Mit Luther zum Sieg?

In dieser Feldpostkarte beschwören zwei Kampfgefährten die Gottesfurcht und den Siegeswillen der Deutschen im Krieg: Luther und Bismarck als »Deutsche Eichen« 1917.
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Anhaltgeschichte(n): Das Reformationsjubiläum 1917 stand im Zeichen des Nationalismus

Von Jan Brademann

Manch einer beklagt sich, dass die Reformationserinnerung mit zu vielen Gegenwartsbezügen belegt ist. Man erkenne kaum noch, wofür die Kirche heute steht. Von der wissenschaftlichen Fundierung mancher Bilder ganz zu schweigen. Aber gibt es eine Alternative zu dieser Pluralität?
Schauen wir in das Jahr 1917. Das Herzogliche Konsistorium ermahnte im dritten Kriegsjahr das Kirchenvolk zum Durchhalten und beschwor den »schwere[n] nüchterne[n] Ernst der Pflicht«. Der Anhaltische Staatsanzeiger appellierte am 30. Oktober, das »Gedächtnis« Luthers »mit dem [zu] ehren, was uns als höchstes Symbol unserer Volksgemeinschaft erscheint, mit den deutschen Farben. Darum Fahnen heraus am 31. Oktober!«
Im Sonderblatt des Staatsanzeigers tags darauf wird die kulturelle Vormacht beschworen, die die evangelischen Länder geprägt habe; Luther habe die deutsche Kultur begründet, indem er den Deutschen ihre Sprache gegeben und ihre Kirche von Rom getrennt habe, wodurch die »finanzielle Aussaugung der Deutschen und … die nicht minder schamlose Geringschätzung der Deutschen durch die Romanisten« – das ging klar gegen Franzosen und Italiener als Kriegsfeinden – ein Ende gefunden habe. Eine zweifache Freiheit kennzeichne die deutsche Kultur durch Luthers Tat: die Autonomie des Einzelnen und die Freiheit des Staates von kirchlicher Bevormundung. Und schließlich leuchtete Luther durch das »Ideal des heldischen Glaubens« in die Gegenwart hinein.
Im Evangelischen Vereinshaus Dessau hatte Archidiakon Bindemann, Zweiter Prediger in Dessaus Marienkirche, am 29. Oktober über »Luthers Erbe an uns« gesprochen. In Gegenwart des Herzogs und der Prinzen Eduard und Aribert betonte er, dass Luthers Verdienste sich der Gegenwart durch das Nachempfinden seiner Persönlichkeit vermittelten; in ihr seien »evangelische und deutsche Art so innig« miteinander verbunden, dass Luther »als der Genius unseres Volkes erscheint«.
Den Auftrag hatte Bindemann durch das Konsistorium bekommen: Mit Blick auf die Diözesanversammlungen 1917 hatte der Generalsuperintendent angeordnet, es müsse in den Referaten »Nachdruck« auf zwei Aspekte gelegt werden: erstens über die Mittel zu reflektieren, wie der Reformator als »Urbild deutsch-evangelischer Frömmigkeit lebendig zu erhalten« und wie zweitens diese Frömmigkeit von den »ihre Eigenart zersetzenden fremden Elementen frei zu halten sei«. Bindemann präsentierte dann auch am
13. Dezember 1917 als These, dass man unbedingt »die religiöse Ausländerei, speziell die Anleihe bei der neukalvinistisch = englisch = amerikanischen Frömmigkeit« – hier rückten nun also die angloamerikanischen Kriegsgegner in den Blick – ablehnen müsse.
Die verhängnisvolle Verbindung von Nationalismus und Protestantismus im Kaiserreich – vor 100 Jahren verdichtete sie sich besonders stark. Das Jahr 1917 erinnert uns aber auch daran, dass natürlich heutige Geschichtsinterpretationen kritisch gelesen werden müssen, da sie der Gegenwart entspringen, dass aber eine einheitliche Reformations-
erinnerung keine Alternative ist.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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