In der Sprache des Alltags

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeinde­aufbau
  • Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeinde­aufbau
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Um über den Glauben zu reden, benötigt man kein Theologiestudium. Sogenannte Laien sollten es viel öfter tun, findet Christine Reizig, die anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Angela Stoye sprach mit ihr auch über Möglichkeiten, das Können auf diesem Gebiet zu erweitern.

Ich habe den Eindruck, dass eher die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst sprachfähig im Glauben sind. Wie sehen Sie das?
Reizig:
Ja und nein. Ich erlebe mich als Theologin auch oft als nicht schlagfertig genug. Ich denke, sogenannte Laien haben eine andere Sprache, wenn es um den Glauben geht. Es ist niemandem gedient, wenn dogmatische Richtigkeiten verbreitet werden. Nötig ist eine Übersetzung des Glaubens in die Sprache des Alltags. Das können oftmals die Altenpflegerin X und der Malermeister Y besser als Theologinnen und Kirchenmusiker.

Aber etliche haben – mit Blick auf vermeintliche oder bestehende Wissenslücken – Bedenken. Da nehme ich mich nicht aus …
Reizig:
Sprachfähig über den Glauben zu sein, heißt nicht, ich muss auf jede Frage eine Antwort wissen. Viele verfallen diesem Irrtum und trauen sich deshalb nicht. Für mich geht es eher darum, Mut zu wecken, über das zu reden, was mir wichtig ist, was mir Mut macht, mich im Alltag trägt
und hält.

Von dem französischen Schriftsteller Paul Claudel sind die Sätze überliefert: »Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.« Wie stehen Sie dazu?
Reizig:
Teils hat er recht, teils nicht. Es ist erstens nicht werbend für den Glauben, wenn ihn jemand ständig wortreich vor sich her trägt. Zweitens muss zweifelsohne das Reden durch das Tun gedeckt sein. Auf bekennende Christinnen und Christen wird kritischer gesehen als auf andere. Wir leben aber drittens in einer so entchristlichten Welt, dass nicht mehr automatisch vom Tun auf den Glauben geschlossen wird. Deshalb ist das Tun sehr wichtig, das Reden gehört aber unbedingt dazu.

Ein Blick auf Ehrenamtliche: Kirchenälteste sollen ihre Gemeinde nicht nur in Bau- und Finanzfragen leiten, sondern auch geistlich. Geschieht das überhaupt?
Reizig:
Im Paragrafen 15 der Verfassung unserer Landeskirche steht vor der Aufzählung konkreter Aufgaben des Gemeindekirchenrates (GKR), dass er die geistliche, geschwisterliche Leitung der Kirchengemeinde ist. Das bedeutet, dass die Frage nach dem persönlichen Glauben existenziell ist. Jede Gemeinde ist froh, wenn sie Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Fragen werben kann, für die Kenntnisse nötig sind, für Bau- und Finanzfragen, für den Friedhof und Verpachtungen.
Trotzdem ist ein GKR etwas anderes als der Vorstand eines Vereins. Als Grundfrage soll immer dahinterstehen, was den Glauben fördert und wie missionarische Ausstrahlung möglich ist. In der Praxis ist es aber manchmal so, dass das »geistliche Herz« der Gemeinde woanders schlägt – in einem Hauskreis, einer Gebetsinitiative, einem Familienkreis etwa. Ein reifer GKR sollte das erkennen und dringend den regelmäßigen Kontakt suchen.

Wie kann die Sprachfähigkeit im Glauben verbessert werden? Und wo?
Reizig:
Sprachfähigkeit wird verbessert, indem man redet. Und das sollte möglichst in den Gemeinden und Regionen geschehen. Gemeindeglieder sollten nicht nur die Predigten hören, sondern selbst zu Wort kommen. Das schult – übrigens auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir merken manchmal gar nicht, wenn wir eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird. Auch wir brauchen dringend das Gespräch. Für mich ist da die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren sehr heilsam.

Da die Laienakademie zurzeit ruht: Gibt es spezielle Kurse für Nicht-Theologen?
Reizig:
Zum einen gibt es die jährlichen Fortbildungen für Kirchenälteste an einem Wochenende in Gernrode. Die Themen sind oft auf den Glauben bezogen oder verbinden Glaubensfragen mit Verwaltung und Organisation. Zum anderen sind die Glaubensgespräche in den Gemeinden wichtig. GKR-Klausuren tun dem Gremium oft richtig gut, weil es möglich ist, anders ins Gespräch zu kommen als bei Sitzungen mit Tagesordnung.
Ich empfehle da einen Glaubenskurs für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit dem Titel »Sehnsucht nach mehr«. Er lädt dazu ein, sich mit Basisfragen des Glaubens zu befassen (Taufe, Kirche, Bibel, Abendmahl) und davon ausgehend geistliche Elemente mit in die Sitzungsarbeit zu nehmen. Dazu lasse ich mich gern auch einladen. Das Arbeitsmaterial ist aber so gut ausgearbeitet, dass es GKR oder Regionalversammlungen auch selbst verwenden können. Es gibt eine Vielzahl von Kursen auf dem Markt.
Ebenso ist es sinnvoll, sich nach geistlichen Kompetenzen vor Ort und in der Region umzusehen. Wichtig ist, dass Älteste und andere engagierte Menschen in den Gemeinden ihr Bedürfnis, mehr über Glaubensfragen reden zu wollen, auch deutlich machen und ihre konkreten Fragen stellen.

Wann ist für Sie der Idealzustand auf dem Gebiet »sprachfähig im Glauben« erreicht?
Reizig:
Mein Traum, meine Vision, ist, dass nach Losung und Lehrtext vom
3. Juli der Glaube in den Herzen der Gemeindeglieder ein brennendes Feuer ist, dass wir einfach nicht aufhören können, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben (Jeremia 20,9; Apostelgeschichte 4,20).

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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