Kalenderblatt
»Umkehr führt weiter«

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Vor 30 Jahren tagte die Thüringer Jugendversammlung in Gotha.
Von Aribert Rothe

»Die Zeit ist erfüllt! Tut Buße!« Mit diesem Umkehrruf hat Jesus seine Wirksamkeit begonnen (Markus 1,15). In der krisenhaften Endzeit der DDR wurde das 1988 zum Motto des Thüringer Kirchentags: »Umkehr führt weiter«. Die evangelische Jugendarbeit lud vorher nach Gotha ein. Vier Tage ab Himmelfahrt »wollen wir miteinander etwas wachsen und entstehen lassen.«
Eine basisdemokratische Vorbereitungsgruppe aus Jugendlichen und Jugendpfarrern befasste sich intensiv mit der Jugendsituation und entwickelte daraus ein dynamisches Programm. Es richtete sich an Junge Gemeinden und sozialethische Basisgruppen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Pro Kirchenkreis gab es fünf Plätze. Die Gruppen sollten vorab klären, was sie am meisten bewegt: »Was ist los mit der Jugend in unseren Kirchen? Was gibt ihr heute Zuversicht, bestimmt ihr Lebensgefühl? Wie schätzen junge Christen ihre eigenen Kräfte ein, etwas hinzunehmen, etwas zu verändern, sich konstruktiv einzumischen? Umzukehren und umzugestalten ist die ewig junge Verheißung des Glaubens, die weiterführt.«
In Arbeitshilfen wurden offiziell missliebige Begriffe der sowjetischen Reformpolitik (Umbau) mit jugendgemäßen Zuschreibungen (Aufbruchstimmung), offiziellen Belegstellen (Staat der Jugend), ideologiekritischen Reizworten (Stagnation, Unterwürfigkeit, Zweigleisigkeit) und theologischen Ansätzen (Glaube, Zuversicht, Umkehr) so provokativ wie möglich und so unangreifbar wie nötig miteinander verbunden.
Die Verantwortlichen hatten Mühe, die Staatsorgane zu beschwichtigen. Insgeheim war die Stasi-Überwachung vielseitig abgesichert. Ein Vertreter des ehrenamtlichen Landesjugendkonventes berichtete als Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindberührung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), »IMB Marcus«. Es gab Indizien, dass ein junger Mann unter Druck gesetzt worden war, der sich tragischerweise das Leben nahm – und keine Chance, dem nachzugehen.
Ein pfiffiges Signet für Plaketten und Plakate hatte Wieland Hartmann gestaltet. Eckhardt Hoffmann: »Ein kleines Männchen, auf einer ausgestreckten Hand. Deren ausgestreckter Zeigefinger zeigt nach links, das Männchen läuft aber in die Gegenrichtung, nach Meinung der Genehmigungsbehörden Richtung Westen. Die Plakette wird als missverständlich ausgelegt und das Tragen außerhalb des Augustinerklosters verboten. Wie groß die Anteilnahme der Staatsorgane an dem Treffen ist, erfahren wir im Herbst 1989: In den gegenüber dem Gemeindehaus liegenden Plattenbauten mussten Keller ausgeräumt werden, um Platz für die Staatsicherheitsorgane und ihre Überwachungstechnik zu schaffen.«
Insgesamt kamen 350 Teilnehmende einschließlich der Gäste aus Partnerkirchen in Hessen, Württemberg, Niederlanden, Schweden und Ungarn sowie der methodistischen Freikirche. Alle fanden Privatquartiere in den gastfreundlichen Gothaer Kirchengemeinden.
Vierzig Gesprächsleiter, Studierende aus kirchlichen Ausbildungsstätten, waren gut vorbereitet worden, und drei Prozessbegleiter gaben regelmäßig Feedback. Jugendliche schrieben nachts das freche Blättchen »Frei Schnauze« mit den gefundenen Umkehrideen.
Eindringlichen Auftakt bot die fiktiv-biographische Zeitgeschichte »Sabine Jahrgang 70«. Typisierte Lebensdaten neben gesellschaftlichen Fakten verdeutlichten, wie die 1970er Jahrgänge in einer ideologisch durchgestalteten Lebenswelt aufgewachsen waren. In Zweiergesprächen wurden lebhafte Vergleiche gezogen. Persönliche Wortmeldungen wurden auf farbigen Zetteln notiert und Empfindungen zugeordnet wie Angst, Zorn, Ohnmacht, Einsamkeit. Auf einer großen Landkarte ergab das ein buntes Bild jugendlicher Seelenlandschaft.
Spannende Impulsvorträge kamen von Landesjugendpfarrer Jürgen Friedrich »Zur Situation Jugendlicher in der DDR« und Propst Dr. Heino Falcke zu »Umbau im Leben«; eine Himmelfahrtspredigt von Landesbischof Werner Leich, eine Bibelarbeit des Berliner Stadtjugendpfarrers Wolfram Hülsemann und eine berührende Andacht vom Jugendvertreter Christian Kern.
Das Plenumsgespräch im Anschluss an Falckes Vortrag war von ungewöhnlichem Tiefgang. Zunächst war es auf die Ausreiseantragsteller fixiert. Der Referent ermutigte dazu, bewusst zu bleiben und sich hier für Veränderungen zu engagieren. Ein längerer Gesprächsgang widmete sich den Fragen von Macht und Vollmacht, Autorität und Gewalt. Falcke: »Die vorrangige Option der Kirche geht den Weg der Gewaltlosigkeit, auch im militärischen Bereich!«
Viele sprachen mutig aus, was sie bewegt: Ohnmachtserfahrung durch Überwachungsstaat und Armee, keine freie Entfaltung, Behinderungen in der Umweltarbeit, Unmündigkeit durch das Bildungssystem, Überfütterung mit Ideologie, Mitläufertum, Ausgrenzung wegen Nichtteilnahme an der Jugendweihe, gefälschte Planerfüllung, Stagnation im grauen Alltag, Zukunftsangst. Dagegen wurde die Junge Gemeinde als Raum der Freiheit, Zuversicht und Treue; Vertrauen, verlässliche Freundschaften als hohe Werte geschätzt.
Vielfältige Musik spielte eine große Rolle; Pantomime-Szenen und Bilder wurden meditiert, Lieder gesungen und Texte vorgetragen. Am letzten Abend wurde mit bitterer Ironie das Tribunal eines Jugendlichen durchgespielt, der zu mehrjähriger Armeeverpflichtung gepresst werden soll, sich aber für den waffenlosen Bausoldatendienst entscheiden will. Zum Abschluss wurde mit der Gothaer Gemeinde ein eindrücklicher Sendungsgottesdienst gefeiert. Jugendliche äußerten spontan, was sie auf dem Herzen hatten. »Mein erstes Treffen dieser Art – überwältigend, innerlich aufgewühlt. In mir kribbelt es wie lauter Ameisen.«
Die Gedankenanstöße wurden auch in den Erfurter Kirchentag eingebracht. Sie wirkten darüber hinaus und sollten nach einem Jahr inspirierend in die Bewegung einmünden, die zur Friedlichen Revolution wurde. Doch ist es bislang weder zu einer vergleichbaren Jugendversammlung gekommen noch hat sich der Umkehrruf Jesu erfüllt.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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