Ein unbequemes Denkmal

Nicht ins Museum: Die Abstimmung darüber, ob die Glocke im Herxheimer Kirchturm bleiben darf, wird am 12. März wiederholt.
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Streitfall: Die stillgelegte »Hitler-Glocke« in Herxheim soll wieder läuten. Wie eine Kommune in der Partnerkirche der Pfalz mit einem Erbstück umgeht.

Von Florian Riesterer

Die 1934 gegossene Glocke in der evangelischen Kirche im pfälzischen Herxheim am Berg mit der Inschrift »Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler« und einem Hakenkreuz bleibt hängen. Das hat der Herxheimer Ortsgemeinderat am 26. Februar beschlossen. Mit zehn Ja- und drei Nein-Stimmen folgte das Gremium damit den Empfehlungen der Glockensachverständigen der pfälzischen Landeskirche, Birgit Müller. Allerdings muss die Abstimmung wegen eines Formfehlers am 12. März wiederholt werden. Denn es wurde geheim abgestimmt, was ohne entsprechenden Beschluss mit Zweidrittelmehrheit nach Gemeindeordnung nicht zulässig war. Erwartet wird aber, dass das Ergebnis gleich ausfällt.

Die Glocke ist zuallererst ein Musikinstrument

Seit Sommer 2017 erregt die Glocke im rund 800 Einwohner zählenden Herxheim die Gemüter und macht bundesweit Schlagzeilen. Im Laufe der Debatte musste der Vorgänger des derzeitigen Ortsbürgermeisters wegen relativierender Aussagen über die NS-Zeit in einem Interview mit dem Magazin »Kontraste« zurücktreten. Seit September 2017 ist die Glocke stillgelegt.
Laut dem nun vorgelegten Gutachten ist die Glocke sowohl ein zeitliches Dokument als auch ein Klangdokument und steht unter Denkmalschutz. Im öffentlichen Interesse bedürften auch unbequeme Denkmäler Schutz und Pflege, heißt es darin. Zuallererst sei die Glocke, die der Ortsgemeinde gehört, ein Musikinstrument, das seit 84 Jahren zu dem Dorf gehöre und damit ein akustisches Denkmal sei. Die problematische Inschrift und Symbolik bewirke, dass die Glocke ein Mahnmal gegen das Vergessen sei.
Gesetzlich sei es weder erlaubt, die Glocke zu verkaufen noch einzuschmelzen, stellt das Gutachten fest. Als einzige Alternative zum Verbleib im Kirchturm nennt Birgit Müller die Entsorgung in einem Museum. Die Glocke nur für Sonderausstellungen aus dem Museumsdepot hervorzuholen, sei jedoch eine Flucht vor einer angemessenen und aufgeklärten Erinnerungskultur.
Der Gemeinderat habe es sich bei der Diskussion um die Glocke nicht einfach gemacht, sagte Bürgermeister Georg Welker (parteilos) in der Ratssitzung. Der Ruhestandspfarrer sprach von einem Dilemma. Der Rat habe nur die Wahl zwischen zwei Entscheidungen, die beide negative Auswirkungen hätten. Welker, der im Dezember vergangenen Jahres zum Bürgermeister gewählt worden war, hatte sich bereits im Vorfeld seiner Wahl für einen Verbleib der Glocke ausgesprochen.
Der Gemeinderat beschloss auch, dass an der Kirche eine Mahntafel angebracht werden soll. Außerdem werde die Gemeinde jedes Jahr zu Veranstaltungen einladen, die sich mit dem Nationalsozialismus sowie mit Themen wie Gewalt und Unrecht in Geschichte und Gegenwart befassen. Demnächst soll die Glocke auch wieder läuten. Geeigneter Zeitpunkt könnten die Osterfeiertage sein, sagte Welker, der mit dem Presbyterium über diese Pläne sprechen will.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der sich bereits im Laufe der Debatte genauso wie auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) für ein Abhängen ausgesprochen hatte, kritisierte die Entscheidung, die Glocke hängen zu lassen, scharf. Sie mache ihn fassungslos und zeuge von einer tiefen Respektlosigkeit vor allen Opfern des Nationalsozialismus. »Wie eine Kirchenglocke, die einem der größten Menschheitsverbrecher der Geschichte gewidmet ist, mit dem Christentum vereinbar sein soll, ist mir ein Rätsel«, sagte Schuster.

Fünf Glocken mit problematischen Inschriften

Nach Informationen der Evangelischen Kirche der Pfalz gibt es in der Landeskirche zehn Glocken aus der NS-Zeit. Davon sind fünf mit problematischen Inschriften versehen. Den Austausch dieser Glocken befürwortet die Landeskirche. Zur finanziellen Unterstützung betroffener Gemeinden stellt die Kirche 150 000 Euro zur Verfügung. Allerdings ist wie in Herxheim am Berg auch im Pirmasenser Stadtteil Winzeln beschlossen worden, die Glocke nicht zu entfernen, sagte der Sprecher der pfälzischen Landeskirche, Wolfgang Schumacher.
Entfernt werden dagegen nach entsprechenden Beschlüssen vor Ort die Glocken in der simultan genutzten Wendelinuskapelle im südpfälzischen Essingen und in Mehlingen bei Kaiserslautern. Die fünfte der Landeskirche bekannte Glocke mit problematischer Inschrift hängt im saarpfälzischen Homburg-Beeden. Über die Zukunft dieser Glocke hat sich die Gemeinde bisher nicht geäußert.

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