und 6 Pfennig. Fast weitere 50 Jahre lang erklang nun die Compenius/Großmann-Orgel in Gottesdiensten und Konzerten.
Doch die Zeit erforderte ihren Tribut: 1857 beauftragte der Königliche Landrat Herr Münchhausen den Orgelbauer Gerhardt, einen bauamtlich revidierten Kostenvoranschlag zur Mängelbeseitigung an der Orgel zu erstellen. Die Vorgabe war hierbei, dass nur die dringend notwendigsten Reparaturen veranschlagt und zur Durchführung gebracht werden sollen, denn längst zeichnete sich ab, dass sowohl Kirche als auch Orgel in nicht allzu ferner Zukunft neu gebaut werden müssten. Gerhardt legte ein Angebot in Höhe von 122 Taler vor. Die Reparatur wurde schließlich genehmigt und die Orgel konnte dann immerhin noch weitere ca. 40 Jahre gespielt werden.
1897 erfolgte ein Orgelneubau durch die angesehene Orgelbauwerkstatt „Julius Strobel Söhne“ aus Frankenhausen. Strobel war nicht nur in Thüringen hochgeschätzt, er baute unter anderem 1882 auch eine Orgel für eine niederländische Kirche. Es ist naheliegend, dass der in der Heimatglocken-Ausgabe von September 1932 erwähnte Bretlebener Tischler Louis Kästner (1858–1932), als „geschickter Handwerker, der lange im Orgelbausach gearbeitet hat“ viele Jahre seines Lebens diese Orgel betreute. Trotz ihrer kunstvollen Gestaltung und des prachtvollen Prospekts fiel die Orgel Ende des 20. Jahrhunderts mutwilliger Zerstörung durch Vandalismus zum Opfer.
Doch dann geschah etwas, das viele als Wunder bezeichnen – manche gar als Geschenk Gottes: Der 83-jährige Wilhelm Ringel aus Salzgitter in Niedersachsen – er war früher Ingenieur und nebenberuflich geprüfter Kirchenorganist sowie Chorleiter – machte der Kirchengemeinde in Bretleben ein außergewöhnliches Geschenk. Aus Altersgründen übergab er im Winter 2024 sein Lebenswerk – eine von ihm selbst gebaute Orgel mit drei Manualen, 30 Registern und über 1600 Pfeifen, die bisher in einem Anbau seines Wohnhauses untergebracht war – an die Gemeinde. Einige der verwendeten Bauteile, darunter das Chassis des Spieltischs, hatte er aus stillgelegten und abgerissenen Orgeln gerettet und in sein Instrument integriert. Der materielle Wert dieser Orgel wird auf etwa 500.000 Euro geschätzt. Die Orgelweihe fand am 16.11.2025, statt. So erfüllt nach Jahrhunderten bewegter Geschichte ein neues Instrument den Kirchenraum mit Klang – als Zeichen der Hoffnung, des Glaubens und der verbindenden Kraft der Musik.
Autor:Ines Telle |
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